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Der Israelit · 1904-09-01 · Heft 70 (1.9.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 70 (1.9.1904)
Date
1904-09-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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abgerundeten Anschauung zu ergründen, dann w!rd man sich mit Unwillen von dieser Misrachipartei mehr noch als von der großen Mutterbeweyung abwenden. weil der trefene Zionismus eine Disharmonie, der koschere aber die größte Anomalie, die monströseste Mißgeburt bedeutet, die der Zeitgeist der Jahrhundert- . wende ausgeheckt. Der trefene Zionismus will ein nationales Judenthum mit offener oder stillschweigender Verbannung des Gesetzes und seiner Anforderungen rom Markte des öffentlichen Lebens in die Privatgemächer der Einzelnen. Der koschere will die Aufrechterhaltung des alten Judenthums. nimmt aber die scharfe Betonung des nationalen Momentes als wirksames Agitationsmittel auch für sich in Anspruch. Innerhalb der großen zionistischen Bewegung will er das orthodoxe Prinzip zur Geltung bringen. Der ehllich ausgesprochene Wille, sich mit seinen Anschauungen in einer Bewegung durchzusetzen, die in ihren breitesten Strömungen, dort, wo die Schiffbrüchigen rudern, dem misrachistischen Weihwasser nothwendig widerstreben muß. verblüfft das große Publikum, welches auch dann vor staunender Bewunderung sich nicht zu faßten wüßte, selbst wenn die Fahne des jüdischen Bekenntnisses auf dem sumpfigsten Boden aufgepflanzt werden würde, der jeder Rodung spottet. Bei einiger Ueberlegung aber wird sich jeder Verständige sagen müssen, daß die Entstehung der Misrachigruppe enttoeder eine That der Verzweiflung oder ein Produkt der jämmerlichsten Angstmeierei oder auch beides gelvesen. Der Misrachi ist ein Kind der Verzweiflung. Die traurige Wahrnehmung, daß die Heilighaltung des jüdischen Gesetzes an vielen Stellen der von Juden bewohnten Erde zu den Seltenheiten gehört, erzeugte bei vielen das Gefühl der Ohnmacht, der Schwäche, der thatlosen Verzweiflung. Schwarz sah man in die Zukunft. Man fing an. an der Werbekraft des alten Judenthums zu zweifeln und sich zu fragen, ob denn die bisherige Agitationsweise der Thora ihre Jünger zu erhalten vermag. Eine Bewegung, deren Hauptkraft in ihrem glanzvollen Auftreten, der schillernden Pracht ihrer Agitationsmittel beruht, dem orthodoxen Prinzipe dienstbar zu machen, mußte daher jenen Zweiflern und Schwächlingen als ein genialer Trumpf erscheinen, der unbedingt ausgespielt werden muß. selbst wenn darob in unklaren Köpfen die heilloseste Gedankenverwirrung entstehen sollte. Daß das Judenthum aus sich heraus zur Anerkennung gebracht werden .müsse und fähig sei auf eigenen Füßen zu stehen, zionistischer Krücken nicht bedarf, um als Invalide durch die Welt zu humpeln, sondern aufrechten Ganges, mit dem sieghaften Lächeln eines, wenn auch oft verkannten. Triumphators durch die Lande schreitet und sich die Gemüther. wenn auch noch so trübe die Zeichen der Zeit, dennoch, dennoch einmal wird erobern, wird erobern müssen, das haben öffentlich alle die geleugnet. die zu Preßburg sich versammelt haben. Das Judenthum ist kein baufälliges Haus, das zu seiner Stütze zionistische Querbalken bedarf. Der Misrachi ist aber auch ein von Angst und Furcht erzeugtes Kind. Der Zionismus wird nicht nur bewundert, er wird auch gefürchtet. Schaarenweise strömt ihm Rußlands Jugend zu. wie ein lodernder Brand umschlingt er die Wohnhäuser und reißt aus den Armen der Eltern die heranblühenden Zukunfts- Hoffnungen des russischen Judenthums hinab in sein Flammenmeer. Es ist nicht jeder zum Jeremias geboren, auf einsamem Trümmerhaufen zu wehklagen ob der hinabgesunkenen Pracht, der einstigen Größe seines Volkes. Schwächlinge fürchten das Alleinsein. Lieber brennen und plündern sie mit. als auf eigene Faust zu retten, was zu retten ist. Das Plündern und Brennen fällt ihnen umso leichter, als man ihnen allen Ernstes weismacht, daß das neuverjüngte Judenthum machtvoller und herrlicher sein würde, als das alte je gewesen. Darum treiben sie nachgiebige Oportunitätspolitik und bereden sich selber, daß es ihnen einstmals gelingen werde, aus einer geduldeten Sekte zu ausschlaggebenden Faktoren sich aufzuschwingen. Wir wollen nicht fragen, ob es denn wirklich statthast sei. bis zur Erreichung jenes fernen Zieles, das sinaitische Judenthum, dieses allumfassende, allbeherrschende Judenthum. zur geduldeten Sekte einer durch und durch unjüdischen Partei herabzudrücken, ob es denn wirklich statthaft sei. angesichts der heterogenen Gegensätzlichkeit zwischen zwei organischen Gebilden, wie Judenthum und Zionismus, von einer Gleichheit der konkreten Ziele zu faseln, wie es der Verfasser jenes anonymen Wortes that. das der „Israelit" vor kurzem in der Form einer Extrabeilage in's Schlepptau feiner Blätter vahm - - eines anonymen Wortes, das wir mit un behaglichem Gefühle, mit. dem niederschlagenden Bewußtsein gelesen, daß wir gerade dort am wenigsten verstanden wurden, wo wir mit unseren Worten den stärksten Widerhall erwarteten. Wahrlich, so darf kein Jude schreiben, vor einem Publikum der Gegenwart zumal, das viel zu trag, den wesenhaften Kern, den eigentlichen Inhalt zu erfassen, die äußere Form für die Sache selber nimmt, mit kindlichem Behagen wohlgefällig an der schönpolirten Oberfläche haftend, blind durch das Leben schreitet und die Klivven und Steine, die zackigen Felsen erst merkt, wenn es zu Fall gekommen, die eigene llnvorsichtigkeit beweint. So darf kein Jude reden, so darf kein Jude schreiben, der den Maßstab einer ernsten Ueberzeugung nicht als Svielzeug gebraucht, in die schlammigste Grube ibn hineinversenkend, ob nicht vielleicht am Ende doch, tief unten am Grunde, wohin kein Menschenauge dringt, zwischen Molchen und Kröten, Salamandern und sonstigem Gethier. ein blitzender

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