Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1903)
- Date
- 1903-12-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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darüber, da es ihm unglaublich schien, daß in einer Gouvernemenishauptstadt mit mehr als 100,000 Einwohnern und starker, ständiger Garnison, wie es Kischinew ist, Unruhen entstehen könnten. Besonders anerkennenswerth und zugleich erschütternd gestaltete stch die Aussage des Hirsch Mendel Rudi, eines alten, hochachtbaren und angesehenen Mannes, der vor einigen Monaten noch zu den wohlhabenden Bürgern gehörte, seit 20. April jedoch gänzlich ruinirt ist. Er hatte in seiner Wohnung in zwei eisernen Kassen sein ganzes Vermögen, Bargeld und Werthobjekte für zirka 30,000 Rubel, aufbewahrt; als er am erwähnten Unglückstage früh morgens die Räuberhorden herannahen sah, lief er zum Gouverneur von Raaben. Dort fand er bereits im Vorzimmer Dr. Mutschnik und Rechtsanwalt Königschatz, die ebenfalls um Intervention vorsprechen wollten. Man ließ sie alle drei lange warten, indem ihnen bedeutet wurde, der „Herr Gouverneur pflegen erst um 10 Uhr aufzustehen" (trotzdem schon Tags vorher Plünderungen stattgefunden und die erwartete Fortsetzung derselben seit 6 Uhr morgens begonnen hatte). Um 10 Uhr erschien ein Vertreter des Gouverneurs und sagte uns, wir sollten uns beruhigen, es würde schon Militär ausgeschickt werden. Ich kehrte nun voll Hoffnung heim. Unterwegs aber schon bemerkte ich, wie Militärdetachements den Exzedenten Schutz boten und keineswegs die Plünderung verhinderten. Bei meiner Behausung angelangt, sah ich eine Rotte damit beschäftigt, alle Möbel zu zertrümmern und sich int Schweiße ihres Angesichts mit Instrumenten abmühen, die eisernen Kassen zu erbrechen. Volle dreizehn Stunden „arbeiteten" sie daran, von 9 Uhr früh bis abends 10 Uhr, von keiner Seite gestört, obwohl gegenüber meiner Wohnung sich das Kommissariat des fünften Polizeireviers befindet und der Pristaw Brzesowski, umgeben von Wachleuten, vor dem Thore seines Bureaus stand und auch andere Pplizeiabtheilungen im Laufe des Tages vorMzo^e/n Als den Leuten endlich gelungen war, di< Kassen zu sprengen, bemächtigten sie sich des gesammten Inhalts, außerdem vernichteten sie alles, was in der Wohnung sich noch vorfand, Kleider, Wäsche etc.; mein Weinen und Flehen konnte Brzesowski nicht dazu bewegen, einzuschreiten, er behauptete vielmehr immer von neuem, er hätte keine Ermächtigung hierzu. So wurden ich und die Weinigen, klagt Rudi unter Thränen, am helllichten Tage unter den Augen der Behörden, ich muß sagen, mit deren Genehmigung, gänzlich zu Grunde gerichtet. Ich kann die Räuber nicht einmal als die Schuldigen bezeichnen, da die Polizei allein meinen von ihr gutgeheißenen Ruin und die frechen Plünderungen, die sie, ohne einzuschreiten, duldete, auf dem Gewissen hat. Sonderbar ist Folgendes: „Bor einem Jahre wurde an meinem Hausthor durch einen versuchten Einbruch ein Schloß verletzt; dieser geringfügige Vorfall setzte damals die ganze Polizei in fieberhafte Bewegung; es kam gleich am nächsten Tage eine Kommission, bestehend aus Pristaws, Untersuchungsrichtern und anderen behördlichen Personen, die angelegentlichst nach den Thätern fahndeten. Am 20. April konnte von früh morgens bis in die späte Nacht eine Räuberbande an gewaltsamem Aufstemmen meiner Kassen und Verwüsten meines Heims arbeiten, ohne daß, trotz meines Flehens und Bittens, sich auch nur ein einziger Wachmann fand, der mir Beistand geleistet hätte. S ch m a k o w versucht durch allerlei Fragen an den Zeugen herauszubringen, ob er nicht durch Ausbeutung und Benachtheiligung von Bauern deren Haß auf sich geladen habe. Es erweist sich jedoch, daß Rudi — der als Kaufmann allgemeines Vertrauen genoß — in dem Maße in allen Kreisen Vessarabiens und sogar des benachbarten Rumäniens geschätzt war, daß sogar die rumänische Negierung sich seiner zur Vermittlung von Pferdelieferungen bediente. ZelturrgsttachrichLerr und Corresporrdenzerr. Deutschland. Berlin. Es ist bekannt, daß die antisemitische Presse in Deutschland die traurigen . Excesse in Kischinew und Homel mit dem „jüdischen Wucher" entschul- - digt, wenn nicht gar gerechtfertigt hat. Da ist es nun interessant, von kompetenter Seite zu erfahren, was es mit dem jüdischen Wucher in Rußland für eine Bewandtniß hat, ob es nur jüdische Wucherer gibt oder ob die jüdischen Wucherer die schlimmsten sind. . Nach einer kürzlich erschienenen statistischen Veröffentlichung des Provinzialausschusses von Poltawa beträgt im Gouvernement Poltawa der durchschnittliche 'Jahreszins 16,3 Prozent; er ist im Moskauer Gouvernement mehr als doppelt so hoch, nämlich 85V-» pCt. und im Gouvernement Qrlow viermal so hoch. 60 PCt. Nun gehört das Gouvernement Poltawa mit dem relativ niedrigsten, wenn auch nach unseren Begriffen immer noch recht hohen Zinsfüße zum jüdischen Ansiedelungsgebiet, die anderen zwei aber liegen außerhalb desselben. Im Gouvernement Poltawa ist der Handelsverkehr durch die zahlreiche jüdische Einwohnerschaft stark entwickelt worden, während er in den Gouvernements Moskau und Orel, wo die Juden nicht wohnen dürfen, außerhalb der Hauptstädte noch äußerst schwach ist. Ein entwickelter Handel ist eben ein vorzügliches Mittel gegen den Wucher. Andererseits aber schreibt ein russischer Gewährsmann der „National-Zeitung" über die nach Rußland berufenen deutschen Kolonisten, deren Gesammtzahl etwa 600,000 beträgt. Folgendes: