Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1903)
- Date
- 1903-12-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ft c tt i l l C i 0 tt. WUqhrheit und Wichtung. Von Rott. ,5 Sü süß am Tisch, beide Arme auf denselben gestemmt, barg sie das Lhranenüberfluthete Angesicht in den Händen, während dustere, schaurige Gedanken in ihrem Hirne einander drängten. Wie lange sie so gesessen, das wußte sie selbst nicht. Die Thüre ward ausgerWn, ihr Mann trat herein in freudig erregter Stimmung. „Gib mir zu essen her^Resi, mir wird bald schlecht vor Hunger." Sie erhob sich und begann den Tisch zu decken. „Eil' Dich, eil' Dicht Ich mutz wieder hinunter. Du bist übrigens «ine schlechte Prophetin, da Du glaubst, das Geschäft am Sabbat wird mir kein Glück bringen.' Ich sage Dir. iu vier Wochen habe ich nicht so viel gelöst, wie heute. Da sieht man den ganzen Aberglauben." Sie erwiderte nichts, denn jetzt wußte sie bestimmt, es war alles vergebens. Seufzend stellte sie die Speisen auf den Tisch und legte ihm vor, ohne sich wie sonst ihm gegenüber zu sehen. Er atz hastig, sprach dabei aber fortwährend. „Hab' ich mich heute abgcrackert, weil Du nicht herunterkommen wolltest. Allein kann das Einer nicht bestreiten, das rst unmöglich." „Das wirst Du nicht erleben, daß ich Dir am Sabbat im Geschäft helfen werde." „Dann werde rch's halt nicht erleben, auch gut; bleib Du droben auf der faukn Haut liegen, und ich werde mir von der nächsttn Woche an für den Sabbat einen Marlthelfer nehmen. Ich kann's Gottlob. Heute war's ja, als ob die Leute anderwärts nichts kaufen könnten, als bei mir. Aber das Schönste war doch zuletzt. Kommt da ein angetrunkener Bauer und will was kaufen. Ich sage ihm, der Gegenstand kostet vierundzwanzig Gulden. Es war, weiß Gott, nicht zu theuer. Aber er will justament nicht mehr ausgeben als zwanzig Gulden. Und er handelte, daß ich gemeint habe, die Seele mutzt mir ausgehen, und ich sage zu ihm: „wegen meiner nehmt's um zwanzig." Und denke Dir nur. der dumme Kerl zieht seine Brieftasche heraus und legt mir fünfundzwanzig Gulden auf den Tisch." ^Die hall Du doch nicht genommen?" fuhr sie auf. ^Freilich Hab' ich sie genommen," versetzte er lachend, „und habe Gott gedankt für das Massel — ich werde doch kein Narr sein, wie Du. daß ich das Geld, was man mir gibt, den Leuten wieder zurückgebe —" Wie vernichtet sank sie auf einen Sessel, doch kein Wort entrang sich ihren Lippen, es war ja doch alles vergebens. Müller hatte seine Mahlzeit rasch beendet, flüsternd sprach er das Tischgebet, dann eilte er wieder hinunter in das Geschäftslokal. Er hatte die Thüre nicht fest geschlossen, wieder drang das Geräusch von unten herauf. Das Geschäft mußte in der That heute ganz besonders lebhaft sein. ' Und oben in ihrem Zimmer saß die arme Frau und wand sich in namenlosen Qualen. Gleich mußten die Kinder kommen, was sollte sie ihnen sagen? Da hörte sie schon die leichten Schritte auf der Stiege, dann ward die Thüre aufgerissen, Selma sprang in's Zimmer, eilte wie gewöhnlich auf die Mutter zu. sie zu umarmen. Die beiden Knaben folgten, bleich und schüchtern, sie hatten das offene Geschäftslokal gesehen, hatten gesehen, wie der Vater verkaufte trotz des Sabbats. — Nun wußten sie alles, nun war ihnen alles klar, was sie am Abend vorher und am Morgen nicht hatten begreifen können. „Wo ist der Vater?" fragte Selma, um sich blickend. Frau Müller wollte antworten, Thronen erstickten ihre Worte. Ihre jugendlichen Söhne eilten zu ihr und umschlangen sie, sie kannten die Ursachen ihrer Thronen. Selma blickte betroffen bald auf die Mutter, bald auf ihre Brüder. „Warum weint die Mutter?" fragte sie, „und wo ist der Vater?" „Frage jetzt nicht weiter," flüsterte Max, „ich werde Dir später alles sagen." Frau Müller rang mit Macht nach Fassung. „Kommt Kinder," sagte sie endlich aufstehend, „waschet Euch, wir wollen essen." „Wird denn der Vater nicht essen?" fragte Selma. „Der Vater hat gegessen." Man ging .zu Tische. Die Mutter zwang sich. Einiges zu genießen und auch mit den Kindern einige freundliche Worte zu wechseln. Es war dennoch ein überaus tristes Sabbatmahl. Plötzlich vernahm man einen lauten schweren Krach und gleichzeitig Lärmen und Durcheinanderschreien. „Das ist unten, im Geschäft," stammelte Frau Müller mit geisterbleichein Angesicht, „ein Unglück ist geschehen —" Die beiden Knaben sprangen auf und eilten hinunter, die Mutter schien ihnen folgen zu wollen, aber ein heftiges Zittern hatte sie erfaßt, wie im Fieberfrost schlugen ihre Zähne aneinander. Und da kam auch schon ihr ältester Knabe zurück. Aber wie sah er I aus! —