Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 68 (25.8.1904)
- Date
- 1904-08-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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„Darum kümmern Sie sich um ihn, das ist selbstverständlich. Und er gehört zu den bedeutendsten Aerzten der Gegenwart, darum kümmere ich mich um ihn. Ich habe dem Hospitalsverwalter gesagt, daß ich in dem Verunglückten einen hochgeachteten Kollegen erkannt habe und nicht wünschte, daß sein Name hier genannt werde; in Gegenwart des Verwalters habe ich sammtliche Taschen des Ersteren geleert und deren Inhalt in einen festen Bogen Papier geordnet und ein Packet davon gemacht, das ich mit meinem King mehrfach versiegelt habe. Die Verwaltung bewahrt es ans und haftet dafür. So ist es Ihnen doch recht, nicht wahr?* „Gewiß ist mir's recht, meinen Dank. Herr Doktor.* „Wenn Ihnen das Folgende nicht recht ist. so brauchen Sie sich nicht darum zu kümmern. Ich habe nämlich der Verwalterin gesagt, daß ich Fräulein Keßler ersuchen würde, sich zuweilen nach meinem kranken Kollegen umzusehen. Sie können daher in unauffälligster Weise Ihren Verwandten besuchen, so oft Sie wollen.* Dafür fühlte sich Erna dem Arzt ganz besonders verpflichtet. Noch am selben Tage begab sie sich hinaus in das Hospital. Sie fand den Kranken schlafend, verrveilte jedoch längere Zeit an seinem Bette und schaute in sein bleiches, edel geformtes Gesicht, und je länger sic auf ihn schaute, um so weniger konnte sie es fassen, daß er ein Abtrünniger sein sollte. Am folgenden Tage traf sie ihn abermals schlafend, doch während ihres Daseins schlug er die Augen auf. schien sie jedoch nicht zu erkennen, träumerisch vor sich hinblickend lag er da. Erst am dritten Tage traf sie ihn wachend, doch auch heute nahm er nicht sofort Notiz von ihr. Doch als er flüsternd um einen Trunk Wasser bat, und sie ihm das Verlangte reichte und ihm dabei den Kopf ein wenig hob. da blickte er unwillkürlich zu ihr empor. Sie lächelte ihm freundlich zu. Sic kam ihm bekannt vor. aber noch immer wußte er nicht, wer sie war. Sein Blick haftete unverwandt an ihr. langsam hob er die Hand und strich stch über die Stirn. Sie kannte diese Bewegung an ihm und lächelnd fragte sie: „Noch immer erkennst Du Deine Cousine Erna nicht?* „Erna!" flüsterte er, indem es in seinen Augen hell eufleuchtete, „wie schön, wie freundlich von Dir. daß Du zu mir kommst. — Woher hast Du es denn erfahren, daß ich hier bin?" „Das sage ich Dir morgen, ich muß erst den Doktor fragen, ob Du so viel sprechen darfst, und dann bin ich auch beleidigt, weil Du so ganz an mich vergessen hast." „Ich habe nicht an Dich vergessen. Erna — wenn Du wußtest, wie oft ich an Dich gedacht habe —* „Das glaube ich nicht, sonst hättest Du mich erkannt." „Aber das war doch unmöglich. — tveil Du so schön gelvordcn bist." Sie erröthete über und über und erschien dadurch noch schöner. „Wie Du über mich spottest —" „Ich spotte nicht — und wenn ich Dich lange ansehe. entdecke ich auch noch Dein altes liebes Gesicht — aber Tu bist doch viel viel schöner geworden —" „Jetzt muß Du ruhig sein, Du darfst noch nicht so viel sprechen." „Ach, das schadet mir nicht." „Das weiß ich nicht und darum, wenn Du viel sprichst, gehe ich fort." „Nein, bitte, gehe nicht fort. Du ahnst nicht, wie wohl mir Deine Anwesenheit thut. Bitte sehe Dich nieder — Ich werde nicht viel sprechen." Sie ließ sich wieder am Bette nieder^ plauderte in ihrer freundlich heiteren Weise über das schöne Wetter, die gute Obsternte u. dgl. m. und dann griff sic nach einer auf dem Tische liegenden Zeitung und las ihm Anekdoten vor. Lächelnd blickte er zu ihr auf, lauschte er ihren Worten oder nur dem so ül<raus melodischen Tonfalle ihrer Stimme? — er wußte cs selbst nicht. Endlich erhob sie sich. „Es ist Zeit, daß ich mich auf den Weg mache." „Schon?" fragte er klagend. „Ich habe heute noch drei Stunden zu geben, ich darf die Kinder nicht warten lassen." „Du gibst Stunden?" „Das weißt Du nicht? — und da willst Du mir weiß machen. Du hättest oft an mich gedacht?" „O. wie oft habe ich an Dich gedacht, und ich erinnere mich auch schon. Du bist Musiklehrerin, nicht wahr?" „Ganz richtig. Und nun Adieu, Otto!" sie reichte ihm die Hand. Er ergriff sie hastig mit seinen beiden Händen, während eine Blutwelle für einen Moment sein Antliv dunkel färbte, so daß sie besorgt auf ihn niederschaute. „Wenn Du nrir damals Deine Hand gereicht hättest — wie glücklich wäre^H, wie ganz anders wäre nein Leben geworden. — Warum —" „St. st! wenn Du willst, daß ich morgen wiederkomme. so darfst Du Dich nicht aufregen, darfst keine solche Fragen stellen." „Ich werd's nicht wieder thun." sagte er mit nervösem Lächeln, „aber Du wirft morgen wieder kommen, nicht wahr?" „Wenn Dir meine Anwesenheit angenehm ist. werde ich sicher komlsten." Er erwiderte nichts, aber er sah sie an mit* einem Blick, der ihr bis in's Herz drang. „Adieu. Otto!