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Der Israelit · 1903-12-17 · Heft 100 (17.12.1903) · page 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 100 (17.12.1903)
Date
1903-12-17
Page
– (sequence 29)
Language
German
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bic Mauer heranzuschleichen, hielten selbst diese wilden Ehunchusen für unmöglich. Jetzt galt es aber die Hauptschwierigkeit, das Anbrennen der Zündschnur. David rutschte noch vollends an das Thor heran, knöpfte seinen Waffenrock auf, entzündete das Schwefelholz unter seinem Rocke und setzte die Zündschnur in Brand. Er legte dieselbe so unter einen vorspringenden Stein, daß sie von oben nicht gesehen werden konnte, brachte das Dynamit damit in Verbindung und rutschte seitswärts der Mauer entlang. Denn er sagte sich, daß er nicht schnell genug den geraden Rückweg nehmen konnte, bevor das Dynamit zur Explosion gelangte. Kaum war er, sich immer dicht an der Mauer haltend, um die Ecke gekrochen, als ein furchtbarer Knall die Luft erschütterte. Mauerstücke, Grundschollen, Holztheile flogen in der Lust herum. Doch David hatte eine gute Deckung in der noch stehen gebliebenen Mauer. Jetzt hörte man aber ein ohrenbetäubendes Hurrahgeschrei der anstürmenden Kosaken. Unaufhörlich wälzten sich die Soldaten wie eine ungeheure Riesenschlange in die große Bresche, die das Dynamit gerissen, alles vor sich niedermachend, was sich ihnen in den Weg stellte. Nach kaum zehn Minuten herrschte wieder Ruhe auf dem Jmpan. Ungefähr 200 der Feinde waren vernichtet, nur einige Wenige hatten sich durcb die Flucht entzogen. Nunmehr wurden die Pferde wieder herangeführt und die Mannschaften saßen auf. Doch bevor das Kommando zum Abmarsch gegeben wurde, ritt der Oberst die Front der einzelnen Schwadronen entlang, scharf nach David ausspähend. Dieser hielt neben Abraham beim Regimentsadjutanten, dem er auf Befragen einen kurzen Bericht über das gute Gelingen seines Wagnisses gab. Abraham war bei der Erstürmung nicht zugegen gewesen, er hatte eine Meldung an den Generalstab zu überbringen. Staunend vernahm er die Heldenthat Davids. Jetzt hatte der Oberst David erblickt. Er ritt auf denselben zu, salutirte mit dem Degen und sprach nur die paar Worte: „Bravo, mein Sohn, bravo! Ich werde Dir Deine Heldenthat nie vergessen!". Dann sprengte er vor und gab das Kommando zum Abmarsch. Bis zum Mittag ging es nun vorwärts. Weit und breit war kein Feind mehr zu sehen. Die Chunchusen waren auf der ganzen Linie zuruckgeworfen worden. Um 2 Uhr Nachmittags wurde ein Vi'ouak bezogen. Menschen wie Thiere bedurften unbedingt der Erholung. Im Lager nun wurde David beim Appell vor versammelter Mannschaft vom Oberst, als Zeichen seiner Anerkennung für die vollbrachte That, zum Gefreiten befördert. _ Drei Tage nach diesem für David so wichtigen Ereigniß erhielt das Regiment Befehl zum weiteren Vormarsch. Es ging gegen Girin, die Hauptstadt der Mandschurei. Auf diesem tagelangen Marsche ereignete sich nichts besonders Erwähnenswerthes. Nur bei dem Uebersehen des Sungari, eines der mächtigsten, Ströme der Mandschurei, rettete Abraham durch seine Geistesgegenwart einem Kosakenoffizier das Leben. Das Pferd des Offiziers scheute vor dem Wasser und wollte unter keinen Umständen zum Durchschwimmen in die Fluthen. Durch den Widerstand des Thieres gereizt» schlug derselbe unbarmerzig auf das Pferd los, daß es sich hoch aufbäumte und wild mit den Vorderhufen um sich schlug. Dabei entglitten dem Reiter die Zügel, und bei dem Bemühen, dieselben wieder zu erhaschen, rutschte er seitwärts herunter, sein rechter Sporn verfing sich dabei in der Fangleine. Jetzt, als es den Reiter nicht mehr auf seinem Rücken fühlte, sprang das Pferd mit einem mächtigen Satz in den Strom, den Offizier mit sich reißend. Die Leine zog denselben mit den Füßen nach oben in's Wasser. Abraham hatte auf seinem Pferde dicht dabei gehalten. Als er die gefährliche Lage des Offiziers gewahrte, sprang er blitzschnell zur Erde, riß seinen Säbel aus der Scheide, nahm denselben zwischen die Zähne, stürzte sich in das Wasser und schwamm in mächtigen Zügen dem Pferde nach. Er faßte die Leine unter dem Kopfe des Thieres, hielt sich mit der linken Hand daran fest und hieb mit der rechten mit kräftigem Hiebe die Leine durch. Es war die höchste Zeit, denn der Offizier war, als er jetzt durch einen kräftigen Ruck Abraham's an der Leine mit dem Kopfe aus dem Wasser tauchte, bereits ganz blau im Gesicht aus Lustmangel. Abraham unterstützte denselben, damit er wieder an's Land komme, denn die Kräfte schienen ihn zu verlassen. Der Offizier erstattete spater selbst hierüber dem Oberst Bericht. Als dieser den Sachverhalt vernahm, äußerte er sich diesem gegenüber sehr lobend gerade über die Juden in seinem Regiments dabei besonders betonend, daß sie an Tapferkeit und Intelligenz ihren Kameraden weit überlegen wären. Auch Abraham wurde im nächsten Quartier vor versammelter Mannschaft belobigt und zum Gefreiten befördert. Tagelang war das Regiment unterwegs, als eine Ordonnanz die Meldung überbrachte, Girin sei von General Rennekampf eingenommen worden.

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