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Der Israelit · 1903-12-17 · Heft 100 (17.12.1903) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 100 (17.12.1903)
Date
1903-12-17
Page
– (sequence 31)
Language
German
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sein Freund noch zu leben habe, gezählt seien. Auch Abraham fühlte, daß es mit ihm zu Ende ginge. Durch Zufall erfuhr David, daß in einem einige Stunden rückwärts gelegenen Dorfe eingewanderre ruffische Juden sich angesiedelt. Er bat den Oberst um die Erlaubniß, feinen Freund dorthin bringen zu dürfen. Der Oberst gab ihm nicht nur die Erlaubniß, sondern er beurlaubte auch David so lange, bis sein Freund ausgerungen. Die Uebersiedelung geschah noch selbigen Tages. Besagte Glaubensgenossen nahmen den Verwundeten mit echt-jüdischer Mildherzigkeit auf und sorgten in jeder Beziehung für seine Bedürfnisse. David fühlte sich von dem jüdischen Familienleben unendlich angezogen. Alte Erinnerungen zogen an seinem Geiste vorüber. Mit schmerzlichem Gefühl gedachte er seines Vaters, dem er schon wiederholt geschrieben, ohne je eine Zeile Antwort erhalten zu haben. Er ahnte ja nicht, daß Kalmanowitsch, als er von seinem Sohne die Nachricht erhielt, daß er sich freiwillig dem Militär gestellt, sofort nach Brest-Litowsk geeilt war, um ihn von seinem unseligen Entschlüsse abzubringen. Dabei erfuhr er nun auch, daß sein Sohn längst abgefaüen war vom gesetzestreuen Judenthum, daß er also für ihn, seinen Vater verloren sei. Der Alte kehrte gebrochen nach seiner Heimath zurück; er hatte keinen Sohn mehr. Am dritten Tage seiner Einquartirung bei den Glaubensgenossen feierten dieselben den Beginn des Lichtfestes. Innig und voll tiefster Inbrunst betheiligte sich David an dem Gesänge und Gebete bei dem Anzünden des Lichtes. Auch Abraham hatte sich von seinem Lager aufgerichtet und mit verklärten Blicken hing er an den Lippen der Betenden. An seinem geistigen Auge zog seine Jugendzeit vorüber. Er sah sich wieder als Kind, treu und fromm, behütet von den sorgenden Eltern. Immer sinnender wurde sein Blick, immer vergeistigter sein Antlitz. Als das Gebet beendet, trat David an sein Lager. Der Sterbende faßte noch einmal die Hand des Freundes, drückte sie und bat dann mit leiser Stimme und unter Thänen in den Augen den Freund, ihm zu verzeihen, daß er ihn einst mit seinem Leichtsinn dem streng-religiösen jüdischen Leben entfremdet habe und ließ sich das Versprechen geben, daß David wieder zu den Lehren seiner Väter zurückkehren werde. David versprach schluchzend, was der Sterbende von ihm als Letztes verlangte.. Noch einmal sah ihn Abraham lang und mnig an, dann hauchte er mit dem Rufe: „Schema Jisroel" seinen Geist aus. Als Abraham beerdigt war, kehrte David zu seinem Truppentheil zurück. Abermals gab es Kampfe mit den Chunchusenbanden, aus denen David, abgesehen von kleinen Schrammen und Streifschüssen, stets unverletzt hervorging. -- Wieder waren Monate verflossen und wir sehen David als Unteroffizier eine kleine Abtheilung kommandiren. Er hatte nämlich seinen Oberst in einem Kampfe mit jählings aus dem Hinterhalte hervorgebrochenen Feinden herausgehauen, und denselben hierdurch vor Gefangenschaft bewahrt. Zum Dank dafür wurde er vor dem ganzen Regiment dekorirt und zum Unteroffizier befördert. Heute nun hatte David den Auftrag erhalten, mit acht Mann einen Aufklärungsritt in eine vom Feinde besetzte Gegend zu unternehmen. Den Tag über hatten sie vom Feinde nichts gemerkt. Augenblicklich ritten sie auf einer Straße, die nach einem in einem Thälgrunde gelegenen Dorfe führte. Es dunkelte bereits und scharf ousspähend und mit der nöthigen Vorsicht näherten sie sich dem ersten Gehöft. Kein lebendes Wesen war zu sehen. Sie kamen am ersten, zweiten, dritten Hause vorbei, alles still. Jetzt bogen sie um die Ecke, um in eine andere Straße einzureiten, da auf einmal knatterte es von allen Seiten. Hinter Mauern und Hecken stürzten die Feinde hervor. Vier von David's Begleitmannschaften fielen sofort. ..Hierher!" rief er, als die übrigen vorwärts stürmen wollten, „an die Mauer heran." Doch es war zu spät. Von allen Seiten waren sie umstellt. Wieder knatterten die Schüsse und zwei Mann von den übriggebliebenen Mannschaften sanken von den Pferden. Und als gleich darauf auch die beiden letzten vielen, schwang sich David vom Pferde, sprang über die Umzäunung eines Gartens und drang in das Gebüsch desselben ein. Die Feinde glaubten, er habe blos Deckung gesucht hinter der Gartenumzäunung und wagten sich nur vorsichtig heran. Mittlerweile hatte David einen großen Vorsprung. Er übersprang noch mehrere Gartenzä'une und flüchtete schließlich in ein nach dem Garten zu offenstehendes Haus. Er öffnete die erstbeste Thür und versteckte sich in einen in dem Zimmer befindlichen Wandschrank. Kaum war er geborgen, als sich die Zimmerthüre öffnete und ein Mann, eine Frau und drei Kinder in die Stube traten. Der Mann entzündete nach einem Segensspruche ein am Fenster stehendes Licht und stimmte dann einen hebräischen Gesang an, in den die Uebrigen einfielen. Jetzt hörte man Getöse im Garten; die Verfolger untersuchten jedes Haus, jeden Strauch. Jetzt stampften sie in den Korridor. Die Thüre wurde aufgerissen und einige wild aussehende Gestalten drängten sich herein. ' .

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