Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1903)
- Date
- 1903-12-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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2228 uns nicht finden konnten, begaben sie sich in den Keller, in den Stall, und wir hörten in unserm Verstecke, daß sie beschlossen, uns umzubringen. Zuletzt wollten sie auch auf dem Dachboden suchen, als man Säbelgerassel vernahm und die Mörder sich zurückzogen. Ich erfuhr dann später, daß mein Nachbar Kazanowsky, als er merkte, daß unser Leben bedroht sei, den Pristaw bewog, fünf bewaffnete Soldaten zu unserer Rettung zu senden. Diesem Umstande verdanke ich mein und meiner Familie Leben. Der Revieraufseher Jurtschenko bezeichnete gleichfalls die Angeklagten Kassapow und Orliansky als Theilnehmer an den Plünderungen. Kischin ew,9. Dezember. Heute konnte man am Eingänge in das Gerichtsgebäude Offiziere und hohe Beamte den wiederkehrenden Schmakow freudigst begrüßen sehen; General Glebow schüttelte ihm begeistert die Hand, auch mehrere Richter hießen ihn herzlichst willkommen. Dagegen herrscht nicht nur in den Kreisen der Beschädigten, sondern in der gesammten Judenschaft in Folge der gestrigen Wendung eine äußerst gedruckte Stimmung. Die Optimisten, die geglaubt hatten, daß nun die bisher durch hohe Protektoren geschützten eigentlichen Schuldigen in Folge der im Laufe der Verhandlungen zu Tage getretenen Thatsachen mit zur Verantwortung gezogen oder zumindestdoch als Zeugen vorgeladen werden wurden,, sehen sich heute endgiltig enttäuscht. Auch die Advokaten Karabtschewski und Kalmanowitsch haben vor ihrem gestrigen Zurücktreten erklärt, daß das ganze Verfahren als eine Farce erscheine und die Exzesse voraussichtlich sich hier und in anderen Städten in Anbetracht der offenkundigen Konnivenz gegenüber den pflichtvergessenen Beamten und Polizeifunktionären wiederholen werden. Heute wurde der noch auf Veranlassung der zurückgetreienen Advokaten vorgeladene Zeuge Leonide R u s s o vernommen. Er bestätigte, daß man in den Kreisen der Arbeiter, sowie des Dienerpersonals vor Ostern vielfach davon sprach, daß man über die Juden herfallen werde; auf die Frage Schmakows nach dem gegenseitigen Verhältniß zwischen Juden und Christen in Bessarabien erklärt der Zeuge aus eigener Wahrnehmung, ~ daß in den Dörfern von einem Haß . gegen die jüdische Bevölkerung vor den Exzessen nicht das Geringste zu bemerken gewesen sei. — Schmakow: Da Sie die bäuerlichen Verhältnisse so genau kennen, so werden Sie darüber wohl aussagen können. , welche schwere Schädigung die jüdischen Pächter, welche große Besitzungen von Adeligen billig übernehmen und an Landleute unter drückenden Bedingungen weiter verpachten, den armen Bauern zufugen? — Russo: Ich habe nie gehört, daß Bauern in Folge der mit Juden eingeangenen Pachtverträge zu Grunde gegangen wären, wahrend ich andererseits christliche Grundbesitzer kenne, die den Bauern in viel schlimmerer Weise die Haut über die Ohren ziehen, als es irgend ein jüdischer Ausbeuter thun würde! Alexander Schmidt, Sohn des ehemaligen Bürgermeisters K. A. Schmidt, ein junger Mann, der soeben die juristischen Universitätsstudien absolvirt hat, sagt als Zeuge aus, daß er einige Tage vor dem Osterfeste die Dienerschaft im Hause seines Vaters viel davon sprechen horte, daß Krawalle gegen die Juden bevorstehen, wobei die „Ritualmord"geschichte von Dubossary als Grund bezeichnt wurde; der Zeuge gab sich redlich Mühe, die Leute über den. BVdsinn dieses Märchens auszuklären. Man zeigte ihm jedoch, daß diese Meldung im .Bessarabetz" veröffentlicht sei. der unter Zensur erscheine und demnach glaubwürdig sein muffe; als er trotzdem die Leute so weit über die Verlogenheit der Beschuldigungen belehrte, daß sie ihm nichts zu entgegnen vermochten, sagten sie, morgen würden sie ihm noch mehr erzählen. Am folgenden Tage erbrachten sie eine Menge neuer Argumente, weßhalb die Juden zu verfolgen seien; es habe also offenbar eine planmäßige Anleitung und Jnstruirung der unteren Schichten stattgesunden. Der Zeuge kann gleichfalls auf Grund eigener Beobachtungen bestätigen, daß die Polizei theils gleichgültig den Unruhen gegenüberstand, theils sie sogar eifrig förderte; ausnahmsweise kam es vor, daß ein Offizier sich eines bedrängten und überfallenen Juden annahm und den einen oder anderen Excedenten verhaften ließ. In solchen Fällen ereignete es sich auch, daß ein eben seines Weges daherkommender Polizeipristaw den Verhafteten wieder freiließ. Der Laternenputzer Kapusta hat Schmidt einen Aufruf vorgezeigt, den er am Laternenpfahl affichirt fand und zur Betheiligung an den Exceffen aufforderte. Ephraim Goldschmidt, dessen Haus an der Ecke der Nikolajewskaja- und Kierowskajagaffe steht, schildert die gänzliche Demolirung seiner Wohnung und zeigt auf den Angeklagten Iwan Orliansky als den Hauptanführer der Banden. Orliansky hat ein Klavier vom oberen Stockwerk durch das Fenster auf die Straße geworfen, wo das. kostbare Instrument aus dem Pflaster in kleine Stücke zerschellte. Von diesem Helden hat bereits gestern einer der Zeugen deponirt, derselbe hatte sich schon einige Tage vor Ostern gerühmt, er würde die ganze Einrichtung zertrümmern und das Klavier auf die Straße werfen; bei dieser Aeußerung wären auch andere Zeugen zugegen gewesen, darunter Mayer Roschke und der Polizist Klimenko. Abraham Lieberstein. Besitzer eines Weinschanklokales. sagt von demselben Excedenten, daß er vor Ostern sein Lokal oft besuchte und Proklamationen des bekannten Inhaltes vorwies; Lirberstein lachte