Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-12-14 · Heft 99 (14.12.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 99 (14.12.1903)
Date
1903-12-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449981--59649-2523908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

großen Verwunderung wurde aber nur gegen drei eine Strafverhandlung eingeleitet, die anderen wurden nur von dem Friedensrichter wegen Ruhestörung angezeigt, während doch alle in gleicher Weise geplündert hatten. Moses Schneider hat Montag morgens von seiner Wohnung in der Fontanigaffe aus vier gegenüber befindliche Häuser verwüsten gesehen, man pochte dann auch an seiner Thüre mit den Rufen: „Jude, mach' auf!" Als er merkte, daß man die Thür gewaltsam erbrechen wollte, öffnete er freiwillig und erhielt gleich danach einen Schlag mit einer Eisenstange. Man verlangte von ihm Geld; er gab einen Rubel, den er bei sich hatte, dann fand er noch vier Rubel, die er gleichfalls den Burschen übergab. Einer der Ercedenten fragte ihn: „Bist Du ein Christ," worauf er in seiner furchtbaren Todesangst mit einem lauten „Ja!" antwortete, was aber den Leuten unglaubwürdig schien, da sie ihm weitere Schläge mit dem Eisen versetzten. Er konnte sein Leben nur durch die Flucht retten. Die Leute vernichteten jedoch seine ganzen Habscligleiten. Da ein Polizeipristaw in der Nähe zu bemerken war, ließ einer der Excedenten sein Brecheiscn fallen; dieses wurde von einem gewissen Silbermann aufgehoben; ein russischer Geistlicher entriß dgs Eisen gewaltsam dem Silbermann und reichte es dem Excedenten. Der Pristaw hat die in Schneiders Wohnung verursachten Verwüstungen genau besichtigt, bei welcher Gelegenheit ihm auch mehrere der Plünderer bezeichnet wurden, darunter der Mörder Skraba, der dem Schneider mit dem Eisen mehrere Stöße versetzt hatte; der Pristaw veranlaßte jedoch nichts, und die Leute blieben unbehelligt. K i s ch i n e w 8. Dezember. Gestern war. da an den Sonntagen die Verhandlungen fortgesetzt werden, eines hohen kirchlichen Festtages wegen zum erstenmale seit dem Beginn des Prozesses ein Tag der Erholung für den greisen Präsidenten. die zahlreichen Richter und Geschworenen und die 30 Advokaten beider Parteien. Der Prozeß verwickelt sich immer mehr und sein Ende ist, selbst wenn es nur bei der Zahl der bisher vorgeladenen Zeugen bleiben sollte, nicht abzusehen. Obwohl bisher erst ein kleiner Vruchtheil der vielen Hunderte von Zeugen zur Vernehmung gelangen konnte, ist Präsident Dawidsohn derart ermüdet und abgespannt, daß er zu wiederholtenmalen die Anwälte ersucht, sich möglichst kurz zu fassen. Diese aber erklärten, daß sie die Kreuzverhöre unter keinen Umständen einschränken könnten, da es doch die Ausgabe der Justiz sei. die volle Wahrheit zu ermitteln. Die heutige Verhandlung begann mit der Vernehmung eines Zeugen Tino, welcher den Angeklagten Plomedjano der Gewaltthätigkeiten und der Theilnahme an der Plünderung bezichtigt; der Angeklagte stellt seine Theilnahme an den Plünderungen gar nicht in Abrede. Er gibt an, es seien an der Ecke der Kiewskaja- und Michajlowskajagasse mehrere Polizeiteute und Soldaten gewesen, die ihm und seinen Genossen keine Hindernisse bereiteten, nur ein Polizist habe nach einiger Zeit-den Excedenten angerathen, sie mögen von dort sortziehen, da der Polizeimeister Chansenkow in der Nähe logiere und es nicht angemessen sei, daß in dessen Nachbarschaft Unruhen vor sich gehen. Die gesammte Rotte begab sich hierauf in ein anderes Viertel. Der Zeuge Feuer mann deponirt, daß in der Vorstadt Rischkanowka ansässige Leute sämmtliche jüdischen Wohnungen demolirt haben; die meisten dieser Plünderer wurden nicht einmal vom Untersuchungsrichter vorgeladen. — Advokat Gruse nberg: Wie können Sie sich das erklären, daß ortsansässige, bekannte Leute sich nicht scheuten, am helllichten Tage als Räuber in Ihre Wohnung einzusallen. — Zeug e: Ich habe selbst Gelegenheit gehabt, nach diesen Begebenheiten mit einem aus den Banden zu sprechen und ihn zu fragen, wieso er und seine Kumpane es wagen konnten, sich öffentlich an Ruhestörungen und Eigenthumsbeschädigung. zu betheiligen, worauf er mir erwiderte, „das mußten wir ja thun, es war ein Befehl vom Kaiser herabgelangt, alle Juden erbarmungslos zu schlagen. Es seien nun verschiedene Versionen im Umlaufe gewesen, manche sagten, die Plünderungen seien für zwei Tage anbefohlen worden; andere hingegen behaupteten, es sei eine diesbezügliche Ordre für die Dauer einer ganzen Woche ergangen." Es haben ja auch die Sicherheitswache und das Militär durch ihr unthätiges Zusehen das verbreitete Gerücht von einem herabgelangten Plünderungserlaß bekräftigt. Chawa S e l d i n, Väckersgattin. gibt an, daß man ihrem Manne am Kopfe schwere Verwundungen beigebracht hat, so daß dessen Ul.bersührung in das Spital sich als nöthig erwies; der Pöbel schrie: „Man muß diesen Bäcker ermorden, da er ungesäuerte Brode mit Beimischung von Christenblut erzeugt!" Mein Mann wurde auch noch nach Beendigung der Ercesse verfolgt und erst vor wenigen Wochen von einem Burschen überfallen; er hat unter Rücksichtnahme auf die bestehende Lebensgefahr bereits vorgezogen.' nach' Amerika auszuwandern, um dort Arbeit zu suchen, und wird mich und meine Kinder Nachkommen lassen. Er hat aus diesem Grunde auch darauf verzichtet, vor Gericht über die ohnehin genügend bekannten Thatsachen als Zeuge aufzutreten. Wir sind hier fortwährend von Schrecken umgeben und schweben in steter Todesangst, lediglich deßhalb, weil wir Juden sind, und obwohl wir nicht sicher waren, daß mein Mann jenseits des Ozeans gleich eine Existenz finden werde, entschieden wir uns doch dafür, daß er unverzüglich auswandere, nach einem Lande, in dem auch das Leben der Unserigen unter dem Gesetze steht. :

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.