Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1904)
- Date
- 1904-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1485 Keuillet 0 m Wahrheit und Wichtung. Von Friedrich Rott. „£)Ho," füsterte sie enMi^^, „lieber Otto. Gott wird Dir nicht nur verzeihen — er wird Dich segnen." „Und Du? —" „Ich werde für Dich beten." sagte sie erglühend, mit leiser, bebender Stimme. - Eine geraume Zeit herrschte Schweigen im .Krankenzimmer. Sein Blick hing unverwandt an ihr, deren Herz überströmte in unaussprechlichem Dank, war doch ihr sehnlichster Wunsch erfüllt. Und was er fühlte, was er dachte. — Er mutzte sich vor allem Klarheit verschaffen. „Erna." begann er endlich, „ich möchte eine Frage an Dich richten — aber wirst Du mir nicht zürnen, wenn meine Frage Dir indiscret erscheint?" „Frage," erwiderte sie. indem sie den Blick ihm zuwandte. „Ist es wahr, datz Du mit dem Spitalarzt. mit dem Doktor Weigner verlobt bist?" „Wer hat Dir das gesagt?" „Die Schwester, die mich pflegt. Sie sagte, der Herr Doktor Weigner interessire sich besonders für mich, als seinen Kollegen, deshalb habe er seine Braut, Fräulein Kehler, ersucht, sich zuweilen nach mir umzusehen. Aber als ihr gestern gleichzeitig hier wäret, habt ihr nicht den Eindruck eines Brautpaares geuackü." „Wir sind auch nicht verlobt." «Das heiht. offiziell seid ihr noch nicht verlobt, aber ihr habt einander das Wort gegeben, nicht wahr?" In athemloser Spannung blickte er zu ihr auf, sie aber schüttelte verneinend den Kopf. «Wir sind wcder verlobt noch versprochen. Weigner hat mir zwar seine Hand angeboten, aber —" „Du hast ihm noch nicht darauf geantwortet?" „Doch, ich habe ihm sofort geantwortet." „Was hast Du ihm geantwortet? Erna, ick' bitte Dich, sage mir's." ..Was hätte ich ihm antworten sollen? Ich habe ihm für die Ehre gedankt, die er mir durch seinen Än trag erwiesen und mein Bedauern ausgesprochen, datz ich ihn nicht annehmen kann." „Genau dasselbe, was Du mir damals geant vortet hast. Er ist vermuthlich auch nicht religiös?" „Doch. doch. Weigner ist streng religiös." JInb dennoch hast Du ihn abgewiesen! Ich bitte Dich um's Himmelswillen, sage mir. weshalb hast Du seinen Antrag nicht angenommen? Er ist doch ein hübscher Mann, hat ein sympathisches Wesen, und »vcnn er autzerdem streng religiös ist —" ..Aber ich kann doch nicht alle hübsche, fromme Leute heirathen." entgegnete sie gezwungen lachend. „Davon ist auch nicht die Rede — Erna, liebe Erna, wenn Du mir nur sagen wolltest, weshalb Du Weigners Antrag zurückgewiesen hast — hast Du vielleicht einen Anderen lieber als ihn?" ..Ja." sagte sie crröthend und den Blick zum Fenster wendend. Er athmete schwer auf. „Das habe ich mir denken können." sagte er gepresst, und wie ein Schatten lagerte es sich auf feinen ausdrucksvollen Zügen. Wieder herrschte längeres Schweigen, der Athem des Kranken ging rasch. Endlich begann er von Neuem: „Du meinst, ich hätte nicht oft an Dich gedacht — ach. wie schlecht kennst Du mich. Freilich, in Freundschaft habe ich nicht immer Deiner gedacht - aber im Aerger. im Groll — iveil ich Dir's nicht verzeihen konnte, datz Du mich zurückgewiesen hast. — Und ich hatte Dir doch geschrieben, datz ich Dich in nichts hindern würde, ja, sogar um Deinetwillen alles halten wollte —" „Aber von nun an wirst Du alles halten — und zwar nicht um meinetwillen." Der Schatten wich von seiner Stirn, in seinen Augen leuchtete es wieder hell. „Alles werde ich halten — alles," sagte er. hoch aufathmend, «nicht um Deinetwillen. sondern einzig und allein um meinetwillen. — Aber, nicht wahr, beten wirst Du doch für mich? —" „Immer werde ich für Dich beten." sagte sie, indem sie seine Hand leise drückte, ..so lange ich lebe, werde ich für Dich beten — für .Keinen werde ich soviel beten, wie für Dich." „Nun, für den. den Du lieber hast, wirll Du doch vcrmuthlich mehr beten." sagte er trübe lächelnd. „Für den. den ich lieber habe? ich verstehe Dich nicht —" von wem sprichst Du?" «Du sagtest doch soeben, datz Du einen anderen tu bcr hast—" „Lieber als Weigner." flüsterte sie über und über erröthend. «ja, das habe ich gesagt." „Erna!" jauchzte er. indem er ihre Hände ergriff und sich hastig aufrichtete, «verstehe ich Dich recht?" «Um des Himmelswillen. Otto! lege Dich nieder! — Ja. ja. Du hast recht. — Aber ich bitte Dich um Gotteswillen! lege Dich langsam wider nieder — wenn der Verband sich verschieben — eine Blutung eintrcten würde. —" «Fürchte nichts, Geliebte, etwas versiehe ich doch auch noch." Aber er entsprach doch ihrer Aufforderung, lietz sich langsam zurücksinken in die Polster, während ein unaussprechlich glückliches Lächeln seine Lippen umspielte. „Also ich habe Dich recht verstanden, Erna, Du