Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 102 (24.12.1903)
- Date
- 1903-12-24
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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2287 Jakob legte die Hand auf die Mcsuso, die an der Thür angeschlagen war und küßte sie nach altem Brauche. Erst an dieser Frömmigkeit erkannte ihn der Alte und rief: „Salem Alechem!" „Alechem Salem!" antwortete Jakob. ,,£>! Was für ein Gast!" schrie Schmul und warf so schnell als möglich den alten Kram auf einen Stuhl. „Um diese Stunde! Rabbi Jakob, was führt Euch hierher zu uns?" „Schon die größte Noth!" sprach Jakob. „Bei Euch Noth? Wieso?" rief Schmul und rang die Hände. „Und eine Noth, aus der helfen kann der Schmul! Was kann das sein?" „Na, na! Fürchte Dich nicht zu sehr, Alter. Ich. bedarf zwar Deiner Hülse, glaube aber, daß sie Dir nicht schwer fallen wird!" „Und wäre sie auch noch so schwierig," entgegnete Schmul. „Ich bin zu Allem bereit! Wenn es mir nur gelänge!" Hinter der Thllre zur zweiten Stube hervor guckte zuerst der non der Haube bedeckte Kopf der alten Frau Schmul. Dann hinter ihr die drei jugendlich frischen, schelmisch lächelnden Gesichtchen der neugierigen Mädchen, deren sechs schwarze Aeuglein auf Jakob gerichtet waren. Frau Schmul, nachdem sie den Gast erkannt, wischte zunächst den Staub von der Lehne des Kanapees und vom Tische und bat, sich zu setzen. Zur Ablösung der Mutter erschien dann die Rosele, die mittlere, schönste und lieblichste Tochter Schmuls, bei aller Armuth ziemlich sorgfältig und sauber gekleidet. „Nun, womit kann ich alter Stümper, Euch dienen?" fragte Schmul. „Gäbe es Etwas aus der Welt, was der alte Schmul könnte und Ihr nicht auch könntet — was wäre das für ein Wunder!" Er nahm sein Käppchen vom Haupte und setzte es schnalzend wieder auf. „Setzt Euch!" fuhr er fort. „Was fehlt Euch? Eins macht mich nur zittern: Wenn's nur nicht Geld ist, denn dies gibt es bei Schmul schon lange nicht mehr! Gott gebe nur, daß es zum Schabbes reicht!" Er seufzte tief auf. „Aber sei ganz ruhig, Alter! Wir reden später davon," flüsterte Jakob, der vor den Frauen nicht anfangen wollte. „Setz Du Dich auch! Deinen alten Knochen thut zuerst die Ruhe Noth!" „Ja. . das ist schon wahr!" entgegnete Schmul. „Wieviel Treppen ich heute schon erklettert habe, mag ich nicht zählen! Arbeit hatte ich so viel, wie noch nie. Eine Menge Leute verkaufen jetzt Alles bis auf die Unterwäsche! Die Aermsten, hätte ich nur so viel, um was Warmes zu kaufen; dann hätt' ich Vorrath und sie auch! Der Handel geht, aber was kommt heraus dabei, wenn man so viele Mäuler zu stopfen hat?"! „Still! Klage nicht!" sprach Jakob. „Gott wendet alles zum Besten!" „Heute war ein Tag!" fuhr Schmul fort. „Da braucht' ich nicht zu rufen: Nix zu handeln? Sie zerrten mich von allen Seiten. Sie verkauften Alles für ein Spottgeld, diese jungen Leute. Und alles gute Sachen! Mein Geld reichte nicht lange. Auf Pfand mußt' ich borgen bei Mvrtchel. Wird das ein feines Geschäft werden, wenn auch nur die Hälfte von denen wiederkommt, die jetzt fortgehen!" Der Alte seufzte wieder. „Na! Still!" sprach Jakob, sich ihm nähernd. „Sieh! Auch ich mutz mich davon machen, aus dem Städtchen, damit man mich nicht faßt. Bei mir war heute früh die Polizei mit Gendarmen. Mich würde sonst das Gefängniß erwarten!" Der Alte griff sich an den Kopf und rief: „Bei Euch? Wie? Was? Geht auch Ihr, Rabbi Jakob, mit, den Unvernünftigen, den Herrgott versuchen?" „Nein! Aber unter Verschluß möcht' ich doch nicht sitzen!" „Wofür denn?" »Ja. so frage ich auch!" „Nun, das ist wahr! Ich sehe dies schon so manches Jahr mit an und kann mich noch immer nicht daran gewöhnen! Ist denn hier kein Mensch mehr sicher! Aber was ist denn heut' wieder los?" „Kennst Du Jemand, der mich sicher zur nächsten Poststation bringen kann?" „Ob ich Einen kenne! Hier in unserem Stockwerk, in diesem Hause ist Einer. Er heißt Mordka. Er — nun. Jeder muß doch von etwas leben — er schmuggelt ein bischen. Der ist schon an so etwas gewöhnt! Waare. Leute. Papiere, was man will! Tagtäglich setzt der Aermste seinen Kopf auf das Spiel, um den Leib satt zu machen!" „Bist Du seiner gewiß?" „Tausende vertrauen sich ihm an!" „Und gelingt es ihm immer?" „Immer!" sprach Schmul. „Die auf der Kammer stecken alle in seiner Tasche. Das ist ein Mensch, so witzig, wie Feuer, obzwar man ihm dies nicht ansieht. Seht Ihr ihn so von Weitem. Ihr würdet nicht drei Groschen für ihn geben! Er kann nicht reden, er kann nicht verkehren, er spricht keine Sprache richtig, er ist halb taub und halb blind. Und doch, was ist das für ein Mensch. Er versteht es, solch' ein dummes Gesicht zu machen, solch' eine traurige Figur zu spielen, daß sie ihn. so oft sie ihn auch fassen, immer wieder lausen lassen, weil erlich so schrecklich dumm stellte. Aber das ist — cwnes! Ich will nach ihm gehen!" „Ja, geh' nur!" sprach Jakob. Frau Schmul erschien, als sie ihren Mann Weggehen hörte, sofort, um den Gast zu unterhalten. Die