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Der Israelit · 1903-12-10 · Heft 98 (10.12.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 98 (10.12.1903)
Date
1903-12-10
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Im Osten breitete mit langsamer Würde die in J den Wellen versinkende Sonne ihren Purpurrothen Turban aus, die silberglänzenden Wellen durch breite, goldene Streifen verklärend. Dort in der unermeßlichen Ferne, hinter den wunderbar schönen Wolkengebilden, jenseits der Meerenge von Otranto, jenseits der griechischen Felsen und großen Gewäffer, lebt der mächtige, gewaltige und strenge Gott, der gewiß Sorge tragen wird, daß diese armen, an die Scholle gebundenen, wegen ihres starken Glaubens so sehr verhaßten und verfolgten Parias nicht zu Grunde gehen! Er wird sie sicher erhören, wie sie, an den Kabeltauen sich festhaltend und an allen Gliedern zitternd, zu ihm beten! ... „Warum sind Sie nicht in Husyatin geblieben?" „Wir sind schon alt, deßhalb beten wir schon lange, daß man uns dort in Jerusalem begrabe, daß wir dort bei den Ruinen des zerstörten Tempels beten, daß wir einmal den Gipfel des Berges Moriah erblicken! .Gott segne Sie!" Die Alten sprachen dann leise flüsternd miteinander und sie wandten sich nun zum Freitag-Abend- Gebet. Die Großmutter nahm aus dem Sack ein Lederkissen hervor und legte die beiden Kinder zur Nachtruhe hin. Dann schälte sie zwei Kartoffeln, schnitt sie entzwei und höhlte sie ein wenig aus. Ich fragte mich neugierig: Was soll daraus werden? Sie goß Oel in die so improvisirte Kartoffelschaale, am Saume ihrer Schürze löste sie einen Lappen los. drehte ihn zusammen und that ihn in datz Oel. „Das werden die Freitag-Abend-Lichter sein!" Sie zündete sie an, aber der Wind blies sie aus. Auf's Neue steckte sie dieselben an — wieder dasselbe Ergebniß. . Eine derbe Dalmatinerin, zeigte mit breitem Lächeln einem Matrosen das belustigende Schauspiel. Die Alte bat den Matrosen flehentlich, er möge ihr doch gestatten, ihre Lämpchen in den gedeckten Schiffsraum zu tragen, aber der wies ihre Bitte mit rohem Gelächter zurück! Sie möchte ihn mit ihren Narreteien in Ruhe lassen.' Die Großmutter suchte unermüdlich einen vor dem Zugwinde geschützten Ort und sie fand ihn! Auf dem untersten Schusselchcn der Hebemaschine befindet sich eine gedeckte, eiserne Röhre — wo sich der Ruß, der Abfall, der Schmutz anhäuft; dort ergatterte sie für ihre Sabbatlichtlein ein Plätzchen. Dort brannten sie prächtig! Sie kauerte neben ihnen, strich mit ihren Händen über die flackernden kleinen Flammen, grub ihr Antlitz in die Hand und begann inbrünstig zu beten. Faü schluchzte sie, so innig verlangte sie etwas — sicherlich nicht viel. ül££ WUvL. Zeitgemälde von I. I. Kxaszewsln in autorisirter Übertragung. 521 „Wir können nicht," rief händeringend der Russe. „Wir haben leider nicht, wie Ihr, ein so leichtgläubiges, leicht zu entflammendes Material zur Verfügung. Wir sind nicht getoohnt, Revolution zu machen. Die unseren spielen sich ab zwischen Bett und Kamin, zwischen den Gardekasernen Und dem Palais, still und blutig. Die Massen haben an ihnen keinen Antheil. Unser Land muß erst noch alles lernen: Muth und Verschwörungen. Wir müßten erst Leute sammeln, begeistern und einschulen. All unsere Versuche — vergeßt dies nicht — werden mit Schaffott und Verbannung geahndet!" „Ein Volk reift nur durch die That! Versucht es nur!" antwortete man Gromow! „Wir können es nicht versuchen!" entgegnete der Russe. „Bei uns muß das ganze Volk, wenn es etwas unternimmt, was nicht glückt, Jahrhunderte lang dies büßen! Wir werden nur dann losschlagen, wenn wir des Sieges gewiß sind!" „Das heißt also niemals!" rief der Andere. „Aber seht Ihr denn gar nicht den Abgrund, in den Ihr Euch stürzet!" fragte Gromow. „Nun denn! In den Abgrund! In die Hölle!" Hier unterbrach die Unterhaltung ein Weib, welches ganz bestürzt die Meldung brachte, man habe ihren Sohn mit Papieren abgefaßt. Noch weinte die Aermste, als man schon noch Wichtigeres meldete, was Rettung verhieß. Gleich nach ihr stürzte ein Knabe herein, ganz außer sich vor Freude, denn es war ihm gelungen, an den Straßenecken Plackate anzukleben. Die Polizei verfolgte ihn, aber er entkam. Und darob lachte er, stemmte die Hände in die Seiten und war glücklich,

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