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Der Israelit · 1903-12-17 · Heft 100 (17.12.1903) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 100 (17.12.1903)
Date
1903-12-17
Page
– (sequence 26)
Language
German
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immer wieder mit, und schon drohten den Knaben seine Kräfte zu verlassen, da erhaschte er einen aus dem Wasser etwas emporragenden Baumstumpf. Völlig erschöpft klammerte er sich an denselben an, dabei Chaja soweit emporhebend, daß ihr Kopf aus dem Wasser ragte. Das arme Kind hatte bereits das Bewußtsein verloren und hing wie leblos an David's Arm. Eine Befreiung aus dieser gefährlichen Lage war nur durch fremde Hilfe möglich, und so ries David . gellend um Beistand. Der Vater David's sowie die Nachbarn eilten bestürzt herbei und befreiten mittelst Stangen unseren jugendlichen Helden nebst der kleinen Chaja aus ihrer lebensgefährlichen Lage. Das unfreiwillige Bad hatte den Beiden wenig geschadet. David wechselte die Kleider und war dann wieder frisch und munter, während Chaja, die wahrscheinlich aus. Schrecken nur. bewußtlos geworden war, schon am nächsten Tage wieder mit ihrem Lebensretter im Garten herumtummelte. In dem Seelenleben Chaja's aber war dieser Vorfall doch nicht so spurlos vorübergegangen, als es äußerlich der Fall zu sein schien. Hatte das achtjährige Mädchen schon vorher mit voller Zuneigung an ihrem Spielgefährten gehangen, so hatte dieses Gefühl sich, nunmehr in schwärmerische Verehrung verwandelt, und es verging fast kein Tag, an dem die Beiden nicht, wenn auch nur kurze Zeit, beisammen waren. So waren wieder zwei Jahre dahingerauscht in die Ewigkeit und heute war die Barmizwah David's. Er war in der Synagoge zur Thora gerufen worden und hatte zu Hause, im Kreise der Bekannten und Freunde seines Vaters, eine glänzende Draschah gehalten. Sein Vater vermochte sich kaum zu fassen vor Freude und väterlichem Stolz. Auch Chaja war mit ihren Eltern zu dem Feste eingeladen. Aber in die Freude dieses Ehrentages ihres Jugendgefährten mischte sich bei ihr ein bitterer Wcrmuthstropfen, und zwar war es die Aussicht auf Trennung von ihrem Freunde, die sie betrübte. David hatte nämlich die in dem Städtchen befindlichen Schulen absolvirt und sollte nunmehr zu seiner Weiterbildung das Gymnasium in Bresst-Litewsk beziehen, und wie eine dunkle Ahnung von kommenden trüben Ereignissen durchzog es Chaja's jugendliches Herz, ohne daß sie sich darüber Rechenschaft geben konnte. ' Nach der Barmizwah David's blieb dieser noch einige Monate im väterlichen Haus, um dann Ende Dezember, kurz nach dem Chanukahfeste, nach Brest- Litewsk überzusiedeln. Es war am ersten Tage des Lichtfestes. Chaja war mit ihren Eltern zum Besuche bei David's Vater eingeladen. -Innig und fromm sangen sie das „Moaus Zur" nach Anzünden des Lichts. Sie wußten, daß es wahrscheinlich auf lange Jahre das letzte Mal war, daß sie vereint das schöne Fest der Tempekweihe begingen. — So kam schließlich der Tag des Abschieds. Kalmanowitsch gab seinem Sohne noch viele gute und fromme Lehren mit auf den Weg. „Sei immer eingedenk mein Sohn, daß Du eher Alles hin sollst geben, Reichthum und Wohlleben, als daß Du abweichest von dem, was unsere Väter für Recht erkannten." Er gab seinem Sohne den väterlichen Segen und wandte sich schluchzend hinweg. Chaja' reichte ihrem Lebensretter und Jugendgespielen die Hand, blickte ihm lange in's Auge und sprach dann nur die wenigen Worte: „Bleib' gut und fromm, David, und auf glückliches Wiedersehen." . Dann wandte sie sich^ hastig ab und eilte in's Haus. David bestieg den bereit gehaltenen Schlitten, die Pferde zogen an und fort ging's in sausendem Galopp zum Städtchen hinaus. Aber an der Straßenkreuzung winkte David noch einmal mit dem Taschentuch ein Lebewohl zurück, und konnte bemerken, daß sein Abschiedsgruß aus einem Fenster des ersten Stockes des Elternhauses Chaja's erwidert wurde. Vier Jahre war David bereits in Brest-Litewsk, ahne daß sich in seinem Leben etwas Außergewöhnliches zugetragen hätte. Sein Vater war ab und zu in die Stadt gekommen, um sich von dem Wohlbefinden seines Sohnes zu überzeugen. David selbst kam aber während dieser Zeit kein einziges Mal in sein Heimathsstädtchen, denn während der Schulferien mußte er bei einem Rabbi Talmud studiren. Er hatte also Chaja seit seinem Abschied ans Kobryn nicht mehr gesehen und ihr Bild verblaßte nach und nach in seinem Gedächtniß. Erhielt er Briefe von zu Hause, dann schrieb sein Vater gewöhnlich: „Chaja geht es gut. sie läßt Dich grüßen! ' Weiter nichts. Eines Tages aber kam ein Schreiben, in dem sein Vater ihm mittheilte, die Mutter Chaja's sei plötzlich - gestorben, ebenso die kleine Schwester. Eine böse Epidemie herrsche im Städtchen. Chaja sei auf längere! Zeit zu einer Verwandten nach Warschau abgereist. > Sie ließe ihm, David, zum Abschiede Lebewohl sagen, j Das war das Letzte, was er von Chaja hörte. Brest-Litowsk ist weniger bekannt durch die An- I zahl seiner Bewohner oder durch die Schönheit seiner j Lage, als durch die große Garnison. Als strategischer I Punkt ersten Grades spielt diese Stadt eine wichtige | Rolle. Aber die große Anzahl von Militär tragt die s Schuld, daß die Bewohner allen möglichen Verlockungen > ausgeseht sind.

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