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Der Israelit · 1904-08-29 · Heft 69 (29.8.1904) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 69 (29.8.1904)
Date
1904-08-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1469 recht scharfe Anffordcrnng zum Boykott gegen die Juden festzusteven sei, dass mithin jeder der jüd. Händler sich beunrnhigt fühlen mußte. Nach kurzer Bcrathung verkündete der Vorsitzende den Urtheilsspruch: Das Gericht habe die tleberzeugung gewonnen, das; daS Blatt absolut geeignet sei. eine Beunruhigung nicht nur bei Juden, sondern auch der Christen hervorzurufen: namentlich führe der Satz: „Verflucht sei jedes Stück. . . ." zweifellos zu einer Beunruhigung. Die beantragte Strafe fei durchaus angemessen. Der Angeklagte wird demgemäss zu 30 Mt. Geldstrafe bezw. 6 Tage Haft und in die Kosten des Verfahrens vcr urtheilt. . Berlin. Der ..Vossischen Zeitung" wird aus Newyork geschrieben: Wohl keiner Regierung verursacht die differentielle Behandlung von Ausländern an der russischen Grenze so viel Arbeit und Schreibereien als der nordamerikanischen. Ein Grund ist, dass kein Land so viele naturalisrrte russische Juden beherbergt wie die Vereinigten Staaten, der andere ist, dass keine Regierung die Paßfrage so ernst nimmt, und im Hinblick auf die Volksstimmung, wie sie noch jüngst :n der Annahme darauf bezüglicher, geharnischter Resolutionen seitens sowohl der republikanischen als auch der demokratischen Konvention zum Ausdruck gelangt ist, ernst nehmen muss. Oesterreich. Wien. (Die alten jüdischen Gr a bst e i n e.) Ein bekannter Wiener Historiograph schreibt der „Oesterr. Volksztg.": Die interessante Nachricht von dem Funde zahlreicher jüdischer Grabsteine in den Grundmauern des „Schweizerhofes" ist geeignet, die immer noch nicht entscheidbare Frage nach den ältesten jüdischen Ansiedelungen und Bearäbnissstätten auf dem Wiener Boden in Erinnerung zu bringen. So wabrscheinlich es ist, daß die aufgefundenen siebenundzwanzig Steine von Gräbern jenes „Juden-Freythoffs" hrrrübren. der zwischen dem Kärntnerthor und dem Burgthor gelegen war und vielleicht wirklich anlässlich der grossen Judenverfolgung im Jahre 1421 zerstör! wurde, so sind doch dinäheren Einzelnheiten dieser Vermuthung keineswegs leicht festzustellen. Vor Allem war der Herzog Albrecht der Weise schon 1363 gestorben, konnte also unmöglich 1421 den Grund des Friedhofes dem Dorotheerkloster geschenkt haben, das er im Gegeniheile schon 1367 in der Nähe des fraglichen Platzes gegründet hatte. Der Platz soll aber anderen Nachrichten zu Folge erst 1385 von den Juden angekauft und zur Anlage eines Friedhofes bestimmt worden sein. Jedenfalls aber war der Schweizerhof schon 1221 unter dem Herzog Leopold VII. vollendet worden; er würde allerdings 1276, nachdem eine ungeheuere Feuersbrunst die Häuser der Stadt bis auf blas 150 vernichtet hatte, von König Ottokar erneuert und später. 1536, von Kaiser Ferdinand I. reparirt und vergrößert; bei der ersten Renovirnng war der Judenfriedhof noch unzerstört (vielleicht sogar noch gar nicht begründet), die zweite fällt lange nach seiner Zerstörung, und bei dieser Zerstörung. 1421, hat man in Folge der großen Feindschaft gegen die Juden, deren Hunderte man zu Ostern 1421 verjagte oder gefangen nahm — viele tödteten sich selbst in Gewißheit künftiger Martern. 110 wurden öffentlich verbrannt — die Grabsteine möglichst weit weggeschafft — die meisten zu Bauten in den Vorstädten, insbesondere in Gumpendorf. verwendet, sie aber schwerlich damals zu Fundamen'albaulen in der kaiserlichen Burg verwenden können und wollen. Es fragt sich also vor Allem, ob die gefundenen Steine von den ältesten Fundamenten des Schweizerhoses herrühren oder ob sie gelegentlich der Renovirung 1275, beziehungsweise 1536 als Baumaterial mitverwcndet worden sind. Es ist Lb.igens ja auch nicht ausgeschlossen, daß sie noch später erst eingemauert sind — wie sie ja ebensogut viel früher, als der Judcnfriedhof angelegt wurde, zum Bauen benützt worden kein konnten. Derartige Grabsteine waren gerade in den ältesten Zeiten ein willkommenes Baumaterial und spätere Forscher haben namentlich im 18. Jahrhundert zahlreiche Steine mit römischen und hebräischen Grabinschriften unter dem Mauerwerte und der Pflasterung entdeckt — :n den verschiedenen Gegenden Wiens. So hat man in Gumpendorf seinerzeit massenhaft hebräische Grabsteine gefunden und Matthias Fuhrmann erzählt im ersten Bande seiner humoristischen Beschreibung Wiens (1738) von solchen in einem Hause am Graben befindlichen jüdischen Steinen. Die Entzifferung der Inschriften auf vier hebräischen Grabsteinen ist dem Lokalforschcr Wolfgang Lazius gelungen und Fuhrmann theilt im ersten Abschnitte seines Werkes die Inschriften hebräisch, lateinisch und deutsch mit. Danach wären die vier Grabsteine bezüglich auf einen im Jahre 2560 nach Erschaffung der Welt gestorbenen.Mordach, einen 3800 gestorbenen Priester Ephraim, auf einen 4016 gestorbenen Salem Bar Baruch und eine 4320 begrabene Pythrach Penyn, Tochter Rabbi Josef's. Das hohe Alter der Grabsteine gab Anlass zur Entstehung einer ganzen Legende: die Juden hätten schon Jahrtausende vor der Geburt des Stifters der christlichen Religion als Handelsagenten der Phönizier in Wien eine Niederlage von Bernstein und anderen Waaren begründet und es sei lanac vor der Ankunft drr Römer in „Bendon* eine helraiscke Stadt gestanden. Diese Fabel wurde noch im 18. Jahrhundert allgemein geglaubt und die viele» immer neu auftauch-nden Grabsteine schienen die Wahrbeit dieser Bcrmuthungen zu bestätigen. Alltin dir Dattrung der hebräischen Inschriften ist. wie der jüngste Fall ja wieder gezeigt hat, nicht so

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