Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 71 (5.9.1904)
- Date
- 1904-09-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1508 ihre Eltern Chain, und Myriam Korn wollten sie am Milchten Tage vor Gericht aus den Klauen der Jesuiten reißen. Dies verursachte wohl einen „Auflauf" von Christen sowohl wie von Juden, aber die einen und die anderen sahm anscheinend theilnahmslos dem stillen Kampfe von Eltern und wildfremden Leuten um ein Kind zu. Erst als der Vertreter des Jesuiten Klopotowski den christlichen Haufen haranguirte und der Polizeigewaltige des Ortes Maxim Tokarski drein rief: „Nun los. Jungens. nach Kischinewer Art!" während sein Gehilfe Osmalski fünf Revolverschüste abgab. dann erst warfen sich die Christen, allerdings mit Herrn Tokarski und den Gendarmen Melnikow. Zizkin und Golod an der Spitze, auf die Juden. Daß kein einziger Christ zur Verantwortung gezogen wird, nicht einmal der famose Maxim Tokarski, dem übrigens eine der Zeuginnen vor dem Staatsanwalt Nicoli Domochowski und dem Untersuchungs richter Alexander Karpinski den Versuch einer Nothzllchtigung auf den Kopf zusagte —, darüber schweigt sich der offiziöse Telegraph natürlich aus. Dagegen sollten 60 Juden eingekerkert werden, wenn sie nicht bei Zeiten entfloben wären; nur neun befinden sich vorläufig im Gefängniß zu Siedlez, nämlich D. Adler. M. Liebermann. A. Rappoport. I. Pankiewitz. M. Feigenbaum. I. Feigenbaum. M. Oelbaum, I. Weinberg, B. Wildbaum. - Welchen Vergehens sie eigentlich angeklagt werden, weiß kein Mensch." Feuilleton. Mine vereitelte Wochzeit von N. xZaynev. iw „Es thut mir weh." entgegnete Pappenheim, indem er tbeilnehmend die Hand des Jünglings ergriff, »daß ich Ihnen die an und für sich so erklärliche gute Meinung über Ihre Pflegeeltern zerstören muß. Sie können den Schmer.) nicht hoch genug anschlagen, den Ihr Verschwinden Ihren Pflegeeltern bereiten wird! Seien Sie sicher, wie groß er auch sein mag, so groß, so tief ist er nicht, wie der Schmerz Ihrer leiblichen Ellern war, als man ihnen ihr erstgeborenes Kind mit Gewalt fortnahm. Es ist wahr. Ihnen persönlich haben Ihre Pflegeeltern Großes gethan, wenigstens wenn nran den Maßstab anlegt, nach dem der große Troß mißt. Aber Ihre Pflegeellern haben sich selber eine größere Wohlthat erwiesen als Ihnen, indem sie ihr ungeheures Vermögen nunmehr nicht lachenden Erben, sondern einem Kinde ihrer Erziehung hinterlaffen konnten, keinem Judenkinde, denn nach ihrer Meinung hatten sie ja ein Chriflenkind aus Ihnen gemacht. Sie glauben vielleicht, ich übertreibe? Sie können jeden Augenblick die Probe darauf mache». Treten Sie heute vor Ihre Pflegeeltern hin und erklären Sie ihnen: „Ich liebe und ehre Euch, wie ei» leibliches Kind nur seine Eltern lieben und ehren kan», ich danke Euch für die vielen Wohlthaten. mit welche» Ihr mich überschüttet habt, aber ich bin kein Christentind, ich bin als Jude geboren und' möchte als solcher leben und sterben Gestartet mir das. ich verspreche Euch dagegen, daß ich nie meine leiblichen Eltern auf-» suchen will, ich will bei Euch bleiben, aber als Jude, will effen, trinken, beten. Gottes Gesetz lernen wie ei» Jude, gewährt mir diese eine Bitte!"-Glaube» Sie, daß Ihnen diese Bitte erfüllt wird? Lieber erklären Ihre Pflegceltern Sie für verrückt und stecke» Sir in ein Irrenhaus, als daß sie den Gedanken ertragen, ein Jude sei der Sohn und Erbe des Grafen Esterhazy!" Einen Augenblick schwiegen beide, dann ergriff Pappenheim zum letzten Male das Wort: „Josef, ich habe Sie von der ersten Stunde unserer Bekanntschaft an nicht verlockt und nicht überredet. Ich weiß, welch' ein großes Opfer Sie Ihrem Judenthum zu bringen im Begriffe sind. Aber Sie sind noch frei. Sie können jetzt noch thun und lassen, was Sie wollen. Bleiben Sie, wo Sie sind oder kommen Sie zu uns; aber wie Sie sich auch entscheiden, thun Sie das, was Sie thun, nicht halb, thun Sie's ganz. Haben Sie den Muth, die Folgen Ihres Denkens und Handelns zu ziehen! Bleiben Sie nicht auf halbem Wege stehen! Sagen Sie sich von den Liebesöanden und den goldenen Fesseln, die Sie binden, ganz los oder gar nicht!" Wieder schwiegen beide einige Augenblicke. Aber jetzt brach der Jüngling das Schweigen: „Herr Pappenheim, ich sage mich ganz los! Hier haben Sie meine Hand darauf! Ich werde Ihre Rathschläge befolgen. — Sind Sie morgen früh zwischen sechs und sieben Uhr hier an der Stelle mit der Meßscheibe beschäftigt. Ich fahre dann hier vorbei und nehme von Ihnen hier Abschied, indem ich den Wagen voraus fahren lasse. — Jetzt kein Wort mehr; dort kommt der Oberförster, den werden wir heute nicht mehr los. Aber wir haben auch nichts mehr unerörtert gelassen. Ich hoffe, daß sich später mir noch einmal Gelegenheit bieten wird. Ihnen dankbar die große Wohlthat zu vergelten, die Sie mir erwiesen hckben!" XV. Zehn Tage nach dieser Unterredung ging vom Schloßgut Thieny die schier unglaubliche Kunde durch das ganze Land: der einzige Sohn und Erbe des Grafen Esterhazy sei verunglückt. Von Tiszafurd hatten die tiefbetrübten Eltern noch einen längeren Bericht von ihrem Sohne erhalten; das war das letzte LebenS- - i