Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1904)
- Date
- 1904-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Edelstein sich finde, der. eines besseren Looses Werth, hinaufgefischt werden müßte an der Sonne Licht. So darf kein Jude schreiben, der, wurzelnd in der Thora Grund, seinen theuersten Schatz im eigensten Kreise bewahrt, daß kein Staubkorn sein Glätte trübe und er den alten tausendjährigen Glanz noch besitze, wenn den Generationen der spätesten Zukunft das alte, ruhmbeladene Bäiererbc wird. — So fragen wir nicht. Wohl aber fragen wir. so laut und so eindringlich wir nur können: Hat Israel denn wirklich den alten Stolz, die alte Selbstachtung verloren, daß es die Schmach nicht fühlt, mit seinem Sinaischmuck bediademt, in einen Kreis hineingefügt zu werden, wo es die .Krone sich erbetteln muß, die ihm gebührt, und weil vertrauensselige Propheten ihm ein weitbinausgerücktes Herrscherthum weissagen, schon jetzt, für nichts und wieder nichts die eigene Haut zu Markte trägt? Was sind sie uns. was sind wir ihnen? Wir kennen-uns nicht. Wir haben nicht die geringsten Berührungspunkte miteinander. Wenn der geistige Gehalt, der innere Sinn verschieden, was bleibt denn übrig, worin die Identität gesunden tverden könnte? Juden sind wir. Wenn sie sich Juden nennen, so ist das eine widerrechtliche Usurpation eines nur durch langjährige Erziehungsarbeit zu erwerbenden Titels. j Wenn keine so erschreckende Begriffsverwirrung herrschen würde, bliebe es den Juden erspart, sich mit den Zionisten herumzubalgen. Denn dann hätten sie es mit einer Partei zu thun, die auch äußerlich mit dem Iudenthum keine Berührungspunkte hätte, und statt gegen unsere studentisch „jugendliche Verstiegenheit" zu Felde zu ziehen, hätte es jener AnonySmus der jugendlichen Versunkenheit eines anderen Studenten überlassen, zwischen Iudenthum und Zionismus eine Gleichheit der konkreten Ziele herauSzuspüren. In Sünde ist er geboren, in Sunde wird er sterben. Weitab, fern von der jüdischen Svhäre Hot seine Wiege gestanden. Ebendort wird er auch sein Grab einst finden. Keiner jüdischen Mutter Sc^roß hat dieses Kind getragen. Einst, an einem stürmischen Tage, fand man es am Meeresstrand, so von ungefähr hingespült von den Wellen der Zeit. Menschen, die ihres Lebens Zweck verfehlt, sahen und nahmen das Kind, und groß geworden, ward es zu ihrer Augen Weide, »um Lichtstrahl ihres verdüsterten Daseins. Aber was geht denn dieses Kind den Juden an? Eine geistige Iudensrage gibt es für ihn nicht. Er kann als Jude seines Lebens Zweck erfüllen, auch ohne Land und Staat. Er kann des Daseins heiterste Befriedigung empfinden, auch wenn die Zeiten Licht und Luft ihm rauben. Wohl kann und soll er streben nach weiterem Spielraum seiner Kräfte, aber nicht sein LebensglLä. das Hochgefühl der eigenen Größe bedingt sein lassen vom Wohlwollen semitenfeindlicher Nationen. Schmerzt ihn dos Elend seiner Brüder, nun wohl, dann grüble er auf andere Weise. Dann trete er mit unerschütterlicher Ruhe hin und spreche ernst und feierlich: Die Frage, wie dem Proletariat des Ostens aufzuhelfen fei, ist ein Th eil der großen sozialen Frage, an deren Lösung sich seit unvordenklicher Zeit die führenden Geister der Menschheit die Zahne zerbrechen. Was hat den» aber Zion mit dem Proletariat zu schaffen! Wozu verquickt man denn die jüdischsoziale Frage mit fremden, unverstandenen Begriffen, die erst am Ende aller Zeiten zum Gemeingut aller Menschen werden werden! Die materielle Judenfrage, die allein der Jude als bestehend anerkennen darf, muß, wenn überhaupt, doch wahrlich auch auf phrasenreinem Wege ihre Lösung können. Was wollen die hungernden Schaaren Rußlands und Rumäniens von Mutter Zion? Zion ist keine Suppenanstalt für Enterbte. Zion ist keine Melkkuh, die hungernde Lämmer mit Milch versorgt. Zion ist kein Nachtasyl, wo wandermüde Pilger das gramerfüllte Haupt zur Ruhe betten können. Zion ist das göttliche Höheziel, auf Moria's Höhe wird einst das Frühroth tagen, dem alle Menschheitsentwicklung entgegenreift. Im Rahmen des alten einen neuen Zionismus? Wer braucht ihn! Wir nicht. Eine geistige Judennoth exiftirt für uns nicht. Die Beseitigung der materiellen Judennoth versuche man mit der Ruhe und Sachlichkeit eines Geschäftsmannes, der mit Thatsachen und Menschen rechnet und seine Nase in das Kursblatt, nicht in Dinge hinrinsteckt, von welchen er nichts versteht — und wahrlich, kein Jude wird auf Erden leben, der einem solchen Unternehmen seine opferfreudige Bethciligung versagt. Was will also der Misrachi? Die vom Zionismus geweckten Kräfte dem gesetzestreuen Iudenthum dienstbar machen? Er gestatte der jugendlichen Verstiegenheit eines Studenten, ihm den Gedanlen zur Erwägung anheimzugeben, daß. wenn die Strafte, die der Zionismus geweckt hat. einmal so weit gediehen sein werden, daß sich unser Anschluß gefahrlos vollziehen kann, dieser unser Anschluß eo ipso überflüssig geworden sein wird. Die Orthodoxen brauchen dann nicht mehr Zionisten zu werden, weil die Zionisten Orthodoxe geworden find. Sie sollen zu uns kommen, nicht wir zu ihnen. So viel Stolz sollte doch Jedermann besitzen, um einer Bewegung fern zu bleiben, die ihm vielleicht die Uebermacht und Vorder rscha ft gewähren wird, wenn sein Kampsesmuth im Laufe der Jahrzehnte oder Jahrhunderte nicht erlahmt, oder wenn er mit unermüdlichem Eifer recht stcinerweichend darum zu winseln weiß, die aber ihrer ganzen Entstehung und bisherigen Lebensbedingung nach ein in Sünde geborenes und in Sunde erhaltenes Kind stets bleiben wird, auch wenn