Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-12-17 · Heft 100 (17.12.1903) · page 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 100 (17.12.1903)
Date
1903-12-17
Page
– (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449982--59694-2523954
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Marschroute änderte sich nunmehr, denn der Oberst hatte zugleich die Ordre erhalten, die im Innern des Landes zahlreich auftretenden Chunchusenbanden aufzuheben. Jetzt sollte also erst der eigentliche Kampf mit den raublustigen Horden losgehen.-— Wir übergehen die zahlreichen Heineren Gefechte und Scharmützeln, die vielen Kreuz- und Querzuge, an denen David und Abraham Theil nahmen. Sech- Monate lang befanden sie sich Bereits im tiefsten Innern des Landes, als eines Abends!m Vrwuak bekannt gemacht wurde, daß am frühen Morgen eine kombinirte Schwadron aus Freiwilligen einen Streifzug in ein in der Nähe.befindliches Gebirg unternehmen solle, da sich dort eine Bande Chunchusen versteckt halte, die bereits viele Mannschaften hinterrücks uiedergeschossen oder meuchlings ermordet hatten. Auch David und Abraham meldeten sich als Freiwillige zu diesem gefährlichen Streifzuge. Morgens um vier Uhr rückte die Schwadron aus, vorn Oberst vorher noch mit einigen Worten ermahnt, treu zu einander zu halten. Zu David wandte sich der Oberst speziell mit den Worten: „Hoffentlich sehen wir uns gesund und wohlbehalten wieder, mein Sohn!" „Ich hoffe es. Herr Oberst," war die Antwort. Zwei Stunden dauerte bereits der Ritt, als sie sich dem Gebirge näherten. Am Fuße desselben lag ein halbverfallenes Dorf. Es schien, als ob keine Menschenseele darin üch aufhielte, und doch war mit Bestimmtheit darauf zu rechnen, daß es von Chunchufen darin wimmele. Seinem ganzen Aussehen nach war es ein richtiges Räubernest. Diese Annahme ivar auch keine falsche. Denn kaum hatte eine vorausgeschickte Patrouille die Nahe des ersten Gehöftes erreicht, als es von allen Seiten aufblitzte. Zahlreiche Kugeln umsausten die Köpfe der Mannschaften, ohne zum Glücke zu treffen. Die Patrouille zog sich in Folge dessen zurück. Der führende Offizier sah ein, daß hier mit einer Schwadron gegen diese gedeckte Uebermacht nichts zu machen sei und sandte eine Meldung um Verstärkung an den Oberst. Mittlerweile ließ er das Dorf umstellen. damit ein Entweichen des Feindes verhindert werde. Einige Stunden danach rückte das ganze Regiment an und der Oberst übernahm den Befehl. Von allen Seiten zu gleicher Zeit wurde mit Sturmschritt gegen das Räubernest vorgegangen, und Gehöft um Gehöft erstürmt. Nur eins mit hohen, massiven Hofmauern, war noch übrig. Wiederholt waren die stürmenden Kosaken zurückgefchkagen worden. Der Oberst tobte über die vergeblichen Verluste und stellte schließlich den Kampf ein, da er emsah, daß auf diese Weise nicht beizukommen war. Es wurde berathschlagt und man kam zu dem Entschluß, durch Werfen von Brandfackeln auf das Schindeldach des Hauses die Bande herauszuräuchern. „Freiwillige vor," tönte das Kommando. David und Abraham waren unter den acht Mann, die sich gemeldet. Es wurlmr nun aus den anderen Gehöften Strohbündel herbeigeschafft, mit Vorgefundenem Oel besprengt und entzündet. Bon allen Seiten zugleich liefen nun die acht Mann mit den brennenden Bündeln an das Haus heran und schleuderten dieselben auf das Dach. Selbstverständlich wurden dieselben mit einem Hagel von Kugeln empfangen, und manchem von ihnen entsank das Bündel, noch ehe es von seinem Träger auf das Dach des Gebäudes geschleudert werden konnte. Fünf Mann davon waren gefallen. Drei nur kehrten zurück. Unter diesen befand sich David. Als David bemerkte, paß Abraham fehlte, kehrte er ohne langes Besinnen sofort zurück. Abraham lag ungefähr zwanzig Schritte vom Gehöft ab. Auf dem Rückwege war er getroffen worden. Nur dem Umstande, daß die Aufmerksamkeit des Feindes durch den wirklich in Brand gerathenen Dachstuhl etwas abgelenkt wurde, war es zu verdanken, daß er ungefährdet seinen Freund erreichte. Abraham war noch bei Bewußtsein, trotzdem ihn mehrere Kugeln getroffen hatten. Er erkannte seinen Freund. „Nimm mich mit, David, nimm mich mit," stöhnte er. „Halte Dick etwas an mir fest, Abraham," bat David, „ich muß laufen." Und den Freund in beide Arme nehmend, eilte er in mächtigen Sätzen aus dem Schußbereiche des Feindes. Einzelne Kugeln wurden ihm nachgesandt, aber wunderbarer Weise traf ihn keine. Das ganze Regiment war Zeuge dieser edlen That. Thränen standen dem Obersten in den Augen, als er David wiederholt die Hände schüttelte. „Bringe Deinen Kameraden weiter zurück, mein Sohn, hier ist es noch zu nahe am Kämpft." Wie zur Betätigung drang in diesem Augenblicke wildes Geschrei und Getöse von dem brennenden Gehöfte her. Die Feinde hatten einen Ausfall gewagt und bei dem Getümmel war es den Kosaken gelungen, .von der Rückseite her die Mauer zu übersteigen. Ein wildes Ringen entbrannte nun. indem aber schließlich die Soldaten Sieger blieben. Zahlreiche Opfer hatte es auch auf ihrer Seite gekostet. Die Chunchuftnbande war aber vollständig aufgerieben. Die Truvpe trat den Rückweg an. Die Verwundeten wurden auf requirirte Wagen geladen und in's Lager gebracht. Der Regimentsarzt untersuchte dm Schwerver- > wundeien und theilte David mit. daß die Tage, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.