Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 99 (14.12.1903)
- Date
- 1903-12-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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„Der hohe Gerichtshof hat, wie wir eben vernommen, seine festen Grundsätze; auch wir haben unsere Grundsätze. . Wir sind von der festen Ueberzeugung durchdrungen, daß auf der Anklagebank Leute sitzen, die man nicht als die eigentlichen Schuldigen betrachten kann. Wenn wir sie, unserer Aufgabe gemäß, vertheidigen sollen, so wäre es nur dann möglich, indem wir das, was hinter den Coulissen geschehen ist, aufdecken, und wenn jene zur Verantwortung gezogen werden, die sich dieser armen Leute als Werkzeug bedienten. Die Ablehnung dieses für die Vertheidigung unerläßlichen Wunsches macht es uns unmöglich, fernerhin unseres Amtes zu walten." Hierauf verlangt der Advokat der Beschädigten, Grusenberg, im Namen seiner Kollegen, daß die Verhandlung behufs vorzunehmender Verathung der Vertheidiger auf kurze Zeit suspendirt werde; die bewilligte Unterbrechung währte bis zur vierten Nachmittagsstunde. Allgemeine Erregung herrschte, da man auf allen Seiten sich bewußt war, daß die Entscheidung unabsehbare Folgen nach sich ziehen könne. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung erklären die Advokaten unter Führung von Sarudny und Grusenberg, daß sie in Anbetracht des Umstandes, daß bereits im Verlaufe des Prozesses zahlreiche Personen aus den Jntelligenzkreisen und dem Beamtenthum sich als Inspiratoren und Teilnehmer der Excesse erwiesen haben, während der Gerichtshof sich konsequent weigert, dem bereits am ersten Verhandlungstage gestellten Anträge zufolge diese Personen in die Anklage einzubeziehen oder zumindest als Zeugen vorzuladen; in Anbetracht dessen, daß 'durch diese Weigerung die offenkundige Schuld gewisser Kreise verhüllt und der Justiz ihre eigentliche Aufgabe entzogen wird, erachten die Advokaten ein weiteres Mitwirken als zwecklos; sie haben daher ebenfalls den Beschluß gefaßt, ihre Funktionen als Anwälte bei diesem Prozesse niederzulegen, in welchem sie seit ungefähr drei Wochen vergeblich darum kämpfen, daß die Wahrheit zum Siege geführt werde. Es würden nur vier Advokaten, darunter Grusenberg, Sokolow und Pergament, zur weiteren Vertretung der Beschädigten Zurückbleiben. - Hierauf verließen Karabtschewski, Kalmanowitsch, Kusch, Gillersohn, Sacker, Sarudny, Großmann, Portugais, Vomfe, Schamonin, Stanow, Metaksa. Perewersow, Ganuschkin und Sachorow korporativ den Verhandlungssaal. . Andererseits ist Schmakow aus Moskau wieder eingetroffen. . und die Antisemitenpärtei ist in Heller .Jubelstimmung. Diese Vorgänge drängten das In-, . teresse an der gestern fortgesetzten Zeugenvernehmung in den .Hintergrund. .. ' Die Verhandlung begann mit der. Fortsetzung des Kreuzverhörs hes Pristäws O f f owsky, der, nachdem er Tags vorher durch die zahlreichen Fragen Karabtschewskis bedrängt wurde, sich plötzlich unwohl erklärte und um Aufschub ansuchte. Er befand sich nächst dem Hause Asiatskajagaffe 13, während in demselben die Mordthaten verübt wurden, konnte aber keine Hilfe bringen, da das zirka sechzig Schritt entfernt gewesene Militär ihm jedwede Unterstützung verweigerte; er wandte sich auch an den Polizeimeister Chankenkow, dieser aber erwiderte, er würde schon zu „geeigneter Zeit" einschreiten lassen. — Karabtschewski (zum Zeugen): Sie erzählten, daß Sie den Juden die Stöcke, die sie zu ihrer Vertheidigung bei sich hatten, abgenommen haben; weßhalb gaben Sie ihnen diese Stöcke nicht zurück, da Sie eingestandenermaßen nicht helfen konnten? —: Der Zeuge schweigt. Advokat Schamonin: Erinnert sich der Zeuge, einem Bedrängten, der sich an ihn um Hilfe wandte, zugerufen zu haben: „Mach', daß Du weiterkommst, Jude!"? — Ossowsky will sich nicht entsinnen und behauptet im Gegentheil, zahlreichen Verfolgten Schutz geboten zu haben. Vertheidiger Romanenko fragt den Zeugen nach den Ursachen der Excesse; Ossowsky steht verlegen da und weiß keine bestimmte Antwort zu ertheilen. — Romanenko: Sie kennen doch gewiß zahlreiche Vergehen, deren sich die Juden schuldig machen? — Der Zeuge entgegnet noch immer nichts. (Fortsetzung in der nächsten Nummer.) ' Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 8.. Dez. Die Wahlen für das Direktorium der akademischen Lesehallen der Berliner Universität ergaben, nach einem Kampf, an dem 1634 Wähler sich betheiligten, gegen das Vorjahr für die nationalen Studenten einen Gewinn von zwei Sitzen. Während die Nationalen acht Plätze errangen, gingen die jüdischen und katholischen Studenten sowie die freie wissenschaftliche Vereinigung mit je zwei aus der Wahl hervor. Berlin, 6. Dez. Die heutige Repräsentanten-Verw sammlung wurde statt des behinderten Herrn Löwenberg von Herrn Kommerzienrath Friedlander geleitet. .Herr S. Cassirrer hat dem Hospital zur Errichtung einer Vettstiftung 6000 Ml. zugewendet. In den Schul- und Talmud-Thora-Vorstand wurden die Herren Rabbiner Dr. W e i ß e und Lehrer Hanfs gewählt. Das israelitische Lehrerinnenheim in Lichterselbe wurde pro 1904/06 mit 300 Mk. subventionirt. Die Neligionsgemeinde Charlottenburg erhielt eine einmalige Beihilfe von 85 Mk., der Religionsverein Aha-