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Der Israelit · 1903-12-10 · Heft 98 (10.12.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 98 (10.12.1903)
Date
1903-12-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrgang. (LH. B. Rabinowitz d"M. Bobruisk, 7. Dezember. Tiefes Weh wird die Glaubensgenoffen der ganzen Diaspora ergreifen, wenn sie von dem Heimgange eines der größten jüdischen Philanthropen des russischen Reiches erfahren werden. Der königl. spanische General-Konsul Herr Cbajim Boas Rabinowitz ist am gestrigen Tage in Warschau, wohin er sich zur Heilung eines schweren Leidens begab., im Alter von 66 Jahren verschieden. Einem alten, jüdischen Adel angehörend — stammte er doch von dem Manne ab, dessen tragisches Schicksal erst jüngst in diesen Blättern so ergreifend geschildert wurde, von Rabbi Jomtof Lipman Heller — war schon seine Geburt mit merkwürdigen Umständen verknüpft. Seiner Mutter starben -rasch hintereinander kurz nach der Geburt alle Kinder, die sie zur Welt brachte. Darauf begab sie sich, als sie sich wiederum Mutter fühlte, zu einem der gelehrtesten und heiligsten Männer Rußlands. Dieser sagte ihr: „Dein Kind wird am ersten Tage des Schabuothfestes zur Welt kommen. Ist es ein Knabe, so nenne ihn Boas, wird es ein Mädchen sein, so gib ihr den Namen Ruth, und vom Tage der Geburt an gebe jeden Tag einen Rubel den Armen des heiligen Landes." Und siehe, der Knabe kam am ersten Tage des Wochcnfestes zur Welt, wurde Boas genannt und blieb am Leben. Tie tägliche Spende für das heilige Land entrichtete er während seines ganzen Lebens. Waren seine Eltern schon große Wohlthäter ihrer Glaubensgenossen, so erreichte die werkthätige Liebe bei ihrem Sohne, einen ganz bedeutenden Grad. Unmöglich ist es, alle die Einrichtungen und Anstalten zu nennen, die seiner eigensten Anregung und seiner Hochherzigkeit, allein in Bobruisk. ihr Leben verdanken. Wir' wollen nur die bedeutenderen nennen, als da 'sind: Altersversorgungs-Anstalt. Waisenhaus, Talmud - Thora - Schule, Beih-Hamidrasch, in welchem Tag und Nacht Talmud'gelernt wird, ein Pfandleihinstitut, in welchem die Armen ohne'Zinsen auf Pfänder Geld erhallen u. s. w: Daß an seinem Tische täglich hunderte von Lomdim und armen Leuten gespeist 'wurden.' darf wohl nach Schilderung des Vorhergehenden ' als selbstverständlich gelten.' Es war namentlich um Freitag Nachmittag interessant, im Hofe vo.w Rabinowitz zuzusehen, wie da Hunderte kamen, denen Broh,Fleisch, Kraut und Wein verabreicht wurde.^ Sein Ansehen war deßhalb nicht'nur' bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch bei > den Nichtjuden, und namentlich bei der hohen, russischen Regierung ein sehr großes. War der größte Theil der Provinzen des russischen jüdischen Ansiedlungsrayons von Verfolgungen und Excessen in den jüngsten Jahrzehnten leider heimgesucht, das Minsker Gouvernement blieb — Gott Lob und Dank — stets von derartigen Leiden verschont, und dies verdanken wir in erster Linie dem leider so früh Heimgegangenem War irgendwie zu befürchten, daß den Juden, sei es nun von oben oder von unten. Gefahr drohte, so eilte Boas Rabinowitz zum Gouverneur, stellte ihm die Sache vor, und stets hatte sein Besuch den Erfolg, daß die Gefahr glücklich abgewendet wurde. Machte der Minsker Gouverneur eine Amtsreise und kam auf derselben nach Bobruisk. so wohnte und speiste er stets bei dem Dahingeschicdenen, richtete in dessen Wohnung scin Vüreau ein. und es war interessant, zu beobachten, wie die höchsten Beamten von Stadt und Umkreis, von denen sich sonst jeder ein kleiner Zar dünkte, demüthig in die bei Rabinowitz errichtete Kanzlei des Gouverneurs kamen. Auch Kaiser Nikolaus!, war einmal in dem Nabinowitz'schen Hause Gast und wurde bei dieser Gelegenheit der Dahingeschiedcne zum erblichen Ehrenbürger der Stadt Bobruisk und zum Kaufmann erster Gilde ernannt. Späterhin wurde ihm. die. Inspektion der Eivil- und Militärgefängnisse ehrenamtlich übertragen, und er benutzte diese Ehrenstellung dazu, um die jüdischen Insassen mit ritueller Kost,. Tefillin und Schofar zu versorgen. Als die Gemahlin Kaiser Alcanders HI., die jetzige Kaiferin-Wittwe, vpr noch ni-bt langer Ieit eine Gesellschaft zur Errettung Schiffbrüchiger begründete, bildete sie hierfür ein kleines Komitee auserlesener Männer. Zu diesen Männern zählte auch Boas Rabinowitz. Was er sonst noch zu Gunsten seiner Glaubensgenossen that, und wovon nichts in die Oefsentlichkeit drang und nichts in dieselbe drsngen durfte, das mag ihm nun, da er. in den Gefilden der Seligen weilt und den Abglanz der göttlichen Majestät genießt, in vollem Maße, zü Gute kommen.; Er. war wirklich ein (Stabfon und Takis, wie ste das deutsche Vaterland während der dunklen Zeit des Mittelalters hervorgebrächt. Dabei war er von felsenfester Frömmigkeit, großer Gelehrsamkeit.und unendlichem Gottveriränen. und.tief, beklagte .er.es oft, daß. die jungen .Leute, die die / höheren Schulen.'besuchen. ■ sich! von der echten, alten Jüdischkeitimmer .mehr abwenden. Die deutscheOtthodorie. die moderne Bildung , und'.wqhre Frömmigkeit zu vereinen versteht, .schwebte ihm, als Ideal auch für,seine Glaubensgenossen in Rußland vor, und als sich.ihm Geleqen- .heit bot,, sich.mit demjenigen.Mann'e, der.diesem Jdeal in Deutschland zum Siege verhalf, ' zu verschwägern, da zögerte er keinen Augenblick und gab seine noch' in

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