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Der Israelit · 1903-12-17 · Heft 100 (17.12.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 100 (17.12.1903)
Date
1903-12-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrg-Ng. eilage ja ji 100 des « Z« D. Mkckrhr Söii Hniltk's ÄilckG S. A. m M. Am morgigen Tage werden 100 Jahre verflossen sein, seit die Augen eines Mannes sich für immer schloffen, der, zu den Größten seiner Zeit gehörend, sich Unsterblichkeit errungen hat. des Dichters Johann Gott fr. Herder. Licht, Liebe, Leben, die Worte, die seinen Wahlspruch bildeten und auch sein Grabmal zieren, bringen ihn schon unserem Herzen nahe, und die Forderung der Humanität, der Heranbildung und Läuterung zum vergöttlichten Menschen, die er zum Lebens- und Vildungsideal erhob und die den durchgehenden Grundgedanken in der Vielheit und Mannigfaltigkeit seiner Schriften bildete, gibt noch Jahrhunderten Stoff zum Streben und Ringen. Und welche Zeit wäre wohl mehr geeignet, nach wahrer Menschenliebe und Menschlichkeit zu streben, als unser aufgeklärtes Jahrhundert, welche aber hätte es auch hinwiederum so nötbig, als gerade unsere Zeit mit ihrem Rassen- und Klassenhaß, ihrem Antisemitismus und ihrer Religionsschnüffelei und anderen Auswüchsen? Wie erbaut fühlt man sich da, lieft man in Herders Briefen zur Beförderung der Humanität:*) „Don Kindheit auf ist mir nichts abscheulicher gewesen, als Verfolgungen oder persönliche Beschimpfungen eines Menschen über seine Religion. Wen gehet diese als ihn selbst und Gott an? Ja. wer weiß nicht, was an dem Worte Religion, sobald es innere Ueberzeugung und Gefühl betrifft, für tiefe Skrupel und Schwierigkeiten haften? Dem iss dies, einem andern das auf's inniasse ansioßio, zu diesem Ausdruck kann er sich nicht gewöhnen, von iener früh erfaßten Vorstellungsart auf keine Weise sondern. An ibr hangen seine moralischen Begriffe, an ihr vielleicht seine vornehmste Triebfeder, ja sein Ideal der Moralität selbst." Doppelt gewinnen solche Worte an Werth und Bedeutung, wenn wir bedenken, daß Herder doch ein protestantischer Kkisslicher. ein .christlicher Priester gewesen, und eine der höchsten Stellen im Kirchenregimente bekleidete. Es seien hier noch einige charakteristische *) Zitierte Stelle befindet sich in einem Bneie über „Uriol Acolta". -Jffir den Kenner bedarf eS keiner Erörteruna hierüber. .Eine ooMä'ndiqc Aufklärung für den. der das Werk und dessen richtiqe Beleuchtung nickt kennt, ginge über den Rabmen dieser Äickeit weit ülnauS. Was übrigens Herder sagen wollte, zeigt deutlich -eine Stelle im gleichen Briefe, worin der Dichter sagt: „Bor ondern. dünkt mich, und in Briefen Gesinnungen der-Humanität wirksam veibreitet worden, selbst wo sie das strenge Rechts». Staats- und Äicckensqtteui noch nicht anfnehmen durste. Zn Briefen an ikreunde schüttet mancher sein Herz aus. wie er es in Schriften z» thun nicht wagte . . ." Stellen aus seiner Antrittsrede als Oberhofprediger in Bückeburg angeführt: „Im Tempel Gottes freilich, da treten Herr und Knecht. König und Sklave mit abgeworfener Krone undabgeworfenen Ketten, als Brüder vor einen Gott und fühlen, oder, sollten fühlen, daß sie eines Geschlechts sind, Kinder eines Gottes, Bürger eines Reiches, allesammt Mittel in einer Hand der Vorsehung." Wenn nun auch in derselben Rede zwischen Judenthum und Christenthum eine Parallele gezogen und letzterem die Palme zuerkannt wird, so ist das vom Standpunkt und Berufe Herders als christlicher Theologe leicht erklärlich und entspringt auch zum Theil der irrigen Ansicht, die in dem jüdischen Gottesbegriff nur „den Donnerer am Sinai, ein Götzenbild vom Nationalherrn, dem sie ohne Geist oder Vernunft, aus sklavischer Furcht oder blindem Herkommen dienten", sehen zu dürfen glaubt. Voll und ganz stimmen wir dem Redner bei, wenn er von „Gott" sagt. „Er liebe die Menschen und fordere nur,.daß sie sind, was sie sein sollten. Ebenbilder der Gottheit. Brüder, glückselige Geschöpfe," und bemerken nur, daß gerade im jüd. Glaubensprinzip diese Auffassung des göttlichen Wesens fest und tief begründet und anerkannt ist. Jedenfalls wäre zu wünschen, daß recht, reckit viele der heutigen Amtsbrüder des verlebten Dichters zu solch' umfassender Menschenliebe in Wort und That aneifern möchten. Und wenn man auch vielleicht nicht ohne Grund behauptet, daß die Briefe zur.Beförderung der Humanität schon die Farbe seines durch allerlei Widerwärtigkeiten getrübten oder besser verdüsterten Geistes tragen, so tritt in seinem Hauptwerke „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit," in breiter Ausführung und dennoch energischer Zusammenfassung uns alles das entaegen, was er über Natur und Menschenleben, über die Bedeutung der Erde und die Aufgabe der sie bewohnenden Menschen, dessen „einziger Daseinszweck auf Bildung der Humanität, gerichtet ist, der alle, niedrigen Bedürfnisse der Erde nur dienen und zu ihr selbst führen sollen." alles dos, was er über Sprachen und Sitten, über Religion und Poesie, über Künste und Wissenschaften, über Völkerbildungen und geschichtliche Ereignisse gedacht, öder auch, um mit seinen Gegnern zu reden, „geträumt" hat.' Leider ist die „Humanität" auch beute ja immer nur noch ein schöner „Traum", aus dem uns heute ein „Rumänien" und morgen ein „Kischinew" unsanft wecken. Es ist wohl selbstverständlich, daß ein Mann wie Herder auch zu hervorragenden jüdischen Geistern in nähere Beziehungen trat, hervorgehoben sei besonders!

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