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Der Israelit · 1903-12-24 · Heft 102 (24.12.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 102 (24.12.1903)
Date
1903-12-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ü267 Unglück ist Dein Unecht gesühnt. — Denn ich weiß es ja, daß Du den Sabbat nie wieder entweihen wirst." „Nie wieder'— gewiß nicht! --- Aber — von was 5eben wir?" „Ich nahe Wasche für das Lewin'sche Geschäft." „Ach! — Du mußt Dich dabei zu sehr anstrengen! — Und ich mache Dir so viele Mühe!" „Du machst mir keine Mühe und ich strenge mich nicht gtl Aber Du darfst noch nicht so viel sprechen, das könnte Dir schaden." Einige Minuten log er ruhig, dann fing er wieder an: „Wo sind die Kinder?" „Ich habe sie hinaus in's Freie geschickt, das Wetter ist so schon." „Wissend Sie's auch, daß — daß —" ..Ja, Sie wiffen's — sie haben es doch gesehen. — Aber das bat nichts zu sagen. Du darfst Dich nicht mehr darüber aufrege»." „Was haben sie gesagt?" fragte er nach längeren: Schweigen, indem er ängstlich zu ihr emporschaute. Sie vermied es, semem Blicke zu begegnen. „Ich habe ihnen gesagt, daß Du aus allzu großer Liebe zu ihnen Unrecht gethan hast — es über nie mehr thun wirst." „Aber üe? — Was haben sie gesagt?" „Ach, Tic sind so brav, so lieb unsere Kinder. Gott laste sie gesund." „Aber was haben sie gesagt?" drängte er, „warum sagst Du es mir nicht?" „Du weißt doch, sie haben Dir schon Freitag Abend gesagt, sie wollten Dir alles Geld geben, was sie in den Sparbüchsen haben. Und dann haben sie gesagt. Du brauchtest Dich ihretwegen nicht zu fürchten, brauchtest ihnen zu ihren Geburtstagen nichts zu schenken, ich sollte zum Sabbat keine Kuchen mehr backen, sie wollten keinen Zucker mehr zum Kaffee und keine Butter mehr auf ihrem Vrode und — ich weiß wirklich nicht, was sie noch alles gesagt haben. — Aber sie haben das nicht nur gesagt, sie halten auch, was sic gesagt haben; in diesen ganzen drei Wochen habe ich noch keinen Zucker und keine Witter gekauft. Und alle Morgen berathschlagen sie, was am wenigsten kostet, und das, bitten sie mich dann, möchte ich kochen. Und damit ich mehr bei der Arbeit bleiben kann, darum putzt Max alle ihre Stiefel und Kleider, und Selma kehrt die Zimmer aus und spült das Geschirr, während Paul alle Gänge besorgt und mir und den Geschwistern auch Hilst. O. unsere Kinder sind brav, sie sind das große Loos, das lrfr gewonnen haben." Die Augen des Kranken standen voll Thränen, um seine bleichen Lippen zuckte es. „Darüber darfst Du Dich aber nicht aufregen," bat sie, seine Hand leise streichelnd. „Du mußt Dich zwingen, ruhig zu sein, damit Du bald wieder gesund und kräftig wirst, und wieder für uns arbeiten kannst." Er athmete tief auf, seine Lippen bewegten sich, als ob er sprechen wollte, er brachte jedoch kein Wort hervor. Da wurden draußen auf der Stiege leichte Schritte laut. „Es sind die Kinder," sagte sie, „wie werden sie sich freuen, daß es Dir Gottlob besser geht. Aber ich kann sie nicht zu Dir lassen, wenn Du mir nicht versprichst, Dich nicht aufzuregen." „Ich werde mich nicht aufregen. Lasse sie herein, ich bitte Dich, ich habe sie doch so lange nicht gesehen." Der Kranke hatte keine Ahnung, daß die Kinder während der ganzen Zeit um ihn gewesen waren, jetzt ließ sie seine Frau jedoch nur einzeln zu ihm, nachdem sie ihnen eingeschärft, möglichst wenig mit dem Bater zu sprechen und dessen Fragen nur kurz zu beantworten. Von diesem Tage an machte Müller's Befinden verhältnißrnaßig rasche Fortschritte, und noch bevor der Schofar in der nahen Synagoge ertönte, durste er sein Schmerzenslager mit dem Lehnsessel vertauschen. Aber je mehr sich sein Befinden und dem entsprechend auch sein Aussehen besserte, desto mehr schien seine Frau dahinzuschwinden. denn es kostete sie übergroße Anstrengung. durch ihre Näharbeit auch nur die einfachste Nahrung für sich und die Ihrigen zu erringen. Trotzdem war sie nie verzagt und stets freundlich gegen Jeden. Wenn ihr Mann oft klagte, sie werde die unaufhörliche Anspannung ihrer Kräfte nicht ertragen können, dann erklärte sie ihm jedesmal: „Sei unbesorgt. Gott weiß besser, als Du, was ich ertragen kann und Er schickt nicht mehr, als man ertragen rann." Und wenn er sie oft bat, zeitiger mit der Arbeit aufzuhören und hinzufügte: „Wenn Du nicht weiter kannst, von was werden, wir dann leben?" Dann erwiderte sie: „Das braucht Dich nicht zu kümmern, dafür wird Gott schon sorgen." Der Ertrag des Geschäfts war ein äußerst geringer. doch so lange die Ferien währten, war es an Wochentagen stets offen und Max mußte darin verweilen, um, falls Käufer kommen sollten, den Glockenzug zu ziehen, der vom Geschäftslokal in die Wohnung führte. Eines Tages, Frau Müller hatte gerade viel Arbeit vor sich, die zur bestimmten Zeit gbgeliefert werden mußte, ertönte die Glocke. Frau Müller erhob sich hastig, um hinunter zu eilen, ihr Mann aber zog die Stirn in Falten. \ „Das ist zu viel für Dich, das halst Du nicht aus. Da wirst Dü vielleicht wieder, wie neulich, eine halbe Stunde aufgehalten werden und schließlich nichts ver-

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