Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1903)
- Date
- 1903-12-17
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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.. miwr» i - 2237 Tingeltangels aller Grade, von den feinsten Varietes bis zu den gewöhnlichsten Schmieren, locken ihre Anpreisungen unaufhörlich zum leichten Leben. Auch an David traten diese Versuchungen heran. Jahrelang wehrte er stch mit aller Entschiedenheit, ein solches Lokal zu besuchen, einmal aber gab er den Neckereien seiner Mitschüler nach und ging mit. Der Reiz der Neuheit wirkte so stark, daß er auch ein zweites und drittes Mal nicht widerstehen konnte. Auf Geld brauchte er ia nicht zu sehen, denn sein Vater, der reiche Kalmanowitsch, versah ihn reichlich damit. David fand immer mehr und mehr Gefallen an diesem Leben, und wenn er auch noch keine religionsgesetzlichen Ueberschreitungen sich zu Schulden kommen ließ, so fehlte es eben nur an Anregungen dazu. Denn er wohnte in Pension bei einem überzeugungstreuen Religionsgenossen, und dieser sah streng auf echt-jüdisches Leben in seinem Hause. Eines Tages nun lernte David einen Gvmnasiasten kennen, der von einem anderen Gymnasium nach Brcst-Litowsk Lbergesiedelt war. Abraham Polowitsch war sein Name. Ein lockerer, die jüdischen Religionsgesetze sehr leicht nehmender junger Mann. Dieser merkte, daß David stets eine gefüllte Börse hatte, und schloß sich ihmals ständiger Begleiter an. Er war zwei Jahre älter als David, auch in einer höheren Klasse, so daß er dem Jüngeren stets mit Rath und That in den Schulaufgaben zur Hand gehen konnte. Dafür hielt er sich bei ihren gemeinschaftlichen Exkursionen schadlos, indem David stets die Zeche bezahlen mußte. Die Freundschaft der Beiden wurde immer größer und größer und immer mehr sank David in seinen religiösen Anschauungen. Er hatte es bereits so weit gebracht, daß er am Sabbat rauchte, natürlich nicht in seinem Quartier, sondern in den Kneipen, in denen er mit seinem Freunde täglicher Gast war. Auch fragte er nichts mehr nach rituellen Speisen, es war ihm bereits alles gleichgültig geworden. Da traf eines Tages ein Schreiben seines Vaters ein, das einen vollständigen Umschwung in David's Verhältnissen bewirkte. Sein Vater schrieb ihm nämlich, daß er durch eine verunglückte Spekulation um sein ganzes Vermögen gekommen, und es ihm daher nicht mehr möglich sei, David weiter studiren zu lassen. Das war ein harter Schlag für David. Er stand vor dem Examen, hatte die besten Zensuren und sollte nun seine ganzen Hoffnungen begraben. Da war es wieder sein Freund Polowitfch, der bestimmend in das Leben David's eingriff. Polowitsch war kurz vorher im Examen durchgefallen, Geld zum Weiterstudiren hatte er nicht, und nur durch die Freigebigkeit David's konnte er sich bisher über Wasser halten. Dieser machte nun David den Vorschlag, in die Armee einzutreten. Es wurden gerade Freiwillige für China gesucht. ' und zwei so stattliche Burschen, wie sie, würden gewiß mit Freuden angenommen. Er malte David das Leben der Soldaten in dem bevorstehenden Feldzuge so glänzend aus, daß sich dieser in seiner verzweifelten Stimmung verleiten ließ, mit Polowitsch auf der Kommandantur seine Anmeldung als Freiwilliger zum Chinafeldzuge zu machen. Mittags um 4 Uhr desselben mußten sie sich bereits stellen und es blieb David nur gerade noch so viel Zeit übrig, seine Habseligkeiten zu packen und einen Brief an seinen Vater zu schreiben. Jetzt machte er sich doch Gewissensbisse darüber, so voreilig gehandelt zu haben, ohne seinen lieben, besorgten Vater auch nur mit einem Worte zu fragen. Allein es war zu spät, die übereilte That konnte nicht mehr zurückgenommen werden. Punkt 4 Uhr stellten sich Beide auf der Kommandantur ein und wurden nach kurzer, ärztlicher Visitation einem Kosakenregiment zugetheilt. Mitbestimmend zu dieser Einteilung war ihre Schulbildung. Denn gerade in diesem Truppentheil fehlte cs an schreibgewandten Leuten. Die Einkleidung der beiden jungen Leute erfolgte noch selbigen Abends, und am nächsten Morgen in aller Frühe ging es mit der Eisenbahn nach dem Garnisonsorte des Regiments, einem Grenzstädtchen am Don, ab.--:--- Mir übergehen die Zeit von acht Wochen, in denen die beiden Rekruten mit den Fertigkeiten ihres Soldatenberufes bekannt gemacht wurden. Nur erwähnen wollen wir. daß Beide als gut ausgebildete Soldaten mit dem nächsten Truppentransport nach China befördert wurden, um als Ergänzungsmannschaften eingereiht zu werden. Drei Wochen waren sie unterwegs, als sie endlich den gegenwärtigen Standpunkt ihres Regiments erreichten. Es war nur ein elendes Dorf, Russisch-Chuntschun war sein Name. Es lag nahe an der chinesischen Grenze. Das Kosakenregiment war als Sicherungstrupve weit vorgeschoben und stand unmittelbar dem Feinde gegenüber. Der Oberst ließ die Ersatz-Mannschaften zu einer Schwadron formiren und besichtigte nun die Leute einzeln, sich dabei genau nach ihren Verhältnissen im bürgerlichen Leben erkundigend. Als er an David und seinen Freund kam, blieb er prüfend stehen und ließ sein Auge mit Wohlgefallen auf denselben ruhen. Wie er dann auf Befragen hörte, daß sie das Gymnasium besucht, wandte er sich an den Rittmeister, der Schwadron mit den Worten: „Diese beiden Leute werden sich bei dem Regimentsstabe melden. Wir brauchen geweckte, Helle Köpfe als Ordonnanzen. Lassen Sie dieselben gleich absatteln. Die anderen Mannschaften rücken sofort in die Vorpostenlinie zur Ablösung."