Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-12-10 · Heft 98 (10.12.1903) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 98 (10.12.1903)
Date
1903-12-10
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449980--59636-2523894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2184 Tuchkapuze zum Schutz gegen den Wind über den Kopf, und einige Schritte von ihnen, in den zusammengehäuften Kabeltauen, blickte eine traurige Nonne schwermüthig vor sich hin. Nur mit den drei alten Juden unterhielt sich Niemand; Keiner nahm Notiz von ihnen. Sie flochten die Gebetriemen um die Stirne, hüllten sich in den dunkelblau gestreiften Gebetmantel und beteten. Der älteste konnte sich kaum noch auf den Füßen halten, er schwankte hin und her in Folge des Schaukelns des Schiffes, aber er betete dennoch bis zu Ende, er hätte sich nie und nimmermebr in seiner Andacht stören lassen. Der Wind wühlte zuweilen in seinen weißen Barthaaren —- aber er kümmerte sich nicht darum! Seine Arme waren nach dem Osten ausgebreitet, seine wässerigen Augen blickten in's Unendliche, als ob er dort in der Ferne das Land der Verheißung gesehen hätte, weit weit hinter den aschgrauen Bergen . .. . Die beiden Kinder blickten inzwischen mit furchtsamen Augen auf die Schiffspassagiere, von denen hier und da der eine oder der andere stehen blieb und verwundert die sonderbare Gruppe betrachtete. Es war schon dunkel, als das kleine Mädchen zu. mir kam, meinen Nock erfaßte und bat: „Onkel, komm' doch!" Das Kind führte mich zur alten Jüdin, welche krampfhaft ein irdenes Gefäß in den Händen hielt und uns voll Erbitterung wehklagte, daß sie in die Küche gegangen sei, aber die Köche hätten sie hinausgejagt; und doch habe sie nur ein bischen warmes Wasser verlangt, denn sie wollte dem Alten etwas Kaffee machen, aber man gebe ihr keinen Tropfen. Ihr Mann sei mit seinem Gebetbuch an das erleuchtete Fenster herangrtreten, aber als der Koch ihn erblickte, habe er sofort das Fenster verhüllt — man gönne ihnen nicht einmal das Licht. Als sie auf meine Veranlassung warmes Wasser erhielt, kannte ihr Dank keine Grenzen. „Mögen Sie reich werden!" wünschte mir die Alte. — „Gott segne Sie mit einem guten Weibe und vielen Kindern!" betheuerte der Greis und er reichte mir die schwielige, schwere Hand. Tags darauf, am Freitag, näherten wir uns dem Engpaß.von Otranto. Den ganzen Tag über war das Wetter trübe, der Wind heulte und das Meer war stürmisch bewegt. Meine Passagiere waren ganz weg; sie stöhnten, weinten und schlugen sich gegen die Brust'. Nur die beiden Kinder lächelten. „Wie heißt das Mädchen"? fragte ich die Greisin. „Vrana, meine Enkelin." sagte sie in schlechtem Deutsch. , f Dann unterhielten wir uns. Sie reisen nach dem Orient, nicht um Millionen zusammenzuscharren; sie kommen aus Husyatin in Galizien und wandern nach Jerusalem. „Haben Sie in Jerusalem Verwandte?" unterbrach ich sie. „O nein, aber wir gehen doch hin. „Gott sei gedankt und gepriesen! Wir sind schon alt. Er, der Allmächtige, wird auch uns nachher helfen. Er wird doch uns solange etwas bescheeren, bis wir heimkehren." „Also Sie haben doch dort Jemand? Oder Ms überhaupt Ihre Heimath?" „Wir haben dort Niemanden. Der Name Gottes sei gepriesen', daß wir Hinreisen können!" Dort haben sie ihre Heimath, wo sie Niemanden kennen, wo sie noch nie waren!... Und mit einer eigenthümlichen, frenetischen Inbrunst sprechen sie den Namen des Ewigen aus. „Wie lange bleiben Sie dort?" Darauf rief sie in hebräischer Sprache ihren Man:: zu sich, und dieser antwortete statt ihrer: „Wir bleiben immer dort, mein Herr, wir sind schon alt." Er setzte sich zu mir auf einen Fichtenstamm und erzählte in traurigem, unterwürfigem Tone, daß sie in Husyatin ein kleines Haus und einen kleinen Laden und auch eine Tochter gehabt haben. Sie haben sie verheirathei, aber der Ehemann sei bald gestorben, und die Tochter sei als Wittwe und diese beiden Kinder als Waisen zurückgeblieben. Der Knabe sei neun Monat und das Mädchen anderthalb Jahre gewesen, als deren Mutter auf's Neue heirathete, und zwar einen reichen Wittwer, der sie mit nach Amerika genommen. Der neue Gatte habe auch Kinder gehabt, und sie haben die beiden Kleinen vorläufig bei den Alten gelassen, um sie später mit sich zu nehmen; aber auch später sei dies nicht geschehen. „Aber nicht wahr, Ihre Tochter schickte doch ab und zu Geld?" Die Alte streichelte zärtlich das Mädchen, welches sich in den Schoß der Großmutter geflüchtet, mit ihren runzeligen Händen und sagte schwer seufzend: „Nein!" Der Greis schwieg und blickte traurig auf das Meer hinaus. „Wir haben das Haus für 170 Gulden verkauft, wir haben uns das Eine und das Andere angeschafft.' In Triest haben wir einen halben Gulden für das Quartier bezahlt, und für einen halben Gulden uns Essen gekauft, nämlich Brod, Hering und Knoblauch, für das Schiff zahlen wir vier Dukaten . . . Jetzt könnte man mich für einen Gulden todtschlagen." „Aber wovon werden Sie in Jerusalem leben?" „Meine Frau kann gut kochen, selbst der Kaiser könnte von ihrer Küche essen. Auch versteht sie etwas von der Hebammenkunst. Wir werden beten, immer zu Gott beten, daß Er uns unser tägliches Brod gebe."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.