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Der Israelit · 1903-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1903) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1903)
Date
1903-12-30
Page
– (sequence 29)
Language
German
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2321 zu erkundigen. Er selbst blieb am Fenster stehen und versank in tiefe Gedanken. Der Bote kam schnell zurück, aber nur mit spärlichen Nachrichten. Er hatte sich nicht allzu nahe herangewagt und nur gehört, es seien Russen angekommen. als Vortrab einer größeren Militärmacht, die Heranrücken solle; die Kosaken-Eskorte habe einen verwundeten. im Gefecht gefangen genommenen Anführer irgend einer Jnsurgentenabtheilung mitgebracht, die, umzingelt von einer zehnfach größeren Uebermacht, in Wald und Sumpf, sich bis zum Aeußersten vertheidigt habe, aber gänzlich zersprengt worden sei. Den schwerverwundeten Anführer nahmen die Russen mit sich auf Stroh, welches ganz von seinem Blute durchtränkt war, indem sse verkündeten, daß er Tags darauf hier gehenkt werden solle. So erzählten die Soldaten, die schon alle Herbergen an füllten. Jankiel war darauf vorbereitet, daß man auch bei ihm einen der Vorgesetzten einquartiren werde. Und er wußte aus Erfahrung, was dies auf sich habe. Sofort ging er hinunter, um die Tochter bei der kranken Mutter zu verstecken, und sein Geld in nur ihm bekannten Winkeln zu verbergen, indem er nur ein Paar hundert Rubel für alle Fälle zurückbehielt. Das Silberzeug war schon früher bei Seite geschasst worden. So erwartete er, was der Herrgott bestimmen werde. Besonnen und kühl warnte er selbst unten das Gesinde, es dürfe Jakob nicht anders als seinen Schwiegersohn nennen, was er auch ihm vorher kundgethan hatte; dann setzte er sich ruhig hin und erwartete die Einquartirung. Im Städtchen wurde es immer geräuschvoller. Immer neue Abtheilungen von Militär erfüllten es, für die man ein Lager auf dem Marktplätze aufschlagen ließ. Nur die Offiziere wurden in den benachbarten Herbergen einquartirt. Endlich, als schon die Nacht hereingebrochen war, trat der die Abtheilung führende Oberst oben bei Jankiel ein. Dieser Offizier war durchaus keine rohe Erscheinung. Man erkannte in ihm auf den ersten Blick den zivilisirten Menschen. Aber er erweckte darum nicht minder Furcht. Denn nur zu oft sind diese anscheinend Civilisirten die Allerschlimmsten. Im russischen Heere und Volke beweist die äußerliche Zivilisation oft die äußerste Verderbniß. Diese Leute sind im Salon die Angenehmsten von der Welt, bei der Behörde aber die grausamsten und zügellosesten, als wollten sie sich für den ihnen momentan aufgelegten Anstandszwang entschädigen. Der Oberst hatte sogar einen ausländisch klingenden Namen: Er hieß Tendemann. Man erzählte so Manches von seiner Herkunft. Er selbst sprach nie davon. Sein Antlitz war bleich, verzagt und zornig zugleich; es verrieth jene leidenschaftliche Aufregung, welche der Kampf erzeugt, und die Unruhe der auf seinen Schultern ruhenden großen Verantwortlichkeit. Das war ein Russe in der vollen Bedeutung des Wortes. Er trat natürlich ein, ohne Jemand zu grüßen, und ohne sich daran zu kehren, wen er traf. Ihm ging es nur um ein gutes Quartier. Er sah nur auf die Wohnung, nicht auf die Menschen. Als er der Stube zuschritt, in der die kranke Frau lag, trat ihm Jankiel bescheiden in den Weg und sprach: „Ach, gnädiger Herr, da drinn' liegt mein krankes Weib!" Der Oberst stieß ihn zurück, betrat die Schwelle, besah sich schweigend das eine und das andere Zimmer und schritt dann die Treppe hinunter, ohne ein Wört zu sagen. Hier ließ er sich das Comptoir öffnen, und da ihm dieses Zimmer als das beste erschien, entschied er sich für dasselbe. Seine Soldaten liefen und riefen sofort im Hause umher nach einem Samowar, nach Feuer, Licht, Wasser und wer weiß, was sonst noch. Unten brodelte es bald, wie in einem Kessel. In einem Augenblick war das Zimmer von Offizieren angefüllt, die alle aus dein Felde kamen. Der Lärm von Meldungen, Erklärungen, Befehlen und Scheltworten, das Alles schwirrte durcheinander. Von oben hörte es sich an, wie Sturmgeheul und Donnerschlag. Jakob und der Alte saßen oben und lauschten. Die Nachrichten, die das Gesinde brachten, bestätigten lediglich die vorher eingegangenen. Die Russen hatten einige Tage lang eine sich formirende Jnsurgentenschaar verfolgt, sie endlich ausgespürt, Nachts umzingelt und im Morgengrauen die Unvorbereiteten überfallen. Zwar wehrten sie sich heldenmüthig, so lange sie noch Patronen hatten. Der Anführer, obschon er bis an den Leib im Moraste steckte, in den ihn die Kosaken gejagt, schoß und hieb um sich so lange, bis er schwer verwundet gefangen genommen wurde. Einige andere Gefangene erschlug man sofort auf dem Platze. Der Anführer sollte, wie befohlen, morgen im Städtchen gehenkt werden. Man hatte auch eiligst zum Herrn Bürgermeister geschickt, daß er hierzu auf dem Marktplätze den Galgen und die Zuschauer bereit halten möge. Der Oberst trug offenbar Vesorgniß, der Gefangene könne, obgleich er sich nicht mehr rühren konnte, ihm auf irgend eine Weise entkommen. Er ließ ihn daher im Hause nebenan einsperren und rings mit Wachen umstellen. Ueber diesen Gefangenen war nichts Bestimmtes zu erfahren. Die Russen verdrehten seinen Namen auf das Sonderbarste, aber auch der wirkliche, d. h. der für den Krieg angenommene, würde nicht viel verrathen haben. (Fortsetzung folgt.)

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