Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1903)
- Date
- 1903-12-17
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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„Zu Befehl, Herr Oberst," war die Antwort. David und Abraham meldeten sich beim Regimentsstab. Abraham wurde dem Regimentsadjutanten beigegeben, während David zur Dienstleistung beim Oberst kommandirt wurde. Der Dienst fiir beide war nicht streng. Sie hatten für die persönlichen Bedürfnisse ihrer Herren zu sorgen, und manchmal Meldungen oder Dienstbestimmungen abzuschreiöen oder zu überbrmgen. Eines Tages wurde bekannt, daß morgen vorgerückt werde. Der gegenübersiehende Feind sollte aus seiner starken Stellung geworfen werden. Die Truppen zeigten plötzlich ein anderes Bild. Hier putzten welche ihre Waffen, dort wieder saßen andere und schrieben auf einer umgestürzten Kiste Briefe in die Heimath, wieder andere saßen stumpf vor sich hinbrütend. Auch Abraham und David schrieben Briefe in die Heimath. hatten sie doch Beide am kommenden Tage schweren Dienst. Sie mußten mit in das Treffen und Meldungen von Truppe zu Truppe überbringen. Der Oberst hatte David persönlich darauf aufmerksam gemacht, daß er, David, morgen seine Tapferkeit und Schnelligkeit zu beweisen Gelegenheit haben werde. David stand blitzenden Auges vor seinem Vorgesetzten. „Ich werde mir die Anerkennung des Herrn Oberst zu erringen suchen." „Ich bin fest davon überzeugt, mein Söhn; ich besitze eine große Menschenkenntniß und werde mich auch diesmal gewiß nicht täuschen."- Es war noch völlig dunkel, als das Regiment, in Schwadronen formirt, unter Vermeidung möglichst jeden Geräusches ausrückte. Links und rechts schwärmten kleine Abtheilungen aus zur Sicherung gegen Ueberraschungen von Seiten des Feindes. Die beiden Freunde ritten beim Stab. Das Regiment hatte den Auftrag erhalten, die rechte Flanke des Feindes zu umgehen, wahrend der Kernpunkt der russischen Truppen. Infanterie und Artillerie, den Feind im Zentrum angreifen sollten. Zwei Stunden schon waren sie geritten, und bereits graute der Tag, als man plötzlich von der Seite her Schüsse fallen hörte. Gleich darauf sprengte eine Ordonnanz an den Oberst heran mit der Meldung, daß ungefähr eine Viertelstunde voraus ein Jmpan (ein mit einer Mauer umgebenes chinesisches Gehöft) liege, der von dem Feinde stark besetzt f«. Der Oberst ließ sofort absitzen, die Pferde wurden angekoppelt, eine. Wache zurückgelassen und nun rückten die Kosaken lautlos zu Fuß vor. Ein dichter Wald deckte noch eine Strecke hin das Vorrücken der Truppe. So kam man bis an den Rand des Gehölzes. Eine Lichtung von ungefähr 300 Meter rings um den Jmpan, die von den Chunchusen leicht mit ihren Geschossen bestrichen werden konnte, hinderte das weitere Vorrücken. Der Oberst ließ die Stabsoffiziere zusammentreten, um sich mit denselben in einer kurzen Berathung darüber zu einigen, auf welche Weise ohne allzu große Menschenverluste das Gehöft zu nehmen sei. Genommen mußte es werden, das erforderte die Sicherheit der allem Anscheine nach bereits in heftigem Gefecht sich befindenden Haupttruppe. Denn man hörte jetzt auch anhaltenden Geschützdonner aus der Ferne herüberschallen. Den Jmpan durch Erstürmen der hohen Mauer zu nehmen, war nur mit den größten Menschenopfern auszuführen. Es blieb darum nur eine Möglichkeit, und zwar die, daß das große, breite Thor mit Dynamit aufgesprengt wurde. Derjenige aber, der dies zu vollbringen hatte, ging fast seinem sicheren Tode entgegen. Denn kein Strauch auf der ganzen Fläche konnte ihm Deckung bieten. Aber es mußte gewagt werden. Das Kosakenregiment durfte dieses stark besetzte Gehöft nicht im Rücken der vorwärtsgehenden Truppe lassen. Es wurden also Freiwillige fiir diesen Todesgang aufgefordert. Als erster meldete sich sofort David. „Du. mein Sohn?" fragte ihn der Oberst und klopfte ihm auf die Schulter. „Weißt Du, daß es Dein letzter Gang sein kann? Ich verliere Dich sehr ungern! Besinne Dich, ich weiß Deinen Muth doch zu schätzen." „Ich will das Wagniß ausführen, Herr Oberst." sagte David bestimmt. „Dann geh' mit Gott, mein Sohn." David erhielt ein Säckchen mit Dynamit, eine Zündschnur nebst Feuerzeug und machte sich auf den Weg. Einige fünfzig Schritte hatte er noch Deckung, nun stand er am Rande des Waldes. Er sandte noch ein Stoßgebet zu dem Allmächtigen und dann konzentrirte er seine volle Aufmerksamkeit dem vor ihm ' liegenden Felde. Er entdeckte zwischen zwei Aeckern eine Furche, in diese kroch er Schritt vor Schritt auf dem Bauche liegend vor. Eine unheimliche Stille , lagerte über der ganzen .. Gegend, ein geheimnißvolles Rauschen ging durch den Wald. Auch das Schießen in der Ferne hatte gänzlich aufgehört. Jeden Augenblick glaubte David sich entdeckt. Doch der Allmächtige hatte den Muthigen sichtlich in Seinen Schutz genommen, denn jetzt befand sich David nur noch ungefähr zehn Schritte von dem Thore entfernt. Deutlich sah er die Feinde über die Mauer herüberspähen. Ihre Blicke richteten sich aber stets nach dem gegenüberliegenden Walde. Denn daß ei» Russe so tollkühn sei, sich auf diesem freien Terrain an