Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 69 (29.8.1904)
- Date
- 1904-08-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450050--61317-2524103- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1160 frommen Selbstbetrachtung gewidmeten Tage diesen drei Worten: irrrr ein besonderes geistiges Augenmerk schenken. Du warst noch stets mit uns. o Gott und Vater! so oft wir an dieser Stätte Dein heilig Wort zu verkünden berufen waren, wolle uns auch jetzt Deinen himmlischen Beistand nicht entziehen. indem wir sprechen hm* \-6x n era „im Namen des Ewigen, des Gottes Israel." Gelobt sei sein Name in Ewigkeit. Amen! I. *~'ya me» Mrc rt rrtrrx „Ich lobssngc dem Herrn mit meinem Leben, ich preise Ihn mit meinem Dasein!" (Psalm 146. 2.) L e b r n und D a s e i n . das sind die ewigen Sendboten, die ewigen Zeugen, die das Lob und die Größe Gottes laut verkünden, durch olle Welten, durch alle Räume. Leben spendet die göttliche Gnade in jedem Augenblicke nach Millionen Seiten hin. Leben fließt aus dem Borne göttlicher Schöpferkraft in reicher Fülle auf die Erde hernieder, in den finsteren Schoß des irdischen Lebens binab, in die wogenden Untiefen des Meeres hinunter. Leben und Dasein spendet der Herr im blühenden Eden herrlicher Gefilde, wie im seiigendcn Sande der öden Wüste. Und so viele Millionen Leben Er geschaffen und alltäglich schasset, so viele Wesen Er küsset mit Seinem Alles belebenden Hauche, daß sie zum Dasein erwachen, so viele Lobes- und Ruhme-denlmäler er richtet sich Seine schaffende Meisterhand. Alles, was da lebt und webt, was sich regt- und bewegt, verkündet mit jedem Athemzuge, mit jrdcr Bewegung seines Lebens den Ruhm und die Größe, die Allgüte und die Gnade Gottes. Leben und Dasein heischen auch wir zunächst von unserem himmlischen Vater. Leben und Dasein, das ist das erste und kostbarste der Güter, die wir aus dem Gnadenquell des Himmels kür uns erflehen. Sie ist ja so schön, diese Erde, diese Schatzkammer göttlicher Herrlichkeiten. Sie ist ja so schön, diese Erde — ob das Gold der Frühlingssonne, ob der Schleier herbstlichen Nebels sie umfließt, sie tragt ja zu allen Zeiten den Stempel göttlicher Schöpfungslraft. Wer wollte nicht leben auf dieser schönen Erde, wer wollte nicht trinken in vollen Zügen den schäumenden Becher süßer Lebenskraft, von Gottes Hand uns eingeschenkt. Sie sind so sanft, so blumenreich, so wonnig süß. die Bande der Familie, mit denen das Leben uns an die Lebenden knüpft. Wer wollte nicht leben, um in das himmlisch milde Auge eines licbenden Vaters, in das engelreine, sanfte Auge einer zärtlichen M u t t e r zu blicken! Wer wollte nicht leben, um dem lieblichen K i n d e r kreise, dem Kreise der Kleinen, der jungen Sprößlinge im Garten des Lebens, die hoffnungs- und erwartungsvoll zu uns aufblicken, ein liebender Vater, eine sorgfältige Mutter zu werden! Wer wollte nicht leben, um an Freundesherz, an treuer Freundschaft Brust zu ruhen, um dem großen Menfchenkreise Liebe zu geben und Liebe von ihm zu empfangen! Wer wollte nicht leben, um die Saat der Hoffnungen und Wünsche, die wir auf unserem Herzensboden ausgestreut. aufgehen und reichlich erblühen zu sehen! Wer wollte nicht leben, um mit rüstigen Schritten dem Ziele entgegen zu schreiten, das wir für die irdische Wallfahrt uns gesteckt! — Jahre sind über unserem Haupte hingezogen. Gar oft sind wir. wie heute am Neujahrstage, an den Stufen des göttlichen Gnadenthrones gestanden; gar oft haben wir am heutigen Tage den Blick nach rückwärts gewandt und haben, fürwahr, nicht immer über rosige Bilder der Vergangenheit binblicken können; die Höhen, die wir hinter uns erblicken, waren nicht die Gipfel unserer Wünsche und Hoffnungen. Manch bittern Kelch haben die verflossenen Monde und Jahre uns gereicht; manche Blüthe vom Baume unserer Erwartungen hat der Lebenssturm abgestreift — aber an dem Baume unseres Lebens Hai er nicht gerüttelt. Don dem Stammbaum unserer Familie fiel keine unreife Frucht. — Wir stehen heute wieder am Schluffe eines verflossenen und am Anbeginne eines neuen Jahres. Mit dem lebensfrohen und lebensfrischen Blicke schauen wir i n uns und u m uns und' siehe, noch umfließt uns die göttliche Gnade mit Seinem warmen Lebenshauche; noch können wir in der Reihe der Millionen lebenden Wesen, die durch ihr Dasein die Größe Gottes verkünden, das Dankeslied dcm Herrn mitanstimmen; noch umfassen wir die uns Liebenden und von uns Geliebten Alle, mit liebeglühcndem, hochschlagendem Herzen. Da treten alle sonstigen Güter der Erde in den Hintergrund; da erblaßt in unseren Augen der glänzende Schimmer des G o l d e s vor dem Sonnenblicke des L e b e n s! Da gehen wir an den tausend schäumenden Quellen der Genüsse des Lebens vorüber und greifen mit sehnlichem Verlangen nach dcm schlichten. einfachen Lebensbecher; da folgen wir dem Rufe Gottes, der da lautet: ama mnai „Bon allen Gütern wähle das Leben!"*) Im Leben, wenn wir's würdig zu erfassen wissen, liegt Gottesanschauung. Im Leben, wenn wir's aus der himmlischen Lebensquelle rein zu trinken verstehen, liegt Gottesvrrehrung**). -tot*rmrx„Mein ganzes Leben ist ein Dankeslied, dem Herrn des Lebens gespendet!" Eine Hnmne sei das Leben, ein Lobgesang unser Dasein für die Spenden des Lebens. ' ')H. 30, m **) Hub wie es an einer a,«deren stelle wohlmeinend beißt: 2-^2 .Dein Leben wurzle in den heilsamen religiösen Lehren und Wahrheiten". <3. B. 9R. 18. 5.1 Die Religion ift das beste Lehrbuch des Menichen. Sie ist leine Erzieherin. Beratherin. Begleiterin. Freundin. Helferin und Trösterin und bezweckt nur die Veredlung und Vervollkommnung des Mensche».