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Der Israelit · 1903-12-10 · Heft 98 (10.12.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 98 (10.12.1903)
Date
1903-12-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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- - - - ^***■ **•****“' ««^faUto^cada*2 LSZM 2168 das Heidenthum in gänzlichen Verfall gerathen war. Scneka, der Lehrer des Kaisers Nero, ruft darüber klagend aus: „So weit hat die Lebensweise dieses schädlichen Volkes überhand genommen, daß sie schon fast in allen Landern angenommen wurde und die Besiegten den Siegern Gesetze geben!" Auch die aus edlem Geschlechte entstammte Gemahlin Neros, Povpäa Sabina, neigte dem Judenglauben zu. und war eine eifrige Beschützerin der, Juden, wie dies auch Sinkiewicz in seinem Roman „Quovadis" in nicht gerade vorurtheilsfreicr Weise darstellt. Ein Hauptvertreier dieses jüdischen Hellenismus war der Alexandriner Philo, der das Judenthum auch vor Kaiser Kaligula zu vertreten berufen war. Auch das Wesen dieses' Mannes erfaßt man wohl nicht richtig, wenn man von ihm gleich Mommsen. mehr geistvoll als richtig, sagt, „er stehe zu seiner Landesreligion nicht viel anders, als Cicero zu der römischen." Mit dem spitzfindigen Advokaten Cicero, der auch im politischen Leben keine allzu reinliche Rolle spielte und der sich eine Philosophie aus den Weltanschauungen griechischer Dichter zusammenstoppelte, darf man den nberzeugungstreuen, keusch-reinen Philo denn dmh nicht zusammenstellen, der haushoch über dem Hellenisten und nicht ganz ehrlichen Geschichtsschreiber Josephus Flavius, seinem etwas jüngeren Zeitgenossen, steht. Philo ist das Haupt der Allegoristen, der gegen die Schmähungen eines Apion auftritt, den Plinius in der Vorrede zur Naturgeschichte „ pniriica amae tympanum", das heißt „Posaune seines eigenen Ruhmes" genannt hat. Philo hebt hervor, wie die judäischen Gesetze Menschlichkeit und Liebe künden, diese sogar gegen Thiere und Pflanzen einschärfen. „Und da verschreien die ' elenden Sykophanten das Judenthum als menschenfeindlich, während es doch gerade auf Liebe beruht." Freilich, zwei Seelen wohnten in Philos Brust; der judäische Geist einerseits und andererseits der hellenische beherrschten ihn, und vergeblich ist sein Bemühen, diese Gegensätze in Einklang zu bringen. Das Christenthum allerdings nruß Philos ehrfurchtsvoll gedenken, da er es gewesen, der zuerst die Logos-Lehre, die Lehre von dem „Fleisch gewordenen Worte" ausbildete, so daß man ihn mit Recht als den ersten Kirchenvater bezeichnete. während er im Judenthume in Vergessenheit gerieth, bis im 16. Jahrhundert Asaria de Rossi in Modena in seiner „Augenleuchte" ihn, wie man heute sagt, wieder ausgrub und auf seine Bedeutung, auch für das Judenihum, hinwies. So sind denn die theologisch-religiösen Fragen, die sich nun einmal aus der Geschichte des Judenthums nicht ausscheiden lassen, nicht gerade die Stärke des Kapitels, das Mommsen über das Judenthum geschrieben hat. Wir vermissen in diesem Kapitel auch'nähere Angaben über Josephus. den jüdischen Ge- Geschichtsschreiber, dem wir ja doch die Kenntniß der ganzen Zeit, die Mommsen schildert, verdanken. Ueber ihn. der natürlich fast auf jeder Seite eines Gefchichtswerkes über die Juden citirt werden muß, hat Schürer in seiner „Geschichte des Volkes Israel zur Zeit des Stifters der christlichen Religion" sehr lehrreiche und richtige Angaben gemacht. Daß es nicht geht, jüdische Geschichte zu schreiben, wie man etwa die der Syrer oder Parther schildert, ersehen wir sehr deutlich aus jenen Seiten unseres Kapitels, in denen Mommsen über spezifisch jüdische Einrichtungen spricht, wie über die des Synhedrions. Schon die Behauptung, daß im Synhedrion, judaisirt Sanhedrin, diesem „Rath der Aeltesten," der Hohepriester den Vorsitz führte, läßt sich aus der jüdischen Tradition nicht Nachweisen. Hier werden ganz bestimmte Männer genannt, die den Titel „Nassi" führten, während ihre Stellvertreter „Ab bet Din" genannt wurden, die das Präsidium in dieser höchsten Körperschaft des Volkes übernahmen. Sie hatte das ganze religiöse und sittliche Leben im Volke zu regeln, sorgte für Schulen und Gerichtsbarkeit, kurz war die höchste geistliche Behörde im Lande, und ein ganzer Talmudtraktat beschäftigt sich mit ihrer Wirksamkeit, aus dem der Geschichtschreiber .der Juden manches Belehrende schöpfen kann. Auch der Traktat der Mischna, der neuerlich von Strack in Berlin übersetzt und kommentirt wurde und der „Sprüche der Väter" heißt, gibt uns Kunde über die Grundsätze der „Nassi" (Fürst) genannten Vorsitzenden des Syn- .;edrions und ihrer Stellvertreter, ,.Äb bet Din," das heißt „Vater des Gerichtshofes", genannt. Wir müssen aber auch in Mommsen's Darstellung des jüdischen Krieges den mangelnden Einblick in jüdische Quellen leider konstatieren. Es ist ja richtig, wenn Mommsen die Schuld an dem großen Unglücke, welches das jüdische Volk betroffen, indem es sein Staatswesen und seinen Tempel verlor, auch theilweise diesem selbst zuschreibt. Das Hohepriesterthum, das durch Herodes entwürdigt worden war, indem derjenige, der in der Kriecherei und Verleugnung des Nationalgefiihls am weitesten ging, es erhielt, war in gewissen Familien käuflich geworden. Dir Entsittlichung der fürstlichen und hohepriesterlichen Geschlechter nahm immer mehr überhand, äußere Frömmigkeit stand höher als Sittlichkeit; aber wie werden diese Zustände gerade von den Edelsten der Nation beklagt! Wenn man nun die Darstellung des Ausbruches jenes unseligen Krieges, der zum Untergange Jerusalems führte, bei Mommsen liest, so ist man erstaunt, zu hören, wie er alle unleugj baren Sünden der Mächtigen in Juda,' wie etwa, die j des Ananias, des Nebedäus Sohn, hervorhebt.-und! ihnen alle Schuld an dem unsäglichen Leid, das je eine . Nation betroffen, zuschreibt und wenig Mitgefühl zu . haben scheint mit einem Volke, das. sich himmlische ‘ Hilfe erwartete von dem schweren Drücke, ber auf ihm! lastete. Wer nicht die im jüdischen Volke nie ausge- ' storbenen messianischen Hoffnungen in Beleuchtung

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