Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1903)
- Date
- 1903-12-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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■ . 1445 ' da erwiesenermaßen bis zum Nachmittag dieses Tages Ruhe geherrscht hatte. Ein deutscher Fabrikant Namens K a l w e i t deponrrt, daß er, als er am erwähnten Tuge ausging, die Juden von Rotten von Excedentcn gejagt sah, sowie daß jüdische Geschäfte geplündert wurden, ohne daß von irgend welcher Seite dagegen eingeschritten worden wäre. Ein anderer Deutscher, Wedemayer, :rzählie: Ein Arbeiter trug hoch in den Lüften ein Telegramm und rief mit lauter Stimme: „Es ist ein Befehl von hoher Seite gekommen, gegen die Juden loszugehen, ste zu schlagen und zu beraubend Nun gelangten eigentliche Opfer der Exceffe zur Aussage. Der jüdische Kaufmann Lazar L a p u s ch - n e r hatte auf dem Neuen Markt ein Galanteriewaarengeschaft innegehabt; am Ostersonntag drangen die Plünderer ein, eigneten sich einen Theil des reichhaltigen Waarenlagers an, während sie das, was sie nicht davonschleppen konnten, mit Kerosin (russischem Petroleum) Lbergossen und in Brand steckten, von welchem auch der Laden ergriffen wurde. Der Zeuge, der bis dahin ein wohlhabender Kanufmann war, ist hierdurch vollständig zu Grunde gerichtet und zum Bettler geworden. (Bewegung.) Portugais. ebenfalls ein Beschädigter, deponirt, daß man am Sonntag, den 19. April, zunächst die Fenster seiner Wohnung mit Steinen bombardiert habe; da er auf der Straße den Stellvertreter des Polizeipristaws, Sadoroschny, bemerkt hatte, mit dem er sehr gut bekannt war, rief er ihm zu, ob denn die Juden ganz schutzlos seien und ob man sie nach den bestehenden russischen Gesetzen straflos überfallen dürfe? Sadoroschny antwortete darauf: „Wenn Ihnen die russischen Gesetze nicht gefallen, gehen Sie nach Amerika!" Zugleich wandte er sich an die aus dem benachbarten Wirthshause kommenden Arbeiter und sagte ihnen: „Seht einmal diesen frechen Juden an, er verlangt, ich solle ihm eine Wache beistellen!" Zu mir gewendet, fügte er hinzu: „Morgen wirst Du etwas . erleben!" Am folgenden Tage ist mein Haus vollständig verwüstet worden; die Einrichtung wurde zertrümmert, und mit Mühe konnte ich mich mit Frau und Kindern retten. Ich traf dann unterwegs den Stellvertreter des Polizeipristaws. Kadrian, und bat ihn flehentlich um Schutz; er fuhr mich barsch an und wendete sich fluchend ab. Nachdem Ruhe eingetreten war, wollte ich in mein Logis zurück, fand aber alles zertrümmert; die Nachbarn sagten mir, daß Ballinsky, ein Mann aus der christlichen Intelligenz, der Anführer der Bande war und nach seinen Weisungen in meinem Hause „gearbeitet" wurde. Als mein Unglück bekannt wurde, kamen auch viele Christen, um mir ihr Beileid auszudrücken, darunter der Adelsmarschall Krupensky, der als Vertreter der Stände heute als Gerichtsbeisitzer fungirt. Kischinew, 30. Novembers Bei der Fortsetzung der gestrigen Verhandlung wurde ein höherer Gouvernementsbeamter'Namens B u ch a l o vernommen, der aus eigener Initiative eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft über die von ihm selbst beobachteten Gewaltthaten erstattet hatte. Er hat besonders mit Entrüstung beobachtet, -wie die Weinhandlung des.David Feldstein,,die sich, gerade gegenüber dem zweiten Polizeirevier befand, /vollständig zerstört wurde; die gegenüberstehenden Polizisten sahen dem Zerstörungswerke ruhig zu.% -öl ,* Es folgt die Vernehmung des ehemaligen städtischen Spitalarztes Dr. D o r o s ch e w s k y, dessen Ausführungen man mit Interesse und Spannung eytgegensah, da er als hochangesehener Arzt.von keiner Seite verdächtigt werden kann. Allgemeine-. Stille herrschte im Saale, während der Zeuge'seine'eigenen Beobachtungen zu Protokoll gab. Der Zeuge war im städtischen Krankenhause thätig und hatte als erster Arzt den Verwundeten die Hilfe zu leisten; -..her Anblick der Opfer war ein so furchtbarer, däß^er mit Werten nicht zu schildern sei. An den Leichen erkannte man, daß die unglücklichen Opfer lange gemartert und grausam verstümmelt worden waren. Von einer Leiche war ein Ohr vollständig abgehackt, an einer ändery, der Kopf bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt; einem, einäugigen Manne Namens Weißmann war das. andere Auge ausgestochen worden. Aus dem Befunde ging unzweifelhaft hervor, daß diese Verletzung nicht durch einen bloßen Stoß in's Auge, sondern durch langsames Martern des Unglücklichen hervorgerufen würde. Einem andern Verwundeten Namens Selzer .tpurde gleichfalls ein Ohr abgeschnitten. .; •; , Dr. Doroschewsky erzählt weiter, von zuverlässigen Leuten gehört zu haben, daß einer Leiche der Bauch aufgeschlitzt und mit Federn gefüllt worden war. Der Schuhmacher Andrusjec berichtete ihm, daß er selbst in Gegenwart des Untersuchungsrichters Dawidowitsch einer Leiche aus der Nase zwei eiserne Nägel heräüsgezogen und dem behandelnden Arzte übergebenhat. Der Gerichtshof beschließt, diese erwähnten Zeugen vorzuladen. . ' ' Dr. Doroschewsky sagt weiter aus. daß er'über diese Mißhandlungen und Verstümmelungen der. Laichen kurz nach den Exzessen in.einem russischen. Blatte Mittherlungen zur Kenntniß der Oeffentlichkeit .gebracht hatte; es sei dann der Gouvernements-Oberarzt Pretjatkowitsch zu ihm gekommen und habe ihn aufgefordert, feine veröffentlichten Angaben zu widerrufen, da diese für ihn von sehr unangenehmen - Folgest,. begleitet sein könnten. Der Zeuge antwortete, M Folgen seien ihm gleichgültig, da ihm die Wahrheit über-alles gehe. — Advokat K a rabtschrws k y :. MaNn wurden Sie Ihres Postens enthoben? '—^ Drl S^orodfchewsky: Am 16. Mai a. St. — Kär äh 1-