Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 67 (22.8.1904)
- Date
- 1904-08-22
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1433 ip'sieinen Rabbinatsstuhl innc hatte, offen Propaganda machte für seine Ideen und eine ganze Schule von gleichgesinnten Rabbinern erzog und neben sich wirken sah. — (Ich spreche wieder nur zur V e r - theidigung des orthodoxen Standpunktes.) Darum hatten Rabbiner wobl das Recht, nein, die Pflicht, gegen das Expos«- Stellung zu nehmen. Man hätte dann doch bedenken sollen, daß sie dies zugleich im Sinne der Lehrer tbun. die Gleiches denken; denn sicher steht einem orthodoxen Kollegen der orthodoxe Rabbiner — normale Verhältnisse vorausgesetzt — innerlich mindestens so nahe als ein freigesinnter Lehrer, der beispielsweise am rrr Klavier spielt; und das über den orthodoxen Rabbiner Gesagte gilt auch für den gleichgesinnten Lehrer. Wie aus dem parlamentarischen Sprachgebrauch der Ausdruck „Reichsfeind" erst zur Lächerlichkeit herabsank und dann ausschied, so sollte doch auch endgiltig der „Hvver- und Superfanatiker" und die ..bildungsfeindliche Orthodoxie" geschwunden sein. Wenn die Bezeichnungen dcnnoch wiederkehren, dann beweist dies, dass die Orthodoxen sich noch in der Defensive befinden wie in der Aera vor Breuer, von der Kollege Steinhardt meint, dass es damals keine bildungsseindliche Orthodoxie in Deutschland gab. (Nr. 2R, 1004.) Herr Steinhardt kennt die Devise der Hirsch'schen Gemeinde, die Leistungen der Realschule. der höheren Töchterschule in Frankfurt, der auch Dr. Breuer vorsteht; dennoch ..belehrt" er uns. dass der gläubige Jude ..keine Sünde begeht, tvenn er sich mit Werken weltlicher Wissenschaft beschäftigt, dass, nur eine fanatische, bildungsseindliche Orthodoxie, die modernes Wissen und moderne Bildung vom Standpunkte eines nothwendigen Nebels betrachtet, eine Sünde darin erblicken kann." Wir wollen hier-— keinen flammenden Protest einleqen. An die Kollegen orthodoxer Gesinnung aber wollen wir uns wenden — nicht als „Separationsliisterner" — sondern mit der Aufforderung, mehr Rückgrat zu zeigen und nicht ihren Prinzipien, die dieselben der orthodoxen Rabbinen sind, Faustschläqe versetzen zu lassen, zu denen man hübsch schweigen soll. Einen Frieden auf Kosten der Prinzipien und deren offenen Bekundung wünschen wir nicht. Wer ihn verlangt, der gleicht dem Machthaber, welcher Länder und Provinzen „pazifizirt". Nur wer offen und frei seinen Standpunkt bekundet. wird dem Gegner Achtung und Würdigung abrinaen. Aber nicht in Worten und Phrasen soll dies geschehen, die lebensfrische Thal soll sprechen! Daher geht mein Vorschlag dahin, die geschestreu gesinnten Kollegen — ob im Verband stehend oder nicht — sollten in Verbindung mit gleichgesinnten Rabbinern Fortbildungskurse erstreben, in welchen das alte „Limud" zum . alten Glanze" gelangt. Lehrer wie Rabbiner haben keine größere, keine wichtigere und für beider Beruf keine zweckdienlichere Aufgabe als diese, rrrji ToSr vdv N2-. — Es soll epre: z'v *pn wieder V** *) werden und als das Nothwendigste erkannt für das praktisch religiöse Leben und dessen Erstarkung in Gesammtisrael. Von ihm abhängig und ihm untergeordnet soll aber auch zur „Wissenschaft" des Judenthums Stellung genommen werden, aber — wohlgemerkt — im Abhängigkeits- und Subordinirungsvcrhältnissc zum Quellenstudium. So lange wir den Götzen „Ignoranz" nicht zu Boden werfen, wird auch der IndisferentismuS blühen. Für die orthodox gesinnten Kreise der Rabbiner und Lehrer darf es keine Frage sein, daß hier der Hebel anzusetzen ist, und dass es keine grössere Unterlassungssünde geben kann, wie tvenn das segensrolle nicht zu Stande käme. Welcher Segen mtlss von solchen — nicht „Litteratur-" — sondern „Lernvereinen" ausströmen aus die Gemeinde. auf Schule und Haus! Wenn es keine leere Redensart sein soll, dass rrr» und daß bv rrm bv dann gibt es keinen schöneren, erhabeneren Weg die Entfremdung zwischen Rabbiner- und Lehrerstand zu beseitigen, aber auch keinen natürlicheren, da beide Stände ihrer Aufgabe und ihrem Wirken nach zusammengehören wie Fleisch und Blut. Fort darum mit Misstrauen und Missachtung auf beiden Seiten, und nicht soviel geschielt nach christlichen Mustern! Seien lvir jüdische Lehrer vor Allem „jüdische" Lehrer und die Rabbiner nicht Geistliche, Seelenhirten oder Theologen, sondern — Rabbonim. Die Zeichen der Zeit sind ernst genug und erfordern auch männlichen Ernst! Mögen so manche Schwächlinge diesen Gdanken „zu ideal", sentimental oder gar utopisch finden — man kann nicht jeder Natur Rechnung tragen. Ein Austritt aus dem Verband ist schon desshalb nicht angängig, weil nicht die einzelnen Lehrer, sondern die Provinzialvereine, als solche beigetreten, diese aber — wie wir oben dargelegt — „paritätisch" sind, aus denen dann konsequenterweise die Verbandsgegner ebenfalls ausscheiden müssten, und zwar mit Verlust ihrer materiellen Ansprüche. In Fragen materieller Natur und vielen allgemeinen Schul- und Standesfragen aber können wir mit dem Verband gehen. Ebenso nöthig aber ist es, dass die orthodoxen Kollegen klar und unzweideutig ihren Standpunkt vertreten, wir haben nichts zu verheimlichen und zu vertuschen; wir sprechen und handeln offen und ehrlich, und wer Argwohn und Misstrauen hinter unseren Zielen sucht, der möge es bekunden und begründen. Drum frisch an's Werk in Ost und West, in Süd und Nord, wir vertrauen auf den Geist der guten Sache und — auf unsere eigne Kraft! Noch finden sich überall Männer, die das Herz auf dem rechten Fleck und die •) Wir stimmen Kollegen Schweitzer vollauf zu. daß unsere modernen orthod. Robb. leider gar zu -Lukig -ö»? lOen verwechseln, daß sie Zeit und Urast Dingen zuwenden, die in gar losem Zusammenhang stehen mlt den Forderungen de» praktischen Judenthum».