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Der Israelit · 1903-12-07 · Heft 97 (7.12.1903) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 97 (7.12.1903)
Date
1903-12-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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fchews ky: Wann wurden Sie vom Untersuchungsrichter Freynat vernommen? — Zeuge: Am 14. Mai a. St. ' Tiefen Eindruck nun machte die Aussage des Konfektionsgeschäfts-Inhabers Fischmann, der ein großes Waarenlager an der Ecke der Nikolajewskaya- und Puschkingaffe besaß. An den Ostertagen war das Lokal geschloffen, die Excedenten zertrümmerten die eisernen Rollbalken und brachen unter lautem Gejohle ein. Was sie nicht mitnehmen konnten, wurde zerstört und vernichtet. Das geschah in der zweiten Nachmittagsstunde am Montag, den 20. April, in Anwesenheit des Vizegouverneurs Ustrugow, des Gendarmerie- Obersten Chansenkow. zahlreicher Polizisten und einer großen Ansammlung von Personen aus den Kreisen der Intelligenz, die dem Zerstörungswerke mit vielem Interesse zusahen. Auch Militär war unter Führung von Offizieren auf dem Schauplatze aufgestellt. „Als die Banditen beranrückten," erzählt Fischmann, „gaben die Offiziere Befehl, daß die Soldaten einige Schritte zurücktreten, um den Plünderern Platz zu machen. Ich war wie von Sinnen vor Aufregung und lief von einem Funktionär zum andernich flehte den Vicegouverneur und den Gendarmerieobersten an, diesem Vandalismus Einhalt zu thnn und mich und meine Familie vor dem Ruin zu schützen. Alles war umsonst! Man ließ sogar die Soldaten erbeutete Gegenstände fortschleppen. Daß Bürger aus den gebildeten Ständen tbätigen Anth-il an den 'Vorgängen nahmen, ist mir durch eigene Wahrnehmungen bekannt. Ich habe selbst gehört, wie der Rotarius Piffartichewsky und Stadtrath Sinardino an der Ecke des Boulevards der versammelten Menge znriefen: „Da? ist einmal ein Festtag! Gehet heim, leget eure Sonntagskleider an!" Der Student Malaf. der eben vorüberging, rief mit lauter Stimme: . Rasch zur Arbeit, die Zeit ist kurz!" Es blieb nicht unbemerkt, daß der Präsident nun endlich die ausdrückliche Nennung von Personen aus den Kreisen der Intelligenz, die sich aktiv an den Erzessen betbeiligt batten, zuließ. Man vermutbet, er habe eine Weisung bekommen, der Gerechtigkeit nunmehr einen etwas freieren Lauf su lassen. Ein Vertreter der Anklage richtet an Fischmann die Frage: Was haben Sie sich gedacht, als Sie in Gegenwart bober Funktionäre und des Militärs die Ereedenten unbehelligt in Ibr Lokal eindrinaen saßen? — Fisch- Mann: Ich glaubte, es sei tßatsächlich ein allerhöchster Befehl bekommen, uns Juden su berauben und?u vernichten. Ein Kommis der Firma Fifchmann Namens S ch m n ck l e r bestätigt als Änqenzeuae alle van seinem Eßes' ausaesaaten Einzelheiten. Damit schloß die gestrige Derbandlnug. K i s ch i n e w, 80. November. Heute wurde die Verhandlung mit einem besonders aufregenden Verhöre ausgenommen. Es wurden die Mitglieder der Familien der um's Leben gekommenen Opfer vernommen; allgemeines Schluchzen erfüllte den Gerichtssaal, als man noch einmal die in der Stadt zur Genüge bekannten Details hörte. Zunächst erschien Rüben K a z a p, dessen Großmutter. Refel Kazap, vor seinen Augen unter grauenhaften Qualenermordet worden ist. Der Zeuge schildert, daß er beim Anrücken der blutdürstigen Schaar sich, geflüchtet und auf dem Dachboden ein Versteck gefunden, von dem aus er zu seinem Entsetzen die Niedermetzelung der alten Frau beobachten mußte, der die Rettung nicht rechtzeitig gelungen war. Simon Bara nowitsch, der Vater des ermordeten Realschülers der fünften Klaffe, Benjamin Varanowitsch, deponirt, daß er in demselben Hause logierte, in welchem der obenerwähnte Vorfall sich zuaetragen hat. Er und sein Sohn hatten in ihrer Todesangst in einem im Hofe gelegenen Klosett eine Weile Schutz gefunden, sie wurden jedoch von den Unholden entdeckt und der Sohn vor den Augen des Vaters in schrecklicher Weise mit Keulenhieben langsam t-'dtgeschlagen. Der Zeuge kann diese Aussage nicht zu Ende führen, er fällt vor Aufregung in Ohnmacht. Allgemeine Theilnahme bemächtigt sich aller Zuhörer, man sieht die Advokaten und selbst die Richter heftig weinen. Die Sitzung muß auf eine Stunde unterbrochen werden. Rach Wiederaufnahme der Verhandlung wurde das Verhör mit Baranowitsch, der inzwischen dir Fassung einigermaßen wieder erlangt hatte, fortgesetzt. Auf die Frage nach den näheren Umständen des Mordes gibt er an. daß außer ihm und seinem Sohne sich an derselben Stelle Benzion Galanter und Israel Rosenmann versteckt hielten. — Präs.: Würden Sie die Mörder wieder erkennen? — Zeuge: Sir sind hier unter den Angeklagten. Kitjka, Iwan Marasjuk, Kolesnitschenko und Pschernesko. diese vier haben den Galanter, sowie meinen Sohn in bestialischer Weise erschlagen. Mein armes Kind schrie herzzerreißend um Hilfe; ich mußte in meiner grenzenlosen Verzweiflung zusehen. Die Mörder schrieen mich an: „Rühre Dich nicht, wir werden auch Dich bald wie einen Hund todimachen!" Sie hatten sich auch bereits über mich hergemacht, als Soldaten in den Hof traten, die aber über die Vorgänge gar nicht entrüstet zu sein schienen und den Mördern in gemüthlichem Tone nur zuriefen: „Hier habt Ihr schon genug gethan, Kinder, geht jetzt weiter!" Ich konnte dann durch ein Fenster auf die Straße gelangen und wollte mich retten: es fiel mir jedoch ein, daß meine Frau und die anderen Familienangehörigen sich in einem Stall verborgen hielten. Ich kehrte daher um. um sie zu suchen: da traf ich den Polizeipristaw des zweiten Bezirkes, Solowkin. Ich siel ihm weinend zu Füßen. Darauf fraate Solowkin: „Warum jammerst Du, es wurde doch noch Nie-

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