Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 101 (21.12.1903)
- Date
- 1903-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2245 Juden zu schlagen, weil sie angeblich Feinde des Zaren jeien? Im Gegensätze zu den von einigen Vertheidigcrn geäußerten Hoffnungen bin ich in Bezug auf den schwebenden Prozeß kein Optimist; ich glaube kaum, daß es gelingen wird, alle wirklich Schuldigen zu überführen und zu bestrafen. Es gibt historische Momente, in welchen man die volle Wahrheit nicht enthüllen kann, und ich glaube, wir befinden uns jetzt in einem solchen Zeitpunkt, allein das darf den Richter nicht verhindern, seiner Pflicht bis zum Ende nachzukommen; er muß alle Mittel erschöpfen, die ihm das Gesetz an die Hand gibt. Ich will genau angeben, in welchen Thatsachen und Umständen ich die Anzeichen einer Organisation und Vorbereitung zu den Excessen finde. Es sind eben diejenigen Thatsachen, welche seitens der Voruntersuchung nicht nur nicht genügend beleuchtet, sondern geradezu sorgfältig verschwiegen wurden. Vor allem bitte ich Sie, Ihre Aufmerksamkeit auf das äußere Bild der Vorgänge des 20. April zu lenken; in der Stadt war eine mehr als außerordentlich starke Militärmacht, die zur Unterdrückung ausreichend gewesen wäre; die Regimenter standen in Bereitschaft, in Erwartung der Befehle, und inzwischen gänzlich unthätig. Die Juden hatte man entwaffnet, man gestattete ihnen nicht, sich zu sammeln und sich zu verteidigen. Dann geschieht, wie auf ein' gegebenes Signal, etwas Entsetzliches: Es zerstreuen sich kleine Banden in den Straßen, zu gleicher Zeit entstehen an unzähligen Orten, an allen Ecken und Enden der Stadt gleichmäßig verlaufende Ausschreitungen. Ist das die Explosion einer Volksleidenschaft? Nein! Im Communiqu6 der Regierung wurde angeführt, irgend ein Zusammenstoß zwischen dem jüdischen Karusselbesitzer mit einer christlichen Frau habe Anlaß zum Entstehen der allgemeinen Bewegung gegeben, die Untersuchung jedoch hat diese Behauptung umgestoßen. Es zeigt sich, daß ein Grund gesucht wurde, und daß man nachträglich einen solchen erdichtet hat, da es in Wirklichkeit keinen gab. Wäre aber ein Grund vorhanden gewesen, so hätte sich sicherlich das Bild der stattgehabten Unruhen anders gestaltet und einen normalen, in gewissen Grenzen sich entwickelnden Verlauf genommen; aus einem Funken wäre vielleicht an einem bestimmten Orte ein verheerendes Flammenmeer entstanden/ ' Hier aber wurde ganz etwas anderes beobachtet! An hundert weit auseinander liegenden Punkten wurde gleichzeitig Brandstiftung geübt, es war ein notorisch künstliches Feuerlegen und kein natürliches Auflodern einer Volksleidenschaft! Und wie hörte plötzlich alles auf, wie legte sich dieser Sturm, den man als.elementaren Ausbruch der Volksgefuhle deuten' möchte? In einem Augenblicke fast-war gänzliche Ruhe. Als bekannt wurde, daß „von .Oben" ein Befehl aüsgegeben worden sei, den Unruhen ein Ende zu machen, brauchte kein einziger Schuß abgefeuert zu werden, und sie waren zu Ende! Beruhigt sich so leicht eine aufgewühlte Volksmenge, die nach unwiderstehlichen inneren Impulsen handelt? Anfang und Ende der Ausschreitungen geschahen förmlich wie auf die Bewegung eines Zauberstabes! Die Vorgänge glichen einem bisher noch nie dagewesenen eigenartigen Festspiele, von dem der Beginn und der Schluß programmgemäß angekündigt wurden. Sie müssen zugestehen, meine Herren des Gerichtshofes, daß ich von der Wahrheit nicht Um ein Jota abwciche und daß selbst nach den amtlichen Protokollen im Verlaufe weniger Stunden so viel Unheil angestistet wurde, daß der Untersuchungsrichter mehrere Tage benöthigte. um sich eine Uebersichi zu verschaffen. Auf Grund verbürgter Thatsachen muß man sagen, daß ganz Kischinew während der Exceffe gleichsam in einen gigantischen römischen Zirkus des Alterthums verwandelt war, wo vor den Augen des vergnügt dreinschauenden Militärs, der festlich applaudirendev Menge in der Tiefe der Arena sich das entsetzliche blutige Schauspiel entwickelt, daß von der einen Seite wehrlose Opfer hereingejagt, von der andern wllthend gemachte Bestien gegen sie losgelassen werden; auf ein gegebenes Zeichen heißt es: „Schluß!" und das grauenhafte Schauspiel endet plötzlich. Ich behaupte, daß die äußeren Merkmale der Vorgänge die besten Beweise für ihren inneren Zusammenhang und ihre Qrgani- . saiion sind." Karabischewski analysirte hierauf die agitatorische Thätigkeit Kruschewans im „Bessarabetz" und dessen Verbindung mit den „patriotischen" Hetzern wie Pronin und mit Analphabeten von der Art des Stepanow. Er kommt dann zum Schluffe auf die mysteriöse Mission Lewendalls zu sprechen, der, wie zweifellos festgestcllt ist, mit der Agitation und den Plänen Kruschewans wohl vertraut war und bei den Excessen eine sehr traurige Nolle gespielt hat. Es sei genügend, darauf hinzuweisen, daß der frühere Gouverneur v. Raaben schon bereit war, auszufahren und Befehle zur Wiederherstellung der Ordnung zu ertheilen, als ein magisches Wort Lewendalls ihn daran hinderte. „Was war das für ein Wort? Man müßte 'Lcwendall vernehmen, aber das ist nicht erfolgt; nicht vernommen wurde auch Herr von Raaben selbst, der vielleicht weniger schuldig ist, als bisher angenommen wurde. Er war vielleicht selbst ein Opfer eines Betruges und lügenhafter amtlicher Rapporte. Solange alle diese Dinge vom Gerichtshöfe ignorirt und künsilich aus dem Prozesse cusgeschieden werden, erachten meine Kollegen und ich es für ganz unmöglich, die Vertretung der Privat!läger fartzuführen." . Was. nützen. alle noch.so human, aus^eqrbejteten^^ Gesehespäragraphen, wenn sie nicht ängewenvet^v'er^en dürfen? Was nützen alle noch so unparteiischen Richter, wenn sie Befehl erhalten, gegen Recht und GrrechiigL ' keit zu entscheiden?