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Der Israelit · 1903-12-24 · Heft 102 (24.12.1903) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 102 (24.12.1903)
Date
1903-12-24
Page
– (sequence 26)
Language
German
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im Hause war kein rother Heller mehr. Der sonst so; heitere Schmul ging schweigend umher, wie erstarrt, wie erschlagen. Er klopfte an alle Thüren, bei denen er Kredit finden konnte. Aber bei Keinem fand er ihn. Verzweiflung ergriff den Alten trotz seines unverbrüchlichen Glaubens an die Vorsehung. In seine Tasche hatten sich nur noch ein Paar Groschen verirrt. Früh morgens lief Schmul nach seiner Gewohnheit auf die Straße. Es glückte ihm wenigstens, einen alten Oberrock zu verkaufen und dafür einige Gulden zu erhalten. Schon wollte er mit ihnen nach Haufe eiten, als er unterwegs einen Soldaten traf, der ihm fast mit Gewalt eine alte, schäbige, seidene Jacke aufdrängen wollte. Der Alte hatte durchaus keine Lust, sie zu kaufen. Der Soldat aber wurde so zudringlich und wollte sie ihm so billig ablassen, daß der arme Schmul endlich anbiß. Nachdem er später seine Beute sich angesehen, war er sehr bekümmert, denn außer der Watte und den seidenen Lumpen war die Jacke fast gar nichts werth. Heimgekehrt, ärgerte er sich über sich selbst und ließ die Jacke sofort von der ältesten Tochter auftrennen. „Die „Roserle" machte sich noch bei Licht an diese Arbeit. Schmul aber betete in der anderen Stube, als er plötzlich einen Schrei vernahm, aber einen Schrei der Freude und großen Ueberraschung. An der Jacke befanden sich drei ziemlich große Knöpfe, die, da sie sehr fest angenäht, beim Auftrennen hinderlich waren. Rosele schnitt einen derselben ab und sofort fiel ein in Leder und Seide eingenähtes Goldstück, ein halber Jmperal, heraus. Schmul, dessen Frau und ganze Familie eilten herbei, um sich dies Wunder anzusehen. Noch waren Zwei Knöpfe abzutrennen, und unter jedem befand sich ein Goldstück, so daß im Ganzen diese unscheinbare' Jacke hundert Gulden einbrachte, welche mit vierzig Groschen bezahlt, und deren Eigenthümer unmöglich noch zu erfragen war. Vermuthlich war die Jacke von dem Soldaten gestohlen oder erbeutet worden. Schmul dachte lange über diese Lumpen nach, auf welchen irgend eine Geschichte lastete von Verbannung, Kerker, Noth und Unglück. Sorgsam verbarg Rosele dann die im Kragen eingenähten Papiere' mir unverständlichen Notizen. Schmul befriedigte seine Bedürfnisse mit diesem gefundenen Gelde, nachdem er der Vorsehung dafür gedankt, erachtete aber diese Beute nur fiir eine Anleihe in der Noth und zahlte das kleine Kapital nebst kleinen Prozenten ratenweise an Gefangene ab. die in die Verbannung gingen, und denen er es als Almosen spendete. Dies war so recht bezeichnend für sein braves Herz, welches dem Unglück und der Noth nichts schuldig bleiben wollte. Die Üeberbleibsel dieses Kleidungsstückes zeigte Schmul seinen Vertraute«, denen er dies Ereigniß zu erzählen liebte. Mitten zwischen Empfangszimmer und Alkoven lag das Schlafgemach des Schmul'schen Ehepaars. Es war ziemlich winzig und nicht allzu behaglich. In der ganzen Wohnung fehlte es nicht an den gewohnten Merkmalen attisraelitischer Hauser: an jenen Armleuchtern, den Mesusohs an der Thür, den Portraits berühmter Rabbiner und jenen Bilderchen in assyrischem Styl und Geschmacke. In dem Bücherschränkchen befand fich auch die festliche Schabbeskleidung, Gebetriemen und das Festgeschirr. Denn Schmul war sehr religiös und fromm, und beobachtete streng die vorgeschriebenen Formen. Er Hatte nicht viel Zeit, über das göttliche Gesetz nachzudenken, außer am Sabbat und an Festtagen. Aber er-trug es tief im Herzen. Frühmorgens nahm Schmul meist etwas altes Gerümpel auf den Arm und eilte mit dem alten Regenschirm. seinem unzertrennlichen Begleiter, der ehemals von blauer, jetzt von unbestimmter Farbe war. und hauptsächlich seiner Waare als Schutz diente, in die Stadt, und kehrte erst spät Abends wieder heim. Ein Schluck Branntwein, ein Stückchen Brod, eine Zwiebel, ein Häring waren die einzige Nahrung des armen Schelms, der sich freute, wenn er daheim noch ein wenig warmes Essen vorfand. Humoristisch, stets heiter und guter Dinge, erzählte er dann beim Essen seiner Frau die Erlebnisse des Tages. Dies war ihm schon so zur täglichen Gewohnheit geworden, daß seine Alte es für Pflicht hielt, sich zu ihm an den Tisch zu setzen, um ihm zuzuhören. Dann aß Schmul ein wenig, betete und begab sich zur Ruhe. Man liebte ihn allgemein namentlich wegen feiner Heiterkeit. Man schätzte seinen Verstand, obschon er keine praktischen Resultate aufzuweisen hatte. Denn dieser so verständige Schmul erwarb sich fast gar nichts, obgleich er weder ein Verschwender, noch ein Lüderian war. Wunderte man sich darüber, so pflegte er zu sagen: „Der Verstand ist wie eine Scheere: wenn sie nichts zu schneiden hat, kann sie nicht schneiden und wäre sie noch so scharf. Das Tuch dazu gibt nur unser Herrgott allein. Unser Schicksal ist in der Hand dessen, dessen Namen man nicht aussprechen darf!" Und lächelnd strich er sich hierbei den Bart. Es war am Abend. Der Morgennebel hakte sich allmalig in einen feinen Regen verwandelt, der mindestens drei Tage anzudauern versprach, denn er kam aus Westen. Jakob hatte nicht ohne Schwierigkeiten die Treppe und die Galerie erklommen, die nach Schmul's Behausung führten. Er bemerkte nicht, daß der Alte mit seinem Schirm und feiner Waare ihm auf dem Fuße folgte, ohne ihn zu erkennen. Er kam gerade aus der Stadt nach Hause. Erst an der Thüre trafen sie zusammen.

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