Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 101 (21.12.1903)
- Date
- 1903-12-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2249 Mehrere Tage waren verstrichen, ohne daß das Bewußtsein des Kranken zurückgekehrt war. Es war für seine Frau keine leichte Aufgabe, den Kranken zu pflegen, den Haushalt zu versehen und außerdem das Geschäft. denn ihre Verhältniffe gestatteten ihr nicht, fremde Hilfe zu nehmen. Es war daher bei allem Unglück noch ein Glück, daß die Ferien eben begonnen und ihre Kinder ihr daher zur Seite stehen konnten. Mar mußte den ganzen Tag im Geschäft zubringen und die Mutter rufen, wenn Käufer kamen. Das kam im Laufe der Woche jedoch nicht allzu häufig vor, und oft schon hatte sie sich gefragt, von was nun weiter leben? Verwandte und Freunde ihrer Familie kamen, ihre Theilnahme auszusprechen und sich bereit zu erklären, ihr in jeder Beziehung gefällig zu sein, doch in den ersten Tagen? fühlte sie sich wie vor den Kopf gestoßen, außer demjenigen, was die Pflege des Kranken betraf, konnte sie nichts überlegen. Gegen Ende der Woche kam ein Nachbar zu ihr. er erkundigte sich nach dem Befinden des Kranken und theilte ihr mit, daß derselbe ihm am vorigen Sabbat gesagt, er müsse sich zum Wochenmarkt einen Markthelfer nehmen, er könne es allein nicht bestreiten. Deßhalb erbot sich der freundliche Nachbar, nach einem zuverlässigen Helfer sich umzusehen. „Ich danke Ihnen," erwiderte Frau Müller, tief aufathmend, „Sie sind sehr gütig. Aber am Sabbat wird unser Geschäft nie wieder aufgemacht." „Aber ich bitte Sie um Gottes Himmels Willen! von was wollen Sic denn leben? mit Ihren drei Kindern — Gott soll sie Ihnen gesund lassen — und Ihrem armen, kranken Mann? Von dem, was das Geschäft in der Woche abwirft, geht das nicht." „Das weiß ich." versetzte sie gepreßt, „ich werde mich nach einem anderen Verdienste umsehen müssen." „Wo werden Sie einen solchen so geschwind finden?" fragte er achselzuckend. „Das ltmsehen ist leicht, aber das Finden ist schwer." „Ich habe es noch nicht überlegt, wenn Ihnen vielleicht etwas einfällt —" „Wenn mir etwas einfällt, werde ich es Ihnen gewiß sagen, darauf können Sie sich verlassen — aber vorläufig wüßte ich nichts — Darum meine ick. Sie sollten sich nicht darauf steifen, daß Ihr Geschäft am Sabbat justament geschlossen sein muß. — Essen müssen Sie ja doch. Sie und die Kinder und Ihr armer Mann. — Also wie denken Sie. sollte ick mich nickt doch nach einem Markthelfcr wenigstens für dieses Mal umsehen?" Sie schüttelte abwehrend den Kopf.; „Ich danke Ihnen, ich hoffe mit Zuversicht auf .Gottes Hilfe, daß ich irgend etwas finden werde, wodurch ich meine Familie ernähren kann, ohne . ein Gottesgebot zü übertreten." ' „Liebe Frau Müller verzeihen Sie mir, aber ich muß Ihnen doch sagen, Gottvertrauen ist eine schöne Sache, gewiß, aber auf Wunder darf man sich doch nicht verlassen. Das habe ich sogar von einem sehr frommen, gelehrten Mann gehört. Oder meinen Sie vielleicht, der Herr Müller wäre .dadurch verunglückt, j daß er am Sabbat das Geschäft offen gehabt hat?" i Sie zuckte die Achseln. j „Wenn mein- Mann am vorigen Sabbat nicht im i Geschäft gewesen wäre, hätte ihn der Bauer dort nicht | von der Leiter stürzen können, das glaube ich aller-! dings." „Nun ja freilick, das kann kein Mensch bestreiten, j Aber das war doch eben nur ein Zufall. Ich wollte ' j nur sagen. Sie dürfen nicht glauben, daß, wenn Sie! nächsten Samstag wieder das Geschäft aufmachen,! wieder etwas derartiges geschehen muß." > „Das glaube ich auch nicht, denn wenn jeder, der! am Sabbat Geschäfte macht, verunglücken würde, dann würde es keinen mehr geben, der den Sabbat entweiht."! „Da haben Sie recht, weiß Gott, Sie haben recht, i Nun, alsdann, Frau Müller, soll ich mich nach einem! Markthelfer für Samstag umsehen?" j Sie schüttelte abermals verneinend den Kopf. „Mit meinem Willen wird unser Geschäft nie am Sabbat offen sein." Er wiegte bedächtig das graue Haupt. „Nehmen Sie mir's nicht übel, Frau Mütter, aber das muß ich Ihnen doch sagen, ich glaube nicht, daß der Herr Müller Ihnen dafür dankbar sein wird. Am vorigen Sabbat war der Andrang ja kolossal. Und wo Sie jetzt doch in Wirklichkeit mehr gebrauchen — daß Sie jetzt am Wochenmarkt das Geschäft geschlossen halten wollen, j das kann kein vernünftiger Mensch Ihnen ratben,' und? ich bin sicher, unser Herrgott selber wird ein Einsehen | haben und wird's Ihnen nicht als Sünde anrcchnen, l wenn Sie sich und Ihren kranken Mann sowie Ihre - lieben Kinder redlich ernähren, wenn Sie sich dabei ■ auch über das Marktverbot am Sabbat hinwegsetzen. . Sie sind doch, nicht böse, daß ich so geradezu zu Ihnen ' rede? — Sie wissen, daß ich's gut mit Ihnen meine!" i „Gewiß meinen Sie's gut mit mir, und ich fühle; mich verpflichtet. Ihnen für Ihre gute Absicht zu danken. Aber ich kann nur wiederholen,, so lange der Wochenmarkt am Sabbat ist, brauchen wir keinen Markthelfer. Doch vielleicht könnten Sie in anderer Beziehung mir gefällig sein. Herr Kohn." „Sagen Sie mir, was ich für Sie thun soll und ich werde mich freuen, wenn ich's thun kann, schon damit Sie nicht glauben sollen, daß es mir nur darum zu thun ist, daß Sie am Sabbat offen haben." „Das glaube ich.keineswegs, ich weiß genau, wie , Sie's meinen. Und darum möchte ich Sie bitten, daß Cie mit Ihrer Schwester, sprechen,, sie' hat doch bas größte Wäschegeschäft hier in der Gegend, vielleicht würde sie mir Arbeit geben."