Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 67 (22.8.1904)
- Date
- 1904-08-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1417 „Der Eentralvercin i>cuifd>cr Staatsbürger jü dischen Glaubens hat sich neulich an eine der dcutschkn Heeresverwaltungen mit der Beschwerde darüber ge wandt, daß Juden die Aufnahme in die Unterossizierschulen verweigert werde. Die Abrveisung sei von den militärischen Behörden mit der Thatsachc begründet worden, daß der für die Aufnahme erforderliche Konfirmationsschein — oder die Bescheinigung über den Empfang der ersten Kommunion — nicht vorgelegt werden konnte. Der Beschwerde wurde keine Folge gegeben. weil nach den amtlichen Feststellungen von den Unteroffizierschulen Niemand wegen Mangels eines der beiden erwähnten Schriftstücke zurückgewiesen worden sei. Dennoch bleibt die Tbatsache der verweigerten Aufnahme bestehen; und den Sachkundigen kann es nicht schwerfallen, die wirklichen Gründe dieser Weigerung zu errathen. Das Verlangen unserer jüdischen Mitbürger, das; auch ibren Söhnen die Laufbahn des deutschen Unteroffiziers nicht verschlossen werde, ist an sich durchaus berechtigt; und jeder gerecht Urtbeilende muß verstehen, daß sie nach dieser Richtung energisch Vorgehen. Haben sie nicht alle Pflichten des Staatsbürgers ohne Ausnahme zu erfüllen? Wie läßt sich da rechtfertigen, daß ihren Söhnen die vom Staat unter haltenen Unteroffizierschulen verschlossen bleiben? Sieht es nicht fast aus, als seien sie Staatsbürger zweiter Klasse, deren Rechte den Pflichten nicht entspreche? Theoretisch muß ohne Zweifel auch den jüdischen jungen Leuten der Eintritt in die Unteroffizierschulcn gestattet werden. Aber wie selten decken sich Theorie unt* Praxis? Auch hier steht die Praxis im schroffsten Gegensatz zur Theorie. Die jungen Israeliten wollen durch den Besuch der Unteroffizierschulcn die Quali fikation zum militärischen Borgesetzten erreichen. Dagegen sprechen aber sehr vernehmlich die Rücksichten auf die Disziplin unseres Heeres. Der jüdische Soldat hat sich im Dienst durchaus nicht etwa als unzulänglich erwiesen. Ebenso wenig kann ihm im Allgemeinen die Befähigung zum Vorgesetzten abgesprochen werden. In meiner — ein ganzes Menfchenalter ausfüllenden — Dienstzeit habe ich sehr viele Juden unter meinem Befehl gehabt. Wenige von ihnen ließen dienstlich >11 wünschen übrig. Einzelne waren geradezu ideale Soldaten, die mich und auch andere Offiziere;u aufrichtiger Bewunderung hinrissrn. Nur Voreingenommenheit kann daher die militärische Beanlagung der Jude', leugnen. Unter den besten Truppenführern Bonopartes waren Juden. Ein Jude ist, wenn ich nicht irre, Kriegsminister des Königreiches Italien. Daran, daß sich trotzdem im deutschen Heer die Israeliten nicht als Vorgesetzte verwenden lassen, trägt das Widerstreben des christlichen Mannes die Schuld, einem Juden zu gehorchen. So fremd unserem einfachen Mann, wenn ec nicht konfessionell oder religiös einseitig beeinflußt wurde, auch jede Gehässigkeit gegen Andersgläubige ist: gegen die Pflicht, jüdilklien Vorgesetzten zu gehorchen, lehnt er sich innerlich auf. Ein jüdischer Soldat zeichi;cjc sich im letzten Feldzug so aus. daß er in kürzester Zeit der Liebling aller Offiziere wurde und sie nicht eher ruhten, als bis sie seine Beförderung zum Unteroffizier durchgesetzt hatten. Kaum war er es aber, als die Schwierigkeiten mit den Mannschaften begannen; und so taktvoll sich auch bei jeder Gelegenheit der junge Unteroffizier benahm: sehr bald mußten die Offiziere bereuen, daß sie seine Ernennung vorgeschlagen hatten. Denn sie konnten nicht verkennen, daß unter der Zugehörigkeit des Unteroffiziers zum Judenthum die Disziplin der Kompagnie litt. Die Staatsraison steht aber über der Theorie. Verlangt sie. daß Soldaten jüdischen Glaubens nicht in die Charge eines Unteroffiziers vorrücken, so muß'dieser Forderung unter allen Umständen genügt werden, mag sich das Nechtsgesühl noch so sehr dagegen aufbäumen. Die salns publica ift eben das höchste Gesetz. In Frankreich und Italien stellt sie auf konfessionellem und religiösem Gebiete an die Armee nicht so harte Forderungen wie bei uns; vielleicht, weil Franzosen und Italiener religiös weniger tief empfinden als wir Deutschen. So bedauerlich es ist, unsere jüdischen Mitbürger müssen der Eigenart des christlichen deutschen Soldaten Rechnung tragen und sich damit begnügen, den Rechtsanspruch ihrer Söhne theoretisch zu betonen. Das fordert übrigens auch ihr eigenstes Interesse. Welche Befriedigung kann diesen Söhnen ein militärisches Amt gewähren. in dem sie stets aus dem vive leben, bei jeder Vnührung mit ihren Untergebenen einen Konflikt fürchten müssen? Ich kann deßhalb das Verfahren der militärischen Behörde nur billigen, die sich nicht zu entschließen vermag,das Heer und junge jüdische Leute ernsten Unzuträglichleiten auszusetzen." Der Verfasser dieses Artikels hat. so bemerkt die „Iüd. Presse" hierzu, die Tendenz der Beschwerde des „Centralvereins deutscher Saatsbllrger jüdischen Glaubens" an den Herrn Kriegsminister mißverstanden, die sich gegen die schreiende Ungerechtigkeit wendet, daß Juden der Eintritt in ein aus Staatsmitteln — also auch von ihren Steuern — erhaltenes Institut . verweigert wird. Thatsächlich gibt es jüdische Soldaten. welche nach vollendeter Dienstzeit, ohne die Unteroffizierschule absolvirt zu haben, zu Unteroffizieren befördert wurden, und die wohl kaum unter dem „Widerstreben des christlichen Mannes ihnen zu gehorchen" gelitten haben dürften. Sonderbar muthet cs aber an. daß unsere „eiserne Disziplin", tvekche den berechtigten Stolz unserer Heeresverwaltung in allen Zweigen ihres großen Gebietes bildet, gerade hier versagen sollte. Man ist im Bereich des preußischen Kriegsministeriums doch sonst nicht allzu schnell bei der Hand mit der Rücksichtnahme auf unsubstantiirte Sympathien und Antipathien „Nachgeordneter"