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Der Israelit · 1903-12-10 · Heft 98 (10.12.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 98 (10.12.1903)
Date
1903-12-10
Page
– (sequence 20)
Language
German
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und rings umher umarmten ihn alle, Bekannte und Unbekannte. Jakob stand dabei, hörte und sah Alles mit an und war schmerzlich bewegt über so viel verlorene Aufopferung und Kühnheit. Für ihn war es augenscheinlich, daß aus diesem Knäuel verwirrter Fäden sich nichts entwickeln könne ohne ein Wunder, und dieses anzunehmen, erschien fast unmöglich. Ihn schwindelte es im Kopf über das, was er hörte und sah. Die Einen gingen, Andere kamen. Man nahm die Arbeit auf und unterbrach sie. % Die Nachrichten kreuzten sich. Die Neuigkeiten wurden immer schrecklicher und sonderbarer. Man berief die Leute aus ihren Familien und Beschäftigungen, aus stiller Zurückgezogenheit, und sie stellten sich ein, bereit, ihr Leben zu opfern, zu gehen bis an das Ende der Welt. Frauen nähten sich Depeschen in die Mieder und Korsets. Männer zwängten Papiere mit Hilfe von Schuhmachern zwischen die Stiefelsohlen. An Stöcke schmiedete man Petschafte. Alles dies ging vor sich mitten im Gedränge, Lärm,- Getöse und in der größten Unordnung. Gegen Mittag endlich war von diesem Anblick selbst Jakob so ermüdet, daß er sich zu entfernen beschloß. Er wartete nur darauf, daß man ihm hier zu verstehen gebe, daß man ihn zu Hause suche, oder ihm mit dem Kerker drohe. Kruder, der versprochen, ihn davon zu benachrichtigen, kam im Vorübergehen mit der Mittheilung, daß eine Stunde nach ihrem Weggehen die Polizei angerückt sei, und da sie Jakob nicht vorgefunden, das Haus und die Papiere untersucht, die Kanappes ruinirt, die Fußböden aufgerissen, die Oefcn umgestürzt und zu guterletzt nur ein Taschenpistol konfiszirt habe, welches auf einem Tischchen liegen geblieben war. Die ausgestellten Posten waren beauftragt, zu beobachten, ob Jakob sich nicht zeige. So blieb ihm also keine andere Wahl, als die Citadelle, oder die Flucht. Aber wohin? Da kam ihm das Städtchen, in dem alte Jankiel wobnte. in den Sinn. Ohnehin mußte er ihn ja aufsuchen. um ihm den Tod der Tochter zu melden. Dort glaubte er sich sicher verbergen zu können,-- wären nur nicht die beiden David .. Trotz alledem entschloß er sich, dahin abzureisen. Nachdem er gegen Abend aus Kapernaum entschlüpft, begab er sich sofort zu seinen Glaubensgenossen und Bekannten, den armen Juden in der N ^. straße. da er dort am schnellsten die Mittel und Wege finden konnte, sich aus der Stadt zu entfernen. Er besaß, unter rhyen so manchen Freunds entfernten Verwandten oder Verehrer, namentlich unter den armen Handelsleuten, die er oft mit Rath und That unterstützt oder ermuntert hatte mit guten Worten. oder auf den rechten Weg zu führen sich bemüht hatte. Gar manchmal, wenn er diese schmutzigen und engen Winkel gepreßten Herzens durchschritten, wenn er eingedrungen in diese Schlupfwinkel des Elends und des moralischen Verfalles, war ihm der Gedanke gekommen, dieser Armuth ausschließlich sich zu widmen. Er war auch ein eifriger Anhänger jener jüdischen Schulen, die damals so hastig, aber zu spät gegründet wurden. Ihre ersten Erfolge erfreuten sein Herz, aber in der Eilfertigkeit und der Begeisterung für sie, sah er ein unglückliches Symptom künftigen Verfalles. Er fühlte, daß es gegen alle Noth nur eine Arznei gebe: die Aufklärung; daß nur sie die Gesellschaft reich, sicher und einig machen und sie bewahren könne vor dem Einflüsse des Bösen und vor den verderblichen Dünsten der Knechtschaft und der Demoralisation. Außer andern seiner Freunde wohnte hier Einer, der ihm namentlich wegen seines guten Humors sehr lieb geworden: der alte Reb Sch mul, ein'Jude, dessen Althandel Jakob , einmal zur Zeit gänzlichen Verfalls mit eigenem Gelde aufrecht erhalten hatte. Schmul gehörte zu jenen bekannten, städtischen Herumtreibern, die mit dem Rufe: „Nix zu handeln!" mit einigen Ueberröcken und Westen auf den Schultern den ganzen Tag in Sonnengluth und Regen oder Frost, nur zu oft verjagt und fortgestoßen, alle Höfe durchwandern, oder in die vierten Stockwerke und auf die Böden steigen, wohin die Noth sie berief und wo der Mangel ihrer harrte, und die bei alledem kaum so viel verdienen, um zum Schabbos — sich ein Gericht Fische oder ein Stück Weißbrod zu kaufen. Piwaski zeichnete sie vortrefflich in seinem „Warschauer Kram", wo man sehr viele heut schon verschwundene Typen findet. Reb Schmul war mit einer zahlreichen Familie gesegnet. Er besaß fünf erwachsene Töchter, von denen kaum zwei an den Mann zu bringen gelungen, .nachdem er sein Letztes hergegeben. Drei saßen bei ihm' zu Hause. Mithin waren mit Einschluß der Leiden Alten fünf Mäuler zu stopfen. Sie alle mußte er ernähren, indem er vom Morgen bis in die Nacht hinein mit fernen alten Beinen und mit trockner Kehle herumlief. Und an den Lumpen, um es gerade heraus zu sagen, für die er. nachdem er sie gekauft, erst oft nur zu lanae einen Käufer suchen mußte, was war da viel zu verdienen? Reb Schmul fand für die besseren, nicht allzu abgetragenen Kleider Abnehmer in den kleinen Läden, wo sie aufgefrischt, 'gewaschen, renoviri und für ganz neu verkauft wurden. Aber wie oft täuschte der Alte sich selbst, indem er die Löcher übersah! Wie oft rechnete er am meisten auf Etwas, das ihm dann am längsten liegen blieb, weil es am theuersten war. Schmul war ein trockner, welker, langer, alter, aber nicht gealterter Mann. Denn dazu hatte er. wie er sagte, keine Zeit. Bei diesem Handel, den er schon

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