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Der Israelit · 1903-12-21 · Heft 101 (21.12.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 101 (21.12.1903)
Date
1903-12-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrgang. ge zu Jfs 101 des!4 Kischinew, 17. Dezember. > Die heutige Verhandlung endete mit der für die! Leitung des Prozesses, höchst charakteristischen Wendung, daß auch die vier letzten Advokaten, Grusenberg, Pergament, Sokolow und Großmann, die bei dem Exodus der Vertheidiger und Anwälte zur Vertretung der Sache der Beschädigten noch zurückgeblieben waren, gleichfalls ihre Funktionen einstellten und den Saal verließen. Anlaß hierzu bot die im Laufe des heutigen Tages vom Präsidenten bei der Einvernahme von Zeugen angewendete Methode, alle Fragen der Anwälte, die sich auf den Ursprung, Charakter, Zusammenhang und die Organisation der Ausschreitungen beziehen, auszuschließen und die Fiktion festzuhalten, als limren lediglich einzelne zufällige Mordthaien oder Plünderungen voraekommen, und als ob die Thäter aus eigenem Antrieb gehandelt hätten. Dieses System ermöglichte ihm allerdings, im Zeitraum von zwei Stunden summarisch 50 Zeugen zu vernehmen. Da die Beschädigten niemals daran dachten, ihre Ersatzansprüche an die auf die Anklagebank gesetzten rohen und unwissenden Menschen zu stellen, sondern sich an die Hoffnung klammerten, daß die aus dem Kreuzverhör unwiderleglich sich ergebende Schuld der gutsituirten und hochstehenden eigentlichen Anstifter die Justiz zwingen würde, sich mit diesen zu befassen, so schwand bei der gegenwärtigen Haltung des Gerichtshofes jeder Boden für die Wirksamkeit der Vertreter der Juden. Von einigen Zeugen konnten jedoch noch die Anwälte vor ihrem Zurücktreten umfassende Auskünfte erlangen. Der Revieraufseher R j a b o j hatte bei der Voruntersuchung zahlreiche, von ihm selbst beobachtete Thatsachen zu Protokoll gegeben; er batte Dienst im fünften Stadtbezirk, wußte von der Zerstörung der Wohnung Rudis, von der Demolirung der Weinhandlung Benzion Lewith, in welcher 32 Hektoliter Wein ausgelassen wurden, von der Zertrümmerung des Bäckerladens des Samuel Traub. dessen eiserne Kasse gleich der Rudi'schen nach mehrstündiger „Arbeit" erbrochen und ihres Inhaltes vollständig beraubt wurde; er hatte sogar selbst einen der Räuber, die das Rudi gehörige Haus mit Packen voll geraubter Gegenstände verlassen hatten, gefaßt, lieber alle diese Momente hat er dem Voruntersuchungsrichter mit Namensfertigung berichtet, heute wußte er sich jedoch an nichts zu erinnern und blieb fest dabei, er wisse nichts. Das war nun selbst dem P räsidenten etwas zu stark; er fragte den Zeugen: Ist es möglich, daß Sie jetzt alles vergessen haben, was Sie doch in der Voruntersuchung so genau zu erzählen wußten? Soll man sich an Ihre erste Zeugenaussage halten oder an die heutige? — Zeuge: An die heutige. — Präs.: Aber das Protokoll der Voruntersuchung ist ja von Ihnen eigenhändig gefertigt, und die Ereignisse mußten Ihnen ja damals noch viel besser im Gedächtniß sein? Der Zeuge verharrt dabei nichts gesehen oder gehört zu haben, obwohl die erwähnten verwüsteten Wohnung nächst seinem Kommissariat sich befanden; der Widerspruch wirkte um so drastischer, als sein Bericht an den Voruntersuchungsrichter wörtlich zur Verlesung gelangt war. Rjaboj gab zuletzt nur zu, daß am äußersten Ende der Stadt zahlreiche, Juden gehörende Wohnungen verwüstet wurden; die in der Nähe befindlichen Polizisten haben aber nicht eingreifen können, da sie seitens ihrer Vorgesetzten keine Ordre hatten. Der Vertheidiger S ch m a k o w stellt seine stereotype Frage an den Zeugen: Gibt es in jenem Bezirke, in dem nach Ihrer Angabe geplündert wurde. Gassen, durch welche die mit Landesprodukten zur Stadt kommenden Bauern mit ihren Vehikeln fahren und wo sie durch Herabdrückung der Preise von Handelsjuden übervortheilt werden? — Zeuge bejaht es. Advokat G r o ß m a n n : Die Vertheidigung will die Plünderung gewaltsam mit dem Geschäftsvcrkehre Zwischen Dauern und Juden in Konnex bringen. (Zum Zeugen gewendet): Können Sie uns sagen, wie viel . Häuser in dem von Ihnen bezeichneten Bezirke demolirt wurden? — Z e uge: Etwa einhundertzwanzig! — Großmann: Können Sie uns vielleicht auch sagen, wie viel von diesen Häusern Juden gehören, die mit Bauern im Geschäftsverkehre stehen? — Zeuge denkt nach und antwortet: Fünf! (Allgemeine Heiterkeit.) — Advokat Grotzmann: Sagen Sie uns noch folgendes: Sie kennen doch die Bauern, die in die Stadt kommen, und hier sitzen zahlreiche Angeklagte, die bei den Exzessen verhaftet wurden. Befindet sich unter diesen ein Bauer? — Der Zeuge schweigt. Auf das Drängen der Anwälte nähert er sich der Anklagebank und sieht sich die Angeklagten an und bemerkt verdrossen: Darunter sind keine Bauern, es sind nur städtische Einwohner. (Bewegung.) Der Bäcker Samuel T r a u h wird nun als Zeuge vernommen. Ein bei ihm selbst beschäftigt gewesener Fuhrmann, Gornostajew, war am 20. April, Morgens, mit einer größeren Rotte in seinen Laden eingedrungen; nachdem alles darin Befindliche vernichtet war, machten

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