Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 102 (24.12.1903)
- Date
- 1903-12-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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■ i w ■ mmii Timm rri^Tirnr*aiaja*?tai,a:^,ail,*;st*äa^jieaa^^^ Ä8 44. Jahrgang. rste Aeikage zu J& 102 des „Israelit". Ein Remfcrll erster Güte. l Fraskfurt a. M., 21. Dezember. In Nr. 51 der „Jüdischen Presse" macht ein gewisser Herr B. L. die Rede, die ich in unserem Vereine »äs ihm Wintersanfang zu halten die Ehre gehabt und in diesen Blattern der Oeffentlichkeit übergeben holte, zum Gegenstand seiner Besprechung. Der ganze Ton, den er dabei anzuschlagen beliebt, die blinde Gehässigkeit, die jede seiner Zeilen dem unbefangenen Leser entgegenathmet. sowie ganz besonders das lächerlich Winzige dessen, was er an sachlichen Einwänden mir entgegen zu halten weiß, entbinden mich eigentlich der sonst jedem anständigen Menschen gegenüber bestehenden Pflicht höflicher Erwiderung. Wenn ich dennoch hiermit von seinem giftigen Ausfall gegen mich Kenntnitz nehme, so geschieht dies nur deßhalb, weil ich cs für ein Unrecht halte, den Lesern dieses Blattes die einzig tragikomische Figur'vorzuenthalten, die der blinde Haß diesen Herrn spielen ließ. Gehen wir der Reihe nach. Um zunächst Leute, die gern Räthsel rathen und Nüssen möchten, wer dieser B. L. wohl sein mag, aus die richtige Spur zu lenken, schicke ich voraus, daß er jedenfalls nicht zu dem in unsere intimen Verhältnisse eingeweihteren Kreis gehört, da er sonst mich nicht zum „Vorsitzenden" unseres Vereins — der bin ich nämlich nicht — machen, und meine Rede auch nicht in unserer „Generalversammlung" — eine solche haben wir nämlich nicht — verlegen würde. Es enthält die Thatsache, daß B. L. ein auf fremdem Nährboden erblühtes Reislein ist, für mich und auch für manch' andere etwas unendlich Tröstendes und Beruhigendes. Da ich ferner durchaus nicht voraussetzen darf, daß sein Bericht allzuviel gelesen worden ist, so sei es mir gestattet, ihn kurz zu skizziren. Es sind zwei Kardinalfehler, die B. L. an mir findet: 1) Jugend, die also nach ihm nicht nur keine Tugend hat. sondern auch . keine ist, und 2) himmelschreiende Ignoranz. Meine Jugend will ich ihm aus angeborener Gutmüthigkeit freiwillig zugestehen, wenn ich ihm auch meines Wissens durchaus keinen Einblick in meinen Geburtsschein gewährt habe. Meine Ignoranz beweist er, indem er sagt: „Da (nämlich, nachdem die Rede im Druck erschienen ist) zeigt sich erst, welch' krasser Nnünn in ihr geboten wird, zeigt sich, welch' geistiger Tiefstand an der Stelle sich breit macht (sic), wo ein S. R. Hirsch s. A. gewirkt hat. Für . die Wissenschaftlichkeit des jungen Mannes nur ein Veifviel: Im Anschluß an eine Mißverstandene Agadah weiß er seinen Zuhörern vorzutragen: „Alles, was als werdend geschildert wird, — w —ist von Leid durchzogen und nur, was die Geschichte als bereits vollendet uns malt, — nvn — ist wahrhaft froh und erfreuend." Der Jüngling weiß nicht einmal, was jeder Schüler ihm hätte sagen können, daß rsm niemals etwas bereits Vollendetes, sondern' im Gegentheil das Zukünftige uns „ausmalt" (z. B. ex nrr), er weiß nicht, daß vjv niemals das Werdende, sondern im Gegentheil das Gewesene, die Vergangenheit bedeutet (z. B. cnam anx w) Und bei solcher Ignoranz wagt er es ..Nachdem solchermaßen meine Ignoranz nachgewiesen, geht der Unentwegte zu meiner Behandlung der Babel-Bibel-Frage über, wird durch fie a) an eine Dame, im französischen Lustspiel, b) an einen Ausspruch Paul Lindaus, c) an einen Dorfbrand erinnert. Letzteren Casus führt der Bilderreiche wie folgt aus: „Das ganze Dorf brennt lichterloh, und da man selbst nicht helfen kann, hat man vom Nachbarort eine Feuerspritze und fremde Löschmannschaft geholt. Als aber der Brand gelöscht war. da üellt sich ein Junge aus dem Dorf mitten auf den Markt und ruft: Wir haben uns gar nicht gefürchtet, wir brauchten uns nicht zu fürchten, denn wir haben uns wahrend der Zeit in ein Mauseloch verkrochen." Der poesiesame V. L. findet zu diesem Ausfluß seiner Muße sich beflissen, wekk, wie er sagt, „damals (zur Zeit des heftigen Kampfes um Babel und Bibel) in eben diesen Kreisen (die jetzt so anmaßend sich gebärden) kein Mann zu finden war. der die erlösende Wahrheit hätte bringen können." Schließlich findet er in dem Satze meiner Rede „Die Glorie der Ahnen ist eine Lcucküe, die noch die spätesten Enkel bestrahlt und ihre Fehler sowohl, wie ihre Unfähigkeit der grinsenden Mitwelt verklärt", meine Selbstbiographie niederlegt, indem er ahnungsvoll fragend schließt: „Sollte er ein „Enkel" sein?" Für dieses sein Schlußkompliment, auf das er sich gewiß nicht wenig zu gute thut, sei ihm hiermit gedankt; auch sei seine letzte Frage in bejahendem Sinne beantwortet. . - Da ich nun nicht weiß, ob dem Herrn B. L. eben-, falls ein „leuchtender" Ahne zur Verfügung steht, möchte ich ausnahmsweise das heikle Amt übernehmen, den sonst leider ach so Dunkeln ins Licht zu stellen. Also ein Fehler ist die Jugend, ein Fehler, der dem da-' mit Behafteten Schweigen gebietet. Sei es darum. Wenn aber Jugend ein Fehler ist. so ist's ein Fehler, den jeder neue Tag zu heben beiträgt, ja, der bei mir einst ganz schwinden wird, wenn, wie ich zuversichtlichhoffe. der Ewige mir ein gesundes Alter gewährt. Aberes gibt einen anderen Fehler, der eigentlich kein Fehler mcbr ist. sondern ein Laster, das. sich wie eine stille Wurzel in des Kindes Seele einnistet, und, wenn nicht rechtzeitig ausgerottet, mit dem zunehmenden Alter immer mehr emporwuchert und schließlich den ganzen