Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1903)
- Date
- 1903-12-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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2299 «Lange bist Du aufgehalten worden/ sagte Müller unmuthig, «da wirst Du wieder die halbe Nacht durcharbeiten muffen." «Das wird freilich nothwendig sein/ versetzte sie. indem sie die Arbeit wieder aufnahm, „aber ich höbe doch wenigstens dreizehn Gulden gelöst, die sind doch nicht zu verachten." „Freilich nicht. Wer ist denn da gewesen?" „Der Herr Krawanni, dem das Gut bei Neudors gehört." „Der? — Ist das nicht derselbe, der Dir neulich fünf Gulden zuviel gezahlt hat. und dem Du dann nachgelaufen bist, um ihm das Geld zurückzugeben?" „Eben der ist's. Er wollte schon Samstag zu uns kommen, weil aber unser Geschäft geschloffen war, hat er bis heute gewartet." Zn den Zügen des bleichen Mannes zuckte es und plötzlich entstürzte ein Strom von Thronen seinen Augen. „Heinrich! um Gotteswille», was ich Dir?" Er barg das Antlitz in den Händen, und es währte mehrere Minuten, bis er zu antworten im Stande war. „Hätte ich Dir gefolgt!" flüsterte er endlich, „hatte ich Dir gefolgt — so wäre ich noch gesund und frisch und könnte arbeiten und Euch ernähren — und nun bin ich ein Krüppel vermuthlich für mein ganzes Leben und mutz da müßig sitzen und Zusehen, wie Du Dich abarbeitest, Dich, Gott behüte! — am Ende noch zu Grunde richten wirst durch alle die Arbeit! — O. mein Gott! das ist noch die ärgste Strafe." „Du übertreibst," erwiderte sie. ohne sich in ihrer in Wirklichkeit dringenden Arbeit zu unterbrechen, „wenn Du auch gegenwärtig noch nicht wieder gehen kannst,' so hat der Doktor doch noch gestern gesagt, datz es in einiger Zeit auch damit wieder besser werden wird. Nur darfst Du Dich nicht aufregen und darfst nicht ungeduldig werden." - „Ich rege mich nicht auf," flüsterte er mit vor Erregung bebender Stimme, „und um meinetwillen würde ich nicht ungeduldig werden, wenn ich auch nie wieder würde gehen können — ich weist ja, ich habe es nicht besser verdient. — Aber daß Du so darunter leiden mutzt — Du — Du —" „Du regst Dich schon wieder auf — aber da gerade davon die Rede ist — es geht dann in Einem — weißt Du. wie der Bauer heitzt, der behauptet, datz Du ihn um fünf Gulden betrogen hast?" „Es ist ja leider Gottes wahr," stammelte er. während dunkle Gluth für einen Moment sein blasses Antlitz übersluthete, „ich habe Dir's doch gesagt, er hat mir zu viel bezahlt —" „Ich weiß es. und eben detzhalb, wenn Du seine Adresse weißt, muffen wir ihm das Geld zurückschicken." „Du hast recht, mir scheint, dann wird mir auch leichter werden. Ich habe schon öfters daran gedacht. aber ich habe nur gefürchtet, daß Du dann noch mehr wirst arbeiten müssen." „So mutzt Du nicht denken und mutzt auch nicht immer furchen, daß ich mich überarbeite.- Ich arbeite in Wirklichkeit nicht gar so übermäßig, die Hausarbeit versehen die Kinder doch meist allein, und sieh nur, wie sauber und akkurat sie alles machen, und wie sauber und frisch sie dabei aussehen." . „Gottlob, unsere Kinder sind brav/ sagte er, während ein glückliches Lächeln seine Lippen umspielte, „es sind ja auch Deine Kinder —" „Freilich sind es auch meine Kinder. Und gleich wird Max heraufkommen, da könnte er die Adresse von dem Bauer hier auf dieses Couvert schreiben, in das ich jetzt die Zehnkronennote lege. Er soll darauf schreiben: recommandirt und soll sich einen Schein von der Post darüber geben lassen, dann bist Du sicher, daß der Bauer das Geld bekommen wird. Da kommt Max, also bitte, diktire ihm die Adresse." Es war in den Vormittagsstunden des folgenden Tages. Frau Müller saß wie gewöhnlich vor ihrer Nähmaschine, deren Surren das leichte Klopsen an der Zimmerthüre beinahe übertönte. Der im Lehnstuhl ruhende Rekonvaleszent hatte es dennoch vernommen und rief „Herein!" A)och statt des von ihm erwarteten Nachbarn trat der gestrige Käufer mit freundlichem Gruß in das Zimmer. „Verzeihen Sie. wenn ich störe —" Frau Müller war rasch aufgestanden und dem Besucher einige Schritte entgegen gegangen. „Seien Sie willkommen, Herr Krawanni, bitte, setzen Sie sich." „Entschuldigen Sie, daß ich sitzen bleibe," sagte Müller, „ich kann leider nicht aufstehen." Der Andere trat zu ihm und reichte ihm die Hand. „Wie geht es Ihnen Herr Müller? Zu meinem aufrichtigen Bedauern habe ich von dem Unglück gehört, das Sie getroffen hat. Ich habe noch gestern mit Ihrer Fran davon gesprochen, Niemand als ich weiß besser, wie wenig Sie die Verdächtigung des elenden Menschen verdient hatten, wer weiß, wo der vielleicht, im Rausche sein Geld verloren hcck —" Frau Müller sah es zucken in dem'abgemagerten Angesicht ihres Gatten. „ „Entschuldigen Sie, Herr Krawanni, wenn ich Sie ersuche, davon nicht weiter reden zu wollen. Mein Mann ist sehr schwach, die Erinnerung daran regt ihn noch immer auf. „Ach. das ist ja ganz natürlich, das hätte" ich mir selbst sagen können. Verzeihen Sie meine Unachtsamkeit. Ueberhaupt muß ich um Entschuldigung bitten, daß ich Ihnen hier so mir nichts dir nichts bereingestiegen bin, aber ich dachte, weil ich heute doch nichts kaufen will, brauchten Sie sich doch nicht erst herunter %