Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1903)
- Date
- 1903-12-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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44. Jahrgang.; Der Prozeß gegen die KWnewtt Erredenten. Romanenko: Aber. Herr Ossowsky, Ihr Amtsbezirk reicht ja bis an's Ende der Vorstadt Bendcrski, in welcher der Bauernmarkt stattzufinden pflegt, da müssen Sie doch wissen, daß die Juden an jedem Marktage sich dort schaarenweise ansammeln, die Bauern abfangen und ihnen die aus der Umgebung zur Stadt gebrachten Produkte billig abkaufen? — Ossowsky (erstaunt): Ja, das weiß ich! (Der Zeuge begreift es augenscheinlich nicht, wie dies vom Vertheidiger mit den Excessen in Zusammenhang gebracht wird.) Auf die Frage eines Vertreters der Beschädigten gibt Ossowsky zu, von den Excedenten gehört zu Haben, daß man an den Juden Rache nehmen müsse, da sie angeblich eine Kirche verunreinigt und den Priester erschlagen hätten. Advokat Großmann: Was thaten Sie, als Sie dieses Märchen während der Unruhen kolportiren hörten? — Ossowsky: Ich ging mich telephonisch erkundigen, ob es wahr sei! — Großmann: Und wenn es selbst wahr gewesen wäre, konnte das ein Grund für Sie sein, inzwischen morden, plündern und rauben zu lassen? — Der Pristaw steht sichtlich betroffen und in großer Verlegenheit da und — schweigt... Zu allgemeiner Heiterkeit führte noch zuletzt die Frage Romanenkos an den Zeugen, ob er in seinem Revier manche Juden aus dem Mittelstände näher kenne. — Zeuge: Ja, gewiß! — Romanenko : Welche zum Beispiel? — Zeuge: Perlmutter, Kohn und andere! — Romanenko: Weißt du, daß diese Sozialdemokraten sind? (Stürmische Heiterkeit.) — Der Zeuge steht abermals verblüfft da, weil ihm. sowie allen mit den lokalen Verhältnissen Vertrauten wohl bekannt ist, daß die Genannten einfach orthodoxe Juden von echt bürgerlicher Gesinnung sind, denen jede politische Bethätigung ferne liegt. Es wurde nun der Direktor der Klosterdomäne, G u r j e w, vernommen, der bezüglich der.Polizei aussagte, sie brachte nicht nur keine wie immer geartete Hilfe, sondern förderte die Exzesse; der Zeuge erklärt, er wisse selbst von Fällen, wo sie einzelne Exzedenten gegen die Juden aufreizte. Hieran knüpft Schamonin den bereits erwähnten Antrag, den ehemaligen Gouverneur und andere höherstehende Persönlichkeiten vorzuladen, die, wie nunmehr in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise festgestellt ist, zur Duldung der Exzesse in gewisser Beziehung standen und daher über den Gegenstand Aufklärung geben können. Fräulein Prokubez, Tochter eines Opernsängers am hiesigen Theater, deponirt, daß am Ostersonntag zunächst die Fensterscheiben des Hauses Balanowskajagasse, in welcher die Familie logirt, zertrümmert wurden. Es kam ihnen dies nicht gerade unerwartet, da sie bereits mehrere Tage vor dem Osterfeste von vielen Seiten auf die bevorstehenden Exzesse aufmerksam gemacht worden waren. Am Montag Morgen 6 Uhr ging der Vater, als das Johlen des Pöbels zu ihnen drang, auf die Straße und blieb beim Hausthore stehen. Es kam bei ihm der Revieraufseher Jurtschenko vorbei und sagte ihm: „Geh' in Dein Haus, verstecke dich in Deiner Behausung, bis die Ausschreitungen vorüber sind!" P r o k u p e z entg-gnete hierauf: „Wie man hört, wurden die Juden, die sich in Wohnungen einschlossen, von den Excedenten in ihren eigenen Gemächern in bestialischer Weise ermordet, ich ziehe es daher vor, lieber auf offener Straße den Tod zu finden!" Jurtschenko drohte, den Sänger wegen Ungehorsams gegen eine polizeiliche Anordnung zü verhaften, ivenn er sich nicht von der Straße zurückziehe. Fräulein Prokupez fuhr dann fort: Wir bewogen. nun den Vater, in's Theater zu der dort stattfindenden Probe zu gehen. Meine Schwestern und ich versteckten uns in einem Hinterhofe. Gegen Mittag drangen die Räuber ein und wir hörten, wie sie alles zertrümmerten und zerschlugen; unter anderem vernahm ich auch, daß sich einer an unser Klavier setzte und eine Zeitlang sehr gut musizirte, woraus der Schluß gezogen werden kann, daß sich unter den Banden Leute ans den besseren Ständen befanden. Als wir merkten, daß sie in den Hof kamen, um uns zu suchen, flüchteten wir in ein Nachbarhaus zu einem jungen Ehepaar, um dort Schuh zu suchen; wir versteckten uns dort, wurden jedoch von den Exzedenten gefunden, die von uns Geld verlangten. _ Wir gaben ihnen einige Rubel, die wir bei uns hatten. Da sie über die Vertheilung untereinander in Streit geriethen, gelang es uns, die Flucht zu ergreifen. Fräulein Prokupez spricht mit vibrirender Stimme, häufig von heftigem Schluchzen unterbrochen. Als einen der Anführer erkennt sie den Iwan Kassapow, der unter den Angeklagten sich befindet und welcher auf Verwendung Pronins gegen Kaution auf freiem Fuße belassen ist. Zeuge Schuster. Besitzer eines Hauses in der Balanowskajagaffe. hatte seine Wohnung fest verschlossen und sich mit der Familie auf den Dachboden begeben. Er sagt aus: Es kamen drei Räuber, unter ihnen erkannten wir an der Stimme zwei bekannte junge Leute, Kassapow und Poljakow. Sie erbrachen das Thor, suchten uns in den Gemächern, und da sie