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Der Israelit · 1903-12-24 · Heft 102 (24.12.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 102 (24.12.1903)
Date
1903-12-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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wie es nichts als ein in der Phantasie einiger weltfremder Menschen eristirendes Lustschloß ist, um dann die Genesis dieser Strömung klarzulegen, klarzulegen, woher die Neigung stammt, Ethik von Religion zu trennen oder. sie gar als sich gegenseitig ausschließende Gegensätze zu behandeln.. Beginnen wir mit dem Ersteren. Im Religiösen liegt nicht das.Gemeinsame, sondern das Trennende wird uns entgegengehaltcn, darum soll die Ethik ihre eigenen Wege gehen, um das Band zu finden, das alle Menschen gleich umschließe, den Kitt zu entdecken, der uns aneinandertringe. Und ein * flüchtiger Blick auf die Geschichte der verrauschten Jahrtausende scheint diese These bestätigen zu wollen. Man braucht nur an die Reformation zu denken und an die in ihrer Folge j entbrannten Kriege, man vergegenwärtige sich nur die s unzähligen Verfolgungen, die wir wegen unseres Glau-! bcns zu erdulden hatten, man denke nur an die grau- I samen Jnquisitionstribunale, man besuche im Geiste die j finsteren Kerker, die sie in ihrem Glaubenseifer errich-! tete, und mit 'unzähligen Andersgläubigen zu füllen! wußte, man sehe nur die unzähligen Scheiterhaufen,! die die Bekenner der Religion der Liebe ihrer Religion! zu Liebe anzündeten, und man höre das erschütternde I Wehgeschrei der unzähligen Opfer, die für ihre Religion! den Flammentod erduldeten, und man sollte nicht an! der Religion, an der Kraft der religiösen Ueberzeuguno.! an der reinigenden, veredelnden Macht, die sie auf ihre! Bekenner ausüben sollte, verzweifeln? Doch diese Thatsachen, die die Anhänger der ethischen Gesellschaften für sich als Beweis anführen. die, wie sie behaupten. den Impuls zur Lossagung und Trennung von aller Religion gegeben haben, diese Thatsachen, sage ich, sind der schlagendste Beweis gegen ihre Lehren. Um dies zu beweisen, müssen wir ein wenig weit ausholen, wir müssen zu diesem Zwecke uns mit den Ergebnissen der ethischen Forschungen der antiken nichtjüdischen Welt vertraut machen. Wir wollen versuchen, kurz zu sein. So lange die Bestimmung des Menschen nur in seiner Natur gegeben ist. so lange ist die Erkenniniß des Guten eine schwankende. Mit verschiedenen Trieben ausgestattet, sucht der Mensch die Befriedigung dieser Triebe hcrbeizuführen und meidet Alles, was ihm in der Erreichung dieses Zweckes hinderlich sein könnte. Natürlich ist das Bestreben ein in stetem Wechsel begriffenes; der ganze sittliche Zustand des Menschen ist ein unstäter und wandelbarer. Sobald aber der Mensch aus diesem wechselnden Spiel der Begierden ein stetes Gesetz für das, was seiner Natur entspricht, zu konstatiren sucht, dann kommt das Moment der Zwecksetzung hinzu. Hört jetzt auch das Wechselnde in, Begriff des Guten auf, so beginnt dafür das Spiel der mannigfaltigen Auffassung der menschlichen Bestimmung, in welcher bald die eine, bald die andere Seite des menschlichen Daseins als der zu erstrebende Endzweck gefaßt wird. Wie verschieden hierbei die Ausgangspunkte, wie mannigfaltig die Prinzipien sein können, beweist ein Blick auf die sich bekämpfenden Theorien der ethischen Reflexion. Die erste ethische Anschauung der Griechen ist eine egoistische, in welcher nur das Glück des Einzelmenschen als das höchste, einzig zu erstrebende Ziel festgehalten wird. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge," dieser Gedanke zieht sich wie ein rother Faden durch die ganze ethische Gedankenwelt der Griechen, von den Sophisten bis zu Aristoteles. Auch die aristotelische Ethik, die einerseits rein formalistisch bleibt, indem sie das Sittliche als eine von der menschlichen Vernunft getroffene Maßbestimmung auffaßt, ist auf der anderen Seite eudämonistisch und bis zu einem gewissen Grade hedonistisch. Glück und Lust sind ihm fast synonime Begriffe. „Das Streben des Menschen nach Glück ist so sehr die innerste Triebfeder alles Lebendigen, daß die Natur dieses Hebels schlechterdings nicht entbehren kann, um ihre anderweitigen Zwecke zu fördern. Auch das Gute wollen wir nur als Lusterregendes, und Lust ist so sehr ein Vestandtheil der menschlichen Zwecke, daß es fraglich ist. „ob man nach dem Leben wegen der Lust, oder wegen des Lebens nach der Lust verlange." Diese Erscheinung findet ihre Erklärung in dem Umstande, daß die Alten sich kein Handeln des Menschen vorstellen konnten, dem nicht ein Glückseligkeitsstreben zu Grunde läge. Und wenn Glück für mich Grund zum Handeln sein soll, so muß es selbstverständlich mein Glück sein, das ich erstrebe. Fremdes Glück kann für mich nie Anlaß sein, irgend! etwas zu unternehmen. Nichi der M e n s ch war ihnen! das Maß der Dinge, sondern der Mensch. In diese! Gedankenwelt der Alten müssen wir uns versetzen, um j den ganzen Werth und die ganze Bedeutung der ethi- - schen Lehren unserer Lehre ganz begreifen zu können. , Unsere Lehre bezweckte eine Umwerthung der geltenden - Werthe. sie brachte einen neuen Gedanken, den Ausblick I auf ein neues Ziel in die Wett der Reflexion, und die-! ser Gedanke, der nur ein Gedanke, nur ein Gebot in unserer Lehre ist. wurde von der Tochterreligion als - Grundgedanke ihres ganzen religiösen Denkens adov-? tirt und war so zu einer herrschenden Idee in der Ge- . dankenwelt der nachfolgenden Generationen, zu einer ' Idee, mit der sich ein jeder Denker auseinanderzusetzen; gezwungen sah. Dieser Gedanke heißt: „Liebe deinen ' Nächsten wie dich selbst." Dieser Gedanke, daß die . Menschen zu einandergehören, daß sie einander ergänzen. sodaß jeder in der Hingebung sich mit dem 1 Anderen zurückempfängt, durch die Förderung des - Andern selbst beglückt wird und in der Harmonie mit! dem Ganzen die eigene Vollendung findet, ist ein echt- ’ jüdischer. Dieser Gedanke kann und sollte für die - Menschen bestimmend sein in ihrem ganzen Leben, mdem ihnen wieder die andere Lehre gebracht wurde, daß

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