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Der Israelit · 1903-10-22 · Heft 84 (22.10.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 84 (22.10.1903)
Date
1903-10-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Jedoch ist hierbei zu beachten, daß weder in geistiger noch in körperlicher Beziehung zu viel Genuß geboten werden darf; denn nur körperliche und geistige Mäßigkeit erhält gesund. Darum vermeidet eine vernünftige Erziehung jede körperliche Ueberanstrengung und jede geistige Ueberbürdung. Die Folgen der letzteren sind ja oft noch schlimmer, als die der ersteren. Daß jedoch auch durch das richtige Maß im Gewähren und Versagen seitens einzelner Erziehungsfaktoren die körperliche und geistige Abhärtung nicht immer so weit gedeihen kann, als es wünschenswerth wäre, das hat Dr. Lindner sehr schön also dargelegt: Der Zeitgeist mit seinem verweichlichenden Luxus und den verlockenden Bildern des allseitig angestrebten Wohllebens, erlaubt es uns allerdings nicht, die Erziehung bis auf das Niveau einer spartanischen Abhärtung hinaufzuschrauben (es müßte da dem Zögling ungeheuer viel versagt werden!); denn die Erziehung kann sich vom Geiste der Zeit nicht trennen. Aus den Kindern unserer Staatsbürger lassen sich keine Spartanerköpfe modeln. Aber wir werden unter keinen Umständen dulden, daß unser Zögling ein Sklave seiner sinnlichen Empfindungen werde und den Werth der Gegenstände seines Begehrens einzig und allein auf der Skala des Angenehmen und Unangenehmen ablese. Wir werden ihn auf den kategor. Imperativ der Pflicht aufmerksam machen und seine Bedürfnisse auf ein Minimum herabsetzen. Wir werden ihn in die Schule der Entbehrung und Anstrengung nehmen, weil das Leben eine solche Schule ist. Manche Eltern huldigen dem thörichten .Grundsätze, man solle dem Kinde seine Kindheit nicht verkümmern, man solle ihm ferne bleiben mit den Begriffen von Zwang und Pflicht. Dies heißt so viel, als das Leben der Kindheit opfern — sich jeder Erziehung für's Leben begeben. Das Leben ist und bleibt eine Schule des Ernstes und der Entsagung, und es ist Pflicht der Erziehung, das Kind nicht für einen utopischen Zustand, sondern für die Wirklichkeit zu bilden. Darum haben auch Männer, welche zu den Bahnbrechern der neueren Pädagogik zählen, ein Montaigue, ein Locke, ein Rousseau, die physische Abhärtung durch eine einfache, naturgemäße Lebensweise (der letztere und seine Nachfolger, die deutschen Philanthrovisten, allerdings unter Beseitigung des zwingenden Ernstes) auf das Banner ihrer päd. Bestrebungen gesetzt. Wird in Gewährung und Versagung das richtige Maß beachtet, so erwachsen für den Zögling außer den genannten Vortheilen auch noch andere, welche die Willensbildung und die Sittlichkeit desselben direkt beeinflussen. Gewährt man nämlich dem Zögling manchmal ein gewünschtes Spielzeug, ein Bild, ein Buch, etwas Taschengeld, einen Ausflug, den Besuch einer vassenden Ausstellung oder Theatervorstellung etc., so kann das sehr wohlthätig auf den Zögling wirken und leicht ein Anlaß zum Wollen und Handeln für ihn werden. Umgekehrt versagt der Erzieher seinem Zögling auch manchmal etwas, das an uyd für sich ganz unschädlich ist, nur deßwegen, um die Begehrlichkeit und den Eigenwillen des Zöglings in den gehörigen Schranken zu halten, und dies ist eine gute Vorbereitung für das spätere Leben; denn der Zögling soll, ja gewöhnt werden, seinem Wollen selber Schranken zu setzen; er soll lernen, sich selber manches zu versagen; er soll nicht alles haben wollen, was andere haben: er soll entsagen lernen. Werden nämlich dem Zögling Gelegenheiten zum sittlichen Handeln ' eröffnet (gewährt) und die Verlockungen zu einem entgegengesetzten Verhalten abgeschnitten (versagt), so wird ihm durch Gewöhnung die Kunst der sittlichen Lebensführung anerzogen und er dadurch zur Sittlichkeit erzogen. Erstere ist nämlich einerseits eine Gewohnheit, andererseits eine Fertigkeit im Guten, welche erreicht wird, wenn der Zögling durch Gewährung und Versagung (Befehl und Gebot, Lehre und Beispiel) auf die Bahn des Sittlichen hingelenkt und dort gegen die Verlockungen der Sinnlichkeit und des Augenblicks erhalten wird. Die Früchte eines solchen Verfahrens kann man in allen wohlgesittetest Familien wahrnehmen, in denen die Kinder nur güte Beispiele vor Augen haben, und wo die Lebensordnung nur sittliche Gewöhnungen mit sich bringt. „Die Macht einer sittlichen Gewöhnung darf beim Erziehungsgeschäft nicht unterschätzt werden, denn durch sie wird harte Pflichterfüllung in leichte Fertigkeit verwandelt." (Dr. Lindner.) Und Schwarz sagt: „Was die Sitte im Volksleben, das ist gewohnheitsmäßige Hebung, bei der Erziehung. Die Frivolität, welche die an sich harmlose Volkssitte zerstört, greift auch die Sittlichkeit an. indem sie die Kunst der sittlichen Lebensführung-bedeutend erschwert. Darin liegt gegenwärtig das größte .Hinderniß der Erziehung, daß der Erzieher belehren soll, wo er gewöhnen müßte, aber nicht kann, weil man ihm die Befugnisse dazu entzogen oder die nöthigen Veranstaltungen versagt hat, und daß mindestens die Umgebung des Zöglings allen solchen Veranstaltungen, mH Wort und That abhold ist. Zu den Gewöhnungen, welche durch die Richtung der gegenwärtigen Zeit erschwert sind, gehören die zur Mäßigkeit, Einfachheit, Bescheidenheit, Uneigennützigkeit. Andere dagegen sind durch die Sitte erleichtert, z. B. Gewöhnung zur Reinlichkeit und Wohlanständigkeit." Weiter sei noch erwähnt, daß die Gewöhnungen, auch wenn der Zögling durch sie nicht vollständig auf die Höhe sittlicher Freiheit erhoben wird, doch als Stühe der Charakterbildung von höchster Wichtigkeit sind. Alle die bedeutenden Erfolge, welche durch Gewährung und Versagung für die Erziehung erreicht werden, sind aber nur dann zu erzielen, wenn beim Gewähren und Versagen konsequent und mit Wohlwollen,

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