Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 98 (10.12.1903)
- Date
- 1903-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. HMcchrheit und Dichtung. Von Friedrich Rott. ,3 Müller's düsteres Gesicht hatte stch doch erhellt beim Anblick seiner frischen, schönen Kinder, doch nur für einen Augenblick. Es war jedoch trotz des verlegten Wochenmarktes im Geschäft heute mehr als sonst zu thun. Nachdem Frau Müller die Küche für heute und morgen besorgt hatte, begab ste stch auch hinunter in's Geschäft, und in ihr regte sich die Hoffnung, daß,'falls der Tag so fortschreiten werde, es ihr doch vielleicht gelinge, ihren Mann zu bewegen, trotz des morgigen Wochenmarktes das Geschäft nicht zu öffnen. Eben hatte ein Käufer eine Zehnkronen-Note aus den Tisch gelegt, worauf sie ihm einige Heller zurückgegeben hatte. Als sie die Banknote jedoch in die Hand genonlmen hatte, erkannte sie, daß es zwei Zehnkronen- Noten waren. Sie war daher dem Manne nachgeeilr und hatte ihm die irrthümlich dagelassene Note zurückgegeben. Kaum war sie jedoch in das Geschäft zurückgekehrt. als ihr Mann ihr entgegenstürzte und sie mit einer Fluth von Schimpfwörtern überhäufte, wie sie solche nie von ihm vernommen. Verständnißlos blickte sie ihn an. „Nm's Himmelswillen! Was ist geschehen? Was willst Du?" „Was ich will? Daß Du mir das Geld nicht aus dem Haus trägst, das will ich!" schrie er. ' „Aber es war doch nicht unser Geld. Die Banknoten waren'durch Zufall aneinander geklebt, erst als ich sie in die Hand genommen, habe ich gesehen, daß es zwei waren. Da habe ich sie dem Herrn doch nächbringen müssen." „Nichts hast Du müssen! Das Geld, was in meinem Geschäft liegt, ist mein! Das hast Du nicht hinauszutragen!" „Aber Heinrich, ich bitte Dich um Gotteswillen!" Er aber ereiferte sich nur noch mehr. „Schon wieder kommt sie mit Gotteswillen! — Mir scheint, Gott hat mir wollen doch etwas Ersatz geben für das. was mir gestern gestohlen wurde, muß das dumme. Weib es forttragen!" — „Aber wir können doch nicht behalten, was uns nicht gehört, unrecht Gut.bringt kein Glück." „Aha, fängst Du schon wieder an zu predigen. — Na. schon gut, morgen ist Wochenmarkt, da gehe ich doch nicht in Schul', ich habe jetzt meine Predigt." Sie sah, daß jede Widerrede ihn nur noch mehr erbitterte, .sie verließ daher schweigend das Geschäftslokal; um in ihrer Wohnung zum Empfang des Sabbats ihre Vorbereitungen zu treffen. Der Abend war gekommen. Müller war wie ge- 2173 wohnlich mit seinen beiden Knaben in die Synagoge gegangen, während seine Frau, nachdem sie die Sabbatlichter angezündet, mit ihrem Töchterchen zu Häufe ihre Andacht verrichtete: dann ordnete-sie mit Hilfe der Kleinen den Tisch. ' Das freundlich erhellte, sabbatlich geschmückte Zimmer gewährte einen überaus traulichen Anblick und als nach Beendigung des Gottesdienstes Vater und Söhne heimkamen, eilten die Knaben mit lautem guten Sabbatwunsche zur Mutter, die segnend ihre. Hände auf ihre Häupter legte, während Selma zum Vater sprang und das blonde Lockenköpfchen zu ihm hob.'damit er sie segne. Er legte auch einen Moment die Hand auf ihren Scheitel, dann hob ec sie empor und küßtesie. für seine Frau hatte er nur einen kurzen, kaum hörbaren Gruß.; ■ Wie gewöhnlich ging er dann im Zimmer auf und nieder, die Hände auf dem Rücken übereinander gekreuzt; doch während er sonst laut und deutlich das Loblied der wackeren Frau sang und. das schöne Lied von den Engeln, die den heimkommenden ' Fäden in seinem sabbatlichen Heim begrüßen — heute murmelte er nur einige Worte vor sich hin, die Niemand verstand, vermuthlich nicht einmal er selbst. Engel des Friedens waren es nicht, die in dem sonst so trauten Raume heute weilten, daS finster grollende Angesicht des. Hausherrn schien sie verscheucht zu haben.' . „Mich hungert," wandte er sich in schroffem Tone an seine Frau. „Bitte, Dich zu waschen und Kiddusch zu machen, dann können wir essen," erwiderte sie freundlich. ' Er entsprach ihrer Aufforderung, sie und die Kinder folgten seinem Beispiel, und bald saßen alle auf ihren gewöhnlichen Plätzen um den runden Tisch.. Aber nicht wie gewöhnlich sang der Vater die üblichen Segenssprüche und das Weihegebet mit seiner angenehmen, sonoren Stimme, leise flüsternd, kaum verständlich murmelte er. alles vor sich hin. Betroffen blickten die Kinder einander an/was ging vor?-./>: Die Mutter trug die Speisen auf, ' legte ' sie dem Gatten und den Kindern vor. Müller schien alles mit einer Art Heißhunger zu verschlingen, ohne ein Wort zu reden, ohne auch nur den Blick vom Teller zu heben? Die Kinder versuchten eine Art vow Unterhaltung in Gang zu bringen. Die Mutter, lächelte ihnen fre^unsilich zu, aber in ihrem Lächeln lag-ein solcher Seöleyschmerz, daß die warmherzigen Kleinen rasch wieder verstummten. Bald - nach dem Essen, begaben sie..M auf Aufforderung der Mutter zur Ruhe. „Lieber Vater," sagte Selma,'indem sie. ihm die rosigen. Lippen zum Gutenachtkuß bot, „bitte.' sei idöch. nicht sa traurig, weil .ein böser Mensch Dir Deiy GM gestohlen hat. Ich'werde'Dir dafür alles Geld gebenj was in meiner Sparbüchse" kst^" ünL^ Max un8 Päü7 wollen Dir auch ihr Geld geben, gleich morgen Abend, wenn der Sabbat aus ist."