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Der Israelit · 1903-12-17 · Heft 100 (17.12.1903) · page 32

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 100 (17.12.1903)
Date
1903-12-17
Page
– (sequence 32)
Language
German
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Die Singenden wendeten wohl die Köpfe nach . den Eindringlingen, Netzen sich aber nicht im Geringsten ' stören. I Der Anführer der Verfolger, ein großer, stämmiger Mann, sah sich im Zimmer um und winkte dann seinen Gefährten ab. Sie verließen gleich darauf wieder fluchend und schimpfend das Haus, um ihre Nachforschungen in den Nachbargebäuden fortzusetzen. David hatte durch eine.Ritze der Thüre Alles mitangesehen. Er sah. daß er zu Glaubensgenossen geraden war und heute war Lichtfest-Anfang. Innig dankte er dem Allmächtigen für diese Fügung. Noch nie im Leben hatte er den Segensspruch und den Gesang mit solcher Inbrunst in seinem Geiste ausgenommen, wie heute. Sichtlich hatte der Allmächtige ein Wunder an ihm gethan. Er gelobte sich nochmals feierlich, das Versprechen, das er dem sterbenden Freunde gemacht, getreulich zu erfüllen, und.allezeit ein gesetzestreuer, frommer Jude zu sein. . Als es wieder vollständig ruhig geworden, trat David aus seinem. Verstell hervor und gab sich den Erschrockenen als Glaubensgenosse zu erkennen. Da erfuhr er nun, daß seine Retter vor Jahren aus Rußland hier cingewändert waren. Und daß die Chinesen so ohne weiters wieder-abzogen, erkläre stch aus ihrer Furcht und Scheu vor anderen Kulten. Sie fürchten in ihrem Aberglauben die Anzauberung von Krankheiten etc. David verblieb zwei Tage bei diesen frommen Glaubensgenossen und wurde dann nachts von denselben auf den rechten Weg gebracht, von wo er auch wieder auf seinen Truppentheil stieß. Seine Kameraden halten ihn schonfür verschollen gehalten. Und wieder machte das Regiment kreuz und quer Streifzüge im Lande der Mitte. Dann bezog dasselbe längere Zeit ein befestigtes Lager. Und hier traf eines Tags der Befehl ein, die Freiwilligen in die Heimath zu entlassen. Auch David war unter denselben. Wenn diese Nachricht auch für ihn überraschend war, so war sie ihm doch willkommen. Er war ein anderer geworden. Ein geheimes Sehnen nach dem Vaterhause erfüllte seine Brust. Er wollte wieder gutmachen, was er einst gefehlt. Eilen wir ihm voraus und lassen wir die Ereignisse in seinem Heimathsstädtchen an uns vorüberziehen. Der Vater Chaja's hatte auch das Zeitliche gesegnet. Sie stand nun allein. Der alte Kalmanowitsch hatte seinen Vermögensverlust von damals verschmerzt und befand stch setzt wieder in besseren Verhältnissen. Chaja war zu ihm Lbergestedelt und führte ihm den Haushalt. So hätte auch hier die Zeit manche Wunde wieder geheilt. . Chaja konnte ihren Jugengespielen immer noch nicht vergessen, wenn sie auch seinen Namen bei dem alten Kalmanowitsch nicht nennen durfte. So kam wiederum das Lichtfest heran. Der alte Kalmanowitsch und Chaja befanden sich im Zimmer. Der Hausherr entzündete nach vorhergegangenem Segensspruch das Licht und Beide stimmten das „Moaus zur" an, als von der Thüre her eine dritte Stimme einfiel. Chaja schlug das Herz unbewußt schnell, denn wenn sie auch den Fremden dort nicht gleich erkannte, da er im Halbdunkel stand, so sagte ihr doch eine innere Stimme, wer er sei. Nach dem Weiheakt drehte sich der alte Kalmanowitsch herum und sah scharf nach dem Fremdling. Doch dieser stürzte mit dem Rufe: „Vater, theurer Vater!" auf den alten Mann loS und umarmte ihn stürmisch. „Mein Sohn!" jauchzte der Alte, „mein einziger, lieber Sohn!" Doch dann hielt er ihn wett von stch weg und fragte ängstlich: „Kommst Du als Jude, als echter, gesetzestreuer Jude zurück?"— — „Ja Vater! Ich komme als Dein Sohn, als echter, frommer Jude zurück!" „Allmächtiger, ich danke Dir. daß Du, o Gott, mich das erleben läßt." Und der alte Mann zog seinen Sohn an das Herz und schluchzte vor Freude. Tage des reinsten Glückes folgten nun. Der alte Kalmanowitsch war womöglich noch stolzer auf seinen Sohn geworden, als er es früher war. David war der Held des Tages. Aber das russische Vaterland hatte alle Verdienste seines so treuen Sohnes rasch vergessen. David machte nämlich bei der Regierung eine Eingabe, worin er unter Erwähnung, aller seiner Auszeichnungen während des Krieges bat, außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons wohnen zu dürfen. Er erhielt den Bescheid, datz ihm als Jude seine Bitte verweigert sei. Er sandte darauf seine Orden der Militärbehörde zurück und etablirte sich in Kobryn als Kaufmann, wo ihm ein ungeahntes Glück, das ihn für die Undankbarkeit seines Siiefvaierlandes voll entschädigte, erblühte: Chaja war nicht wenig stolz auf den Helden. Das alte Band hatte stch ganz von ungefähr wieder um die Beiden geschlungen, aus der Kinderfreundfchast war eine innige Zuneigung entstanden, und ehe ein Jahr vergangen, waren Chaja und David ein glückliches Paar. Ende. Acrantworlliche gteioction: Oscar Le6mann in Main^ — Eroedition des .Israelit" SLottstratzeNr. Druck und Bellas der Iah. Wirth'sÄen Hofbuchdruckerer Actien-Gesellschaft in Mamz» 2. Mains. zzs&ss*

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