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Der Israelit · 1903-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1903) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1903)
Date
1903-12-30
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Schmul stand nachdenklich vor Jakob und sagte dann: . „Sagt, was soll das werden? Ist so etwas schon auf der Welt vorgekommen? Wir leben mit ihnen, mit Allen in bestem Einvernehmen, wie Brüder und Brüder. Der Rabbiner verkehrt mit dem Pristaw! Mit Gewalt sollen wir nun Bürger werden! Was gedenken sie zu thun? Sich zu schlagen? Das ist schlimm! Das ist ein sehr dummes Geschäft! Hatten sie doch nur Verstand angenommen, hätten den Russen mit Butter geschmiert — sie hätten ihn bei bequemer Zeit nach und nach ganz aufgegessen! Aber sie lieben den Krieg! Und aus dem Kriege wird nichts werden! Sie fallen durch! Gott bewahre uns, daß wir nicht mit ihnen kopfüber gehen! Seht! Das ist unser Schicksal. Alles schon nahm uns der Herrgott fort, was unser war! Und jetzt nimmt Er uns auch noch das Geborgte: denn sie verwüsten uns das Land und die Stadt!" „Nun! Gott weiß, was er thut!" entgegnete Jakob. „Und Er thut, was Er will!" „So viel Trost auch darin liegt," sagte Schmul, „aber wahrhaftig, ganz schwarz sieht es vor uns aus! Der Mensch verdient daran, wie an einem Anzug, den er an einen Tobten verkauft. Und was wird daraus? Warschau wird nicht mehr Warschau sein, wenn hier die Russen herrschen!" „Aber wenn sie sie verjagen?" „Mit dem Herrgott habe ich davon nicht gesprochen," sagte Schmul lächelnd. „Aber mir scheint, das kann nicht sein! Hundert Jahre schon ist es her. daß dies anfing, und immer schlimmer ist es geworden. Wie das Geld dem Reichen, so fließt die Macht dem Mächtigen zu. Ihnen helfen Alle, dem Polen hilft Niemand. Die Welt schließt sich dem an. den sie fürchtet. Ihr, die Ihr unsere Bücher leset, wißt daS am besten! Auch wir empörten uns, wer weiß wie oft, und jedesmal sanken wir umso tiefer! Ach! Eure Flucht macht mir doch viel Sorge!" fuhr der Alte traurig fort. „Wann kommt Ihr zurück? Was soll mit Euch werden? Schab' um Euch!" Er schüttelte den Kopf. „Nicht meinetwegen thut es mir leid um Euch, sondern für mein ganzes Volk. Denn ich habe schon Viele gesehen, aber noch keinen solchen Mann, wie Ihr seid, gefunden, der die Welt so gut kennt und das Gesetz achtet und seinen Herrgott nicht verleugnet! Was nützen uns alle diese Juden, die sich der Zizis schämen, welche sie in der Jugend trugen, an deren Thoren man den „Namen Gottes" nicht angeschlagen findet. Das sind Posche-jesroel! Euch allein hatten wir hier noch! Und jetzt nimmt auch Euch uns das Unglück!" „Wenn ich wirklich für Euch nöthig bin," sprach Jakob, „so seid überzeugt, daß der Gott Israels mich nach Verdienst beschirmen, und wenn ich Unnütz bin, zertreten und zermalmen wird!" „Gott bewahre!" rief Schmul. „Das wird Er nicht! Mein Herz fühlt, daß Ihr Euch retten werdet; aber den bitteren Kelch müssen wir Alle leeren!" Hier trat Mordko wieder ein und meldete, daß es Zeit zu gehen sei. Durch kleine Gäßchen schlichen sie sich nach einem abgelegenen Hotel, in dessen dunklem Stübchen der ermüdete Jakob einige Stunden der Ruhe pflegte. Eine Reise durch das Land war nicht leicht zu jener Zeit, als der beginnende Aufstand beutegierige Kosakenhorden in das Feld führte und den Soldaten Thor und Thür öffnete zu strafloser Verübung jeglicher Unbill. Etwas sicherer vielleicht vor ihrer Verfolgung waren die Israeliten, obschon auch sie vorsichtig sein mußten. Denn sie wurden gehetzt von der Habsucht, die bei jedem Juden Geld vermuthet. Glücklich gelang es Jakob, trotz der auf den Landstraßen aufgestellten Feldwachen, die erste Station zu erreichen, von wo er, nachdem er sich von seinem schweigenden Führer verabschiedet, mit Extrapost nach dem Städtchen sich aufmachte. Verödet lag das Land vor ihm, trauriger als je zuvor. Nur die Schatten der erschreckten Landlente schwebten vorüber; scheu sahen sie sich nach beiden Seiten um; denn von beiden drohte ihnen Gefahr und der siegenden mußten sie jedenfalls als Material der Unterdrückung und des Schreckens dienen. Auf dem Wege nach dem kleinen, seitwärts gelegenen Städtchen begegnete Jakob fast Niemandem außer einigen nach verschiedenen Richtungen jagenden leichten Reisewagen, auf denen düstere, mit Staub bedeckte Gesichter an ihm vorüberfuhren. Gegen Abend angelangt in der „Warschauer Einfahrt," ließ er dort seine Reisetasche, die seine ganze Habe enthielt, oblegen und begab sich zum alten Jankiel. Nicht eilig hatte er es zwar dort mit seiner schlimmen Nachricht. Aber er mußte sich einmal herausreißen aus der Einsamkeit, die so schwer auf ihm lastete, und er freute sich auch schon darauf, von dem, was im Lande geschah, etwas zu erfahren. Uebrigens war er überzeugt, "daß der Alte ihn nach der Tochter nicht so schnell fragen werde. Das Haus stand noch gerade so da, wie er es das erste Mal gesehen. Nichts war äußerlich an ihm verändert, nur eine gewisse Traurigkeit prägte sich darin aus. Jene muntere, lebhafte Bewegung, wie sie früher hier herrschte, nahm er nicht mehr wahr. Träge, wie Zerschlagen gingen die Diener und die Kommis aus und ein. Zum Theil war dies wohl auch der überall herrschenden Furcht zuzuschreiben, mit welcher der begonnene Kampf alle Herzen erfüllte. Die alleren Leute erinnerten sich so mancher Erlebnisse mit den Russen in Kriegszeiten, ihrer Gewaltstreiche und Uebergriffe.

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