Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1903)
- Date
- 1903-12-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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3298 / die öffentliche Ordnung nicht stören. Folglich ist die landwirthschaftliche Arbeit den Fremden, sei es als Pächter, sei es als Arbeiter, gestattet. Die Fremden dürfen auch jeden Handel und jede Industrie treiben. Trotzdem hat man aus ökonomischen Gründen manches Thätigkeitsfeld den Fremden verschlossen, so die Rechtsanwalikarriöre, die Apothekerkarriörr u. s. w. Ferner müssen die Dorfschankwirthe rumänische Bürger sein. Das Gesetz vom Jahre 1881 gestattet der Regierung, dem Fremden einen bestimmten Wohnort anzuweifen oder ihn überhaupt aus dem Lande zu verweisen, wenn der Fremde das Land kompromittirt oder die soziale Ordnung stört. Das Gesetz vom Jahre 1901 bestimmt sogar die Bedingungen, unter welchen ein Fremder sich ini Lande niederlassen darf. Es fragt sich nun, ob der Staat im Rechte ist, eine Kategorie von Fremden auszuweisen, die keinem anderen Staate unterthan, aber auch nicht Rumänien, sondern „heimathlos" sind. Nach, allen Rechtsgrundsätzen tonnen diese Fremden nicht ausgewiesen werden. Erpens haben sie wenigstens das Recht auf den Schutz ihres Wohnsitzes, wenn sie schon das Gesetz persönlich mißachtet. Und zweitens ist die Ausweisung nicht das Recht eines einzigen Staates; einen Fremden ausweisen, heißt ihn in seine Heimath zurückschicken, wenn er aber keine solche Heimath hat, müssen, wir ihn als ein vom Gesetze aufgedrängtes Element behalten. Bei der Stellung der Juden wäre es eigentlich logisch, daß nur die eigentlichen Rumänen Militärdienst leisten sollen. Durch eine wohlthätige Anomalie aber befreit das Gesetz von der Militärpflicht nur jene Fremden, die Unterthanen eines anderen Staates sind. Vom Standpunkte des Militärdienstes aus besteht aber kein jus sanguinis mehr. Die Verfügung, daß die heimathlosen Fremden Militärdienst leisten, ist eine gute, denn sie knüpft ein Band jwischen ihnen und dem Lande und stärkt ihre Stellung. Die Juden, welche diese heimathlosen Fremden sind^ bilden nicht, wie.manche Politiker bei uns behaupten, eine nicht assimilationsfähige Rasse. Dies ist ein Unsinn, weil kein Volk der Welt längere Zeit unter einem anderen wohnen kann, ohne sich mit diesem zu assimiliren. Wer das Gegentheil behauptet, läßt sich von dem Antagonismus leiten, der zwischen Juden und Christen aus Vorurtheil herrscht. Der Haß, unter dem sie zu leiden haben, die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, haben die Juden nur widerstandsfähiger gemacht, aber nicht assimilationsunfähig. Die Solidarität, die man bei ihnen bemerkt, ist das Ergebniß der Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, und würde unter gleichen Umständen sich bei jeder anderen Menschengruppe ausbilden. Wir müssen dahin wirken, daß der Antagonismus. zwischen Juden und Christen verschwinde. Unser Interesse ist nicht, den Haß zu züchten, sondern im Gegentheil die Beziehungen zu den einheimischen Juden inniger zu gestalten. Der Ursprung dieses Hasses darf nicht bei uns gesucht werden, denn der Rumäne ist gutmüthig, wofür ich bloß auf die guten Beziehungen zwischen Juden und Rumänen in den Städten und besonders auf dem Lande hinzuweisen brauche. Den. Ursprung dieses Haffes wird man anderswo zu suchen haben. Wir müssen trachten, unsere nationale Thätigkeit in allen ihren Zweigen zu entwickeln, ohne aber die Juden zu mißachten, sondern indem wir die einheimischen unter ihnen, mit denen wir lange Zeit in Frieden gelebt haben, ebenfalls nationalisiren." Diese Vorlesung, die in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. erregt begreifliches Aufsehen, da Herr Caniacuzino allgemein als künftiger Minister gilt. F e rr i l111 o tt. Wahrheit und Ächtung. Von Friedrich Rott. Er blickte bewundernd auf die zarte, blasse Frau, die so muthig für sich und ihre Familie den Kampf um's Dasein ausgenommen hatte, und die dabei auch nicht um Haaresbreite von dem abwich, was sie als ihre Pflicht erkannte. „Frau Müller, meine Hochachtung. Wenn ich Jemanden mein Vermögen anvertrauen müßte, würde ich es Niemanden so ruhig anvertrauen, wie Ihnen." „Besten Dank für Ihre gute Meinung," sagte sie lächelnd. * «Ich habe in Wirklichkeit eine sehr gute Meinung von Ihnen," entgegnete er. indem er sinnend zu ihr hinüber blickte. „Gestern bin ich meinem Verwalter auf einen großen Unterschleif gekommen. — Wenn ich wußte, daß Sie etwas von Landwirthschaft verstehen —" „O, von Landwirthschaft verstehe ich nicht nur etwas, sondern sogar ziemlich viel." fiel sie lebhaft ein. „Ich bin auf dem Lande groß geworden, mein Vater war Gutspächter, da habe ich gehörig helfen müssen und oft haben die Leute meine landwirthfchastlichen Kenntnisse gerühmt." „Wär's möglich'" rief er. „da konnte vielleicht uns beiden geholfen werden. — Im Augenblick habe ich keine Zeit, ich werde . zu Hause erwartet. Aber morgen komme ich wieder in die Stadt und dann hierher. Ich muß mir die Sache nur erst überlegen — aber ich glaube, ich werde Ihnen einen Vorschlag machen, den Sie annehmbar finden. Also behüte Sie Gott, Frau Müller. Auf Wiedersehen!" Sie erwiderte höflich feinen Gruß, dann begab sie sich eilends wieder hinauf in ihre Wohnung.