Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1903)
- Date
- 1903-12-30
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie wußten, daß auch von der anderen Seite der Krieg Opfer erfordert habe, an die man ewig denken mußte. Jeder Wagenverkehr also, jedes laute Geräusch und jeder Posthornklang erregte Neugier und Furcht. Schon im Gasthof hatte Jakob erfahren, die beiden David seien nicht daheim. Der Alte habe sich irgendwo versteckt und der Sohn spiele den Unterhändler, und gelte für einen eifrigen Patrioten, so daß man ihn im Städtchen allgemein fürchte. Den alten Jankiel traf er oben allein, über ein großes Buch gebückt. Ein Blick auf ihn überzeugte ihn, wie viel er gelitten, seit er ihn nicht gesehen. Er war abgemagert, ganz bleich und recht alt geworden. Ohne zu wissen, wer eintrat, und ohne die Augen aufzuschlagen, winkte der Alte mit der Hand, er möge ihn im Gebete nicht unterbrechen. Nach einigen Minuten erst erhob er den Blick und legte das Buch bei Seite. Als er Jakob vor sich sah, begrüßte er ihn fast mit einem Freudenschrei und reichte ihm die zitternde Hand. „Ihr seid doch nicht expreß zu mir gekommen?" fragte er besorgt, als wolle er die Voraussetzung irgend eines Unglücks von vorneherein beseitigen. „O nein!" rief Jakob. „Ganz offen gesagt, ich war selbst bedroht mit dem Kerker. Warum? weiß ich nicht. Ich fühlte mich schuldlos, aber was nutzt dies! Man rieth mir, davonzugehen. Und ich begab mich zu Euch, bis der Sturm vorüber ist!" „Nun, der Sturm geht so schnell nicht vorüber!" entgegnete der Alte. „Die Wolken ballen sich ja erst zusammen! Aber seid mir auch heut und immer von ganzem Herzen gegrüßt in meinem Hause! Und sagt mir, was ich für Euch thun kann!" „Für jetzt bedarf ich Eurer nicht! Ich bin im Gasthof abgestiegen!" Jankiel winkte nur mit der Hand, schritt zur Thür und ries von der Trevpe aus einen Diener herauf, der sofort einirat. „Hole die Sachen dieses Herrn sofort aus dem Gasthofe hierher in das Zimmer mir gegenüber!" sagte er, ohne Jakob zu fragen, und fügte hinzu: „Im Gasthofe laß ich Euch Nicht absteigen. Uebrigens würde Euch dies leicht in unangenehme Berührung bringen. Militär. Beamte und allerlei Gesindel verkehrt dort und drängt sich dem Reisenden auf. Bei mir ist's immer sicherer!" Jakob dankte ihm schweigend. „Aber so sehr ich es auch wünschte, Euch, so lange wie möglich festzuhalten — weder bei mir, noch hier im Städtchen könnt' Ihr Euch niederlassen! Ein großer Wirrwar bereitet sich vor, welcher nur zu lange anhalten wird. Rußland läßt die Feuersbrunst sich ausdehnen, um beim Löschen desto länger plündern zu können. Gott aber ist barmherzig. Ich kann mich schon so mancher ähnlicher Zeiten erinnern. 1809 bis 1812 und 1831! Gott weiß, was jetzt kommt!" Er sah sich rings um und trat auf den Gast zu mit einer gewissen Besorgniß. Aber die Frage erstarb auf seinen Lippen; er vermochte diese nicht wieder zu öffnen. Betend blickte er gen Himmel und senkte. Dann fuhr er fort: „Mein Weib ist mir erkrankt, die Tochter auch; mein Haus wie in Trauer. Ich Alter, sitze ganz allein hier, und wie Ihr sehet, über dem göttlichen Gesetze, aus welchem ich — dulden lerne! Die da drüben (er wies nach Davids Hause) sind nicht mehr hier. Der Alte zog nach der Stadt, der Sohn, Gott weiß — wohin und wozu. Man sagt, er hält es eifrig mit denen, die den Krieg heraufbeschworen!" Jakob nickte, dies bestätigend mit dem Kopfe. „Ich beglückwünsche sie nicht zu solchem Zuwachs!" fuhr der Alte verächtlich fort. „Sie werden dort viele dieser Art haben! Aber wehe der Sache, die sich so unreiner Hände bedienen muß! Der Ertrinkende sieht nicht darauf, wer ihm die Hand reicht, ob sie schmutzig oder rein — bis er, nachdem er sein Leben gerettet, den Aussatz davon trägt und daran stirbt! So war es immer!" fuhr er tief seufzend fort. „Und so wird es immer sein! Zur reinsten Sache drängen sich schmutzige Menschen, die Einen, um sich darin weiß zu waschen, die Andern, um sie mit sich zu beschmutzen. Der ernste Mann sieht, was er beginnt und wagt. Wer aber nichts zu verlieren hat, geht mit Ernst daran. Es wird also Helden geben, und neben den Maccabäern — Menschen wie Spreu!" Ein Weilchen schwieg er, dann fuhr er fort: „Und dann kommt die göttliche Geißel und Zuchtruthe. Und noch später die große Baumherzigkeit und der Friede Gottes. Aber — wohl erst über unfern Gräbern! Und die Kabronim (Todtengräber) werden viele Arbeit haben und nicht Alle begraben, denn von den in der Seele Todten werden Biele wandeln auf den Gräbern der lebendig Begrabenen!" Der Alte schloß mit leisem Geflüster. Lange noch unterhielten sie sich traurig von den Angelegenheiten jener Tage, als in dem öden Städtchen, wo jeder durchfahrende Bauernwagen auf dem holperigen Pflaster sich rasselnd hörbar machte, ein ungewöhnlicher Lärm erschallte. Jankiel lauschte gespannt und rief: „Das klingt ja. wie Reiter und ein Wagen zugleich? Und dies Getümmel! Was kann dies sein?" Es dämmerte, als sie zusammen durch das Fenster auf die Straße blickten. Auf dem Markte hielt wirklich eine berittene Schaar, eine Sotnie Kosaken, die an den Lanzen leicht zu erkennen waren, einige Kutschwagen und ein Paar neugieriger Zuschauer. Mehreremale hörte man laut aufschrrien, dann war Alles still. Aus den Worten, die undeutlich herüberschallten, -war zu vermuthen. daß es Russen seien. Jankiel schickte sofort Jemand hinüber, um sich