Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 101 (21.12.1903)
- Date
- 1903-12-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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2252 sich die Plünderer über die fin anstoßenden Kabinett stehende eiserne Kasse. Der Zeuge selbst hatte sich geflüchtet. Ein christlicher Gehilfe sagte den Leuten, der Meister hätte beim Verlassen des Lokals das gesammte Baargeld, sowie die Werthsachen aus der Kasse mitgenommen. Gornostajew glaubte jedoch nicht an diese Worte, ging fort, um eiserne Werkzeuge zu holen, mit denen er und seine Kumpane die Kasse sprengten. In der Nähe des Ladens ist das Polizeikommissariat des fünften Bezirks untrrgeöracht, wohin sich der Zeuge mehrere Male, jedoch immer vergebens, um Hilfe wandte. Ein Führer der Exzedenten trug eine grüne Fahne, offenbar als Zeichen für die Operationen der Banden. Die Gehilfen Traubs, Günsburg und Gerber bestätigen die geschilderten Vorgänge. Gornostajew wurde später verhaftet; man fand in seinem Besitze mehrere Traub gehörende Werthsachen, zugleich hatte er^ aus der Garderobe Traubs geplündert, mehrere Kleidungsstücke angelegt. Ein Nachbar des erwähnten Kommissariats ist auch der Weinhändler Venzion Lewit, den noch vor wenigen Tagen der Pristaw Solowkin mit der Sperrung seines Geschäftes bedrohte, wenn er gegen die Polizei aussagen sollte. Der Zeuge erzählt, daß man am Ostersonntag den Laden nur mit Steinen bombardirte; am folgenden Tage frühmorgens begann jedoch die förmliche Zerstörung. Er begab sich mit noch mehreren Leidensgefährten zum Gouverneur v. Raaben, der aber noch — schlief: die dort im Vorzimmer wartenden Dr. Mutschnik und Königschatz, welche in persönlicher Audienz Schutz für die gesammte jüdische Bevölkerung zu erwirken hofften, veranlaßten mich, heimzukehren. Mit schwerer Mühe gelangte ich bis zur Ecke der Kiewskaja- und Arminanskajagasse, wo eine johlende Bande von Exzedenten mich erblickte und mich ergreifen wollte. Da sah ich den Pristaw Solowkin in der Armianskajagasse stehen, fiel ihm zu Füßen und bat ihn flehentlichst, mich von einem Wachmann nach meiner Behausung begleiten zu lassen. „Mach', daß du weiter kommst, Jude!" schrie er mich an. — „Wohin soll ich mich wenden?" fragte ich. — „Meinetwegen nach Palästina!" -— Da ich jedoch fortgesetzt ihn um Schuh bat, winkte er einen Polizisten heran, der mir einen so starken Hieb versetzte, daß ich blutete. In Todesangst gelangte ich dann zu meiner Wohnung, die aber bereits in Trümmern lag. Meine Frau und die vier Kinder hatten durch inniges Bitten einen vorübergehenden Aufenthalt im Kommissariat des fünften Bezirks erwirkt. Der Pristaw Brzezowski setzte sie aber wieder an die Luft; nach langem Suchen fand ich für meine Familie ein Versteck in einer entlegenen Hofkammer» wo sie bis zur Wiederherstellung der Ruhe verblieb. Zur Vertreibung der Banden hätte ein Wort des Pristaws Brzezowski hingereicht; dieser sah jedoch dem Zerstörungswerk vergnügt zu und wollte keinen Finger i rühren, um dem Treiben Einhalt zu thun. Man I hatte am selben Tage auch die Wohnung des ehemaligen Polizeibeamtcn Glaser überfallen wollen, da bekannt wurde, daß er bei sich mehreren jüdischen Familien Obdach gewähre, der Pristaw Brzezowski hat jedoch mit Hülfe eines einzigen Polizisten in wenigen Minuten die ganze Räuberschaar von dieser Wohnung verjagt; mir wußte er auf mein Drängen nur den Rath zu ertheilen, daß ich mich durch Aufsuchen eines Versteckes in Sicherheit bringen möge. Ein lebhaftes Gemurmel in der Zeugenabtheilung sowie Rufe „Platz gemacht!" deuten an, daß der vorgeladene Pristaw Brzezowski selbst zur Vernehmung gelangt. Das Neue in seiner, sonst nur die bekannte Polizeidarstellung wiedergebenden Aussage ist, daß ein Excedent angeblich ihn selbst ermorden wollte, der dann verhaftet wurde. Weiters behauptet aber Brzesowski, die Ausschreitungen seien nur die Folge eines Zufalles gewesen. Juden und Christen seien in gleicher Weise bewaffnet gewesen und hätten auf einander losgeschlagen; unter den Juden seien eben viele Wucherer und Betrüger u. s. w. Auf die Frage der Anwälte muß der Zeuge zugestehen, daß unter den Griechen und Armeniern Wucher und Betrug in viel größerem Maße sich ereignet, als bei den Juden; der Zeuge gibt auch das bekannte, in Minister Plehwes offziellem Communiqus seinerzeit aufgetischte Märchen wieder, daß im Karuffel eine Christin mit einem Kinde von einem Juden geschlagen worden sei, was zum Ausbruche der Exceffe geführt habe^ Auf die Frage, woher er hiervon Kenntniß habe, entgegnet Brzezowski, er erinnere sich nicht, von wem er es gehört hätte. Die Juden seien seit den Excessen noch frecher geworden, als sie früher waren. Zeuge Podwissotzki deponirt, daß bei dem Ueberfall des erwähnten Glaser'schen Hauses der Pristaw Brzezowski die Excedenten anherrschte: „Wißt Ihr denn nicht, daß dieses Haus Eigenthum eines Christen ist und nicht einem Juden gehört?" Der Soldat R u d a n o w erzählt, daß an den Tagen der Unruhen jüdische Soldaten aus den Militärdetachements, die in der Stadt Dienst machten, ausgeschlossen wurden, offenbar weil man fürchtete, sie würden ihre Glaubensgenossen beschützen. Der Feldwebel L u z e n k o sagt, daß, als er einen der Räuber verhaften wollte, ein elegant gekleideter Herr auf ihn zukam und ihm zurief: „Du hast kein Recht, diese Leute zu verhaften!" Der Betreffende wurde selbst später verhaftet, allein sogleich wieder in Freiheit gesetzt. Der Unbekannte ist seitdem verschwunden. .... Kischinew, 11. Dezember. Gestern, vor dem Exodus der letzten mit der Vertretung der Beschädigten vertrau! gewesenen Advokaten, wurden noch einige Zeugen'vernommen, die sich im Kreuzverhör' über die Haltung der Polizei äußern