Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1903)
- Date
- 1903-12-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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2296 und setzte tS unter der gleichen Firma fort. Nach I Herrn von Kraft wurde er sächsischer Konsul, erhielt den Titel eines bayerischen und eines k. sächs. geheüne« I KommerzienratheS und wurde schließlich zum k. sächsi-! scheu Generalkonsul ernannt. 1876 wurde er mit dem Komturkreuz des St. MichaelSordenS a. O., 1888 mit dem Ritterkreuz deS bayerischen Kronenordens ausgezeichnet, der König von Sachsen verlieh ihm die j Komturkreuze des sächsischen Verdienstordens und des j AlbrechtSordens. Auch das Lerdienstkreuz für daS; Jahr 1870—71 schmückte seine Brust. Mt dem Verstorbenen schied eine Persönlichkeit auS dem Leben, deren Wirken für München weit aus dem Rahmen des Allgemeinen herauZtrat. Eine seltene Geistesbildung, die auf einer erstaunenSwerthen Kenniniß unserer klastischen Litteratur basierte, vereinigte sich in ihm mit einem außerordentlichen Gedächtniß, das ihn bis zu den letzten Tagen nicht verließ. Goethes und Schillers Werke kannte er fast auswendig. Seine ganze Anschauungsweise und Denkungsart war vom Geiste seiner Lieblingsdichter erfüllt, und mit größtem Stolze pflegte er zu erzählen, daß ihn als Kind im Vaterhause Jean Paul auf den Armen getragen hatte. Eine umfangreiche Bibliothek, in der er mit Vorliebe weilte, und seine sorgfältig gewählte numismatische Sammlung, reich an besonderen Kostbarkeiten, bildeten für ihn die Quelle der Erholung vom Berufe. Als Numismatiker erfreute er sich eines Weltrufes. Auch die bildenden Künste fanden seine besondere Theilnahme, und es dürfte kaum einen älteren Künstler in München geben, der mit Mar v. Wilmersdoerffer nicht in Berührung gekommen wäre; erwähnt mag hier werden, daß er sich an der Errichtung des König Marimilians-Denkmal hervorragend betheiligte. Bei der Erwerbung manches Kunstwerkes, das heute München ziert, hat er hilfreiche Hand geliehen, wobei ihn das besondere Betrauen des Königshauses seit langen Jahren ehrte, hatte er doch schon von der letzten Kurfürstin von Bayern Aufträge erhalten. Von seiner HerzenSgüte und Liebenswürdigkeit zeigt sein Wirken auf bumanitärem Gebiete, an den meisten Wohlthätigkeitsvereinen war er betheiligt, und kaum dürfte es irgend ein humanitäres Unternehmen in München bis in die letzten Jahre gegeben haben, dem er nicht mit Rath und Hilfe zur Seite gestanden wäre. Ein besondere? Verdienst erwarb er sich während des großen Krieges von 1870 und 1871 durch opferwillige Unterstützung der im Felde Befindlichen und Gründung von Hilfsvereinen. Warme Liebe für das GesammtvaterkaUd und für die engere Heimath zeichneten überhaupt sein Denken und Fühlen aus. In den letzten Jahren traf ihn der schwere Schlag, die Gattin, mit der er noch die goldene Hochzeit gefeiert hatte, zu verlieren. Seit dieser Zeit zog er sich mehr und mehr vom öffentlichen Leben zurück »nd »»rbrnchte f«n reicher Leben im engeren F«- mitten- und Freundeskreis bei ungetrübtem Lebensgeiste. Seine Familie, der er ein treubesorgtes, stets mildes und liebenswürdiges Haupt war, jene, die die Ehre hatten, von ihm Freunde genannt zu werden, und die Armen, deren er stets gedachte, haben in Max von Wilmersdoerffer, einem wahrhaft edlen Menschen, einen unersetzlichen Verlust erlitten. Ein hervorragend verdienstvoller Sohn seiner Adoptiv-Vaterstadt ist mit ihm geschieden." Den vorstehenden Zeilen merkt man es in keiner Weise an, daß sie zum ehrenden Andenken eines Mannes geschrieben sind, der ein Jude nicht nur seiner Abstammung, sondern seiner ganzen Lebensweise und seiner Gesinnung nach war. Das mag ja auch für ein Blatt politischer Richtung ganz angezeigt sein, weil es das Verdienst ehrt, wo es sich geltend macht, ohne nach der Konfession zu fragen. Es ist nur zu wünschen, daß dieser objektive Standpunkt auch in entgegengesetzten Fällen eingehalten werden soll, wenn über Betrügereien und Verfehlungen gegen das Strafgesetz berichtet wird. Das ist aber bekanntlich nicht immer der Fall. In einem Blatte. daS den Interessen des Judenthums dient und einen jüdischen Leserkreis hat, ist es jedoch Pflicht, darauf hinzuweisen, daß der Mann, dem die obigen Zeilen gelten, eine Zierde seiner Glaubensgenossen war und daß alle Ehren und Auszeichnungen. die ihm in reichlichem Maße zu Theil wurden — es dürfte in ganz Deutschland kein Jude sein, der es in dieser Beziehung so weit gebracht hätte — ihn auch nicht um eines Haares Breite in seiner religiösen Ueberzeugung wankend machen konnten. Sein Haus und seine Lebensführung sind streng jüdisch geblieben, und das hat die hohen und höchsten Herrschaften nicht abgehalten, ihn ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft zu würdigen. Ja, vielleicht war es diese Ueberzeugungstreue und Charakterfestigkeit, die dazu beigetxagen haben, daß er in diesen Kreisen solche Verehrung und Werthschätzung genossen hat. Seine königliche Hoheit der Prinzregent hatte die Gnade, ihn zu seinem Geburtstage stets mit einer sinnigen Blumenspende zu erfreuen. Vor einigen Jahren, anläßlich des Allerhöchsten achtzigsten Geburtstage ließ der Prmzregent ihm sein lebensgroßes Brustbild in einem prachtvollen, vergoldeten Rahmen überreichen und begleitete dieses Geschenk mit einem sehr huldvollen Handschreiben. Während seiner Krankheit ließ er sich alltäglich nach dem Befinden des Patienten erkundigen. Die höchsten Staatswürdenträge.r, die freundschaftlich in seinem Hause verkehrten, kamen persönlich, um Erj kundigungen einzuziehen. I Herr von Wilmersdoerffer hmterlaßt auch eine I ziemlich werthvolle, an seltenen Drucken reiche. Mische Bibliothek; er besaß aber auch nicht gewöhnliche Kenntnisse im jüdischen Schristthum und hatte eine besondere