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Der Israelit · 1903-10-22 · Heft 84 (22.10.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 84 (22.10.1903)
Date
1903-10-22
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1636 ziehungszwecke nicht nur in Bezug auf Zeitpunkt und Zeitdauer, sondern auch in Bezug auf Quantität und Qualität des Gewährten angepaßt werden. Aber nicht nur in körperlicher Beziehung gewährt der Erzieher dem Zöglinge das Nöthige und Heilsame, sondern auch in g e i st i g e r Hinsicht sorgt ersterer dafür, daß dem Zöglinge der richtige Umgang und gute Beispiele gewährt werden. „Böse Geschwätze verderben guten Sitten" und „Beispiele haben eine wunderbare Macht, sie reißen hin," sind alte, auch hier beherzigenswerthe Sätze. An dem guten Beispiel, das der Zögling hat, sieht er, wie man arbeitet, und er wird dann selbst Mitarbeiten; er freut sich auch dann auf die zu gewährende Erholung. Diese findet er am besten in kindlichen Spielen, die womöglich im Freien zu veranstalten sind. Auch paffende Schriften und Bücher sind dem Zögling zur Belehrung und Unterhaltung zeitweise zu gewähren. Schädlich ist bekanntlich aber das gedankenlose Viellesen und das zu häufige Spielen, weil dadurch der Zögling sehr zerstreut wird. Aus der zu gewährenden Zerstreuung kann leicht Zerstreutheit werden. Um letztere zu vermeiden, versage man also dem Zögling in Bezug auf Spiel und Zerstreuung das zu Vielerlei und gewähre nur so viel als nöthig ist, denselben anzuregen und seine Sinne zu -üben. Gänzliche Versagung des Spiels macht . die Kinder geistig träge und erzeugt Stumpfsinn. Die beste geistige Anregung, wird dem Zögling gewährt durch richtige Anschauung seiner ganzen Umgebung. Hat ein Kind die Gegenstände seiner näheren und weiteren Umgebung-richtig anschauen gelernt, so wird es eine rechte Werthschätzung der Dinge bekommen und nach und nach erfahren, in welchem Verhältnis; es zu den übrigen Geschöpfen der Welt steht. Durch Erfahrung wird der Zögling in den Stand gesetzt, selber zu beurtheilen, was nützlich und heilsam, oder schädlich und verderblich für ihn ist und sein Handeln danach einrichten. Nachdem wir gesehen, was der Erzieher dem Zöglinge gewähren darf und was er versagen soll, beantworten wir die weitere Frage: „In welchem Maße und in welcher Art und Weise soll gewährt und versagt werden?" Gerade im rechten Maß von Gewähren und Versagen bethätigt sich die Umsicht der pädagogischen Pflege. Da die Triebe. Neigungen, Begierden, überhaupt die Bedürfnisse des' werdenden Menschen sehr mannigfaltig sind, so ist es nicht so leicht, dieselben in der richtigen Weise zu befriedigen; denn es kommt ja nicht bloß darauf an, daß diese Bedürfnisse befriedigt werden, sondern es liegt sehr viel daran, wie diese Befriedigung gewährt wird. Werden dem Zöglinge alle Wünsche erfüllt, die er in Bezug auf Essen und Trinken etc. hat, so wird er zur Genußsucht erzogen. Jedes Uebermaß in Betreff der Nahrung, also ein zu vieles Gewähren ist der Gesundheit ebenso nachtheilig. wie Mangel und Dürftigkeit in der Ernährung. Ersteres erzeugt Faulheit, d. i. übermäßige Neigung zum Vegetiren, verbunden mit Widerstreben gegen alles, was den Verdauungsprozeß einschränkt, also gegen Bewegung, Sinnesthätigkeit, Spiel, Unterhaltung, Arbeit, Denken u. s. w. Faulheit ist nur bei Blödsinnigen angeboren, in allen anderen Fällen anerzogen. Sie gedeiht in allen Familien, wo das Viellesen Sitte ist, die Kinder tüchtig gefüttert, im übrigen aber meist ignoriri werden. Der Fehler der Faulheit wird dann noch größer, wenn den Kindern auch ein Uebermaß im Schlafen gewährt wird, oder wenn sie zum gedankenlosen Stillsitzen und Brüten veranlaßt werden durch Einsperren, Vernachlässigung überhaupt, oder wenn man sie in gesellige Kreise Erwachsener, in's Theater, in Konzerte mitnimmt, wo sie sich dann langweilen. Das Gleiche ist in überfüllten Schulen der Fall, wenn man die Kinder zum Stillsitzen zwingt, ohne sie gehörig zu unterrichten oder zu beschäftigen. Werden also dem Zögling möglichst viele Genüsse gewährt (bei Mädchen auch bezüglich der Kleidung und des Putzes), so kommt er sicher dazu, immer nur dem Angenehmen nachzugehen, alle unangenehmen Empfindungen zu scheuen; aus Faulheit und Genußsucht entsteht dann Verweichlichung. Der Verweichlichte ist ganz theilnahmslos für die idealen Interessen des Lebens und verzichtet auf alle höheren Ziele, insofern der Weg zu denselben über unangenehme Empfindungen fiihrt. Stumpfsinn und Selbstsucht sind die Folgen der Verweichlichung. Auch Eigensinn und Trotz stellen sich leicht ein, wenn es einem verweichlichten, verwöhnten Zögling nicht immer möglich ist, seiner gewöhnten Genußsucht zu fröhnen, er wird dann durch Verstimmung seiner Umgebung oft sehr lästig. „Je schwächer ein Körper, desto mehr befiehlt er," sagt schon Rousseau. Da dem Selbstsüchtigen sein Magen und sein Leben mehr gilt als die Zukunft des Menschengeschlechts, so muß die Erziehung durch theilwcise Versagung der Wünsche des Zöglings für Emanzipation von Körperempfindungen eintreten und eine weise Abhärtung desselben anstreben. Dieses geschieht durch eine richtige Gewöhnung, welche den Zögling widerstandsfähig macht gegen Lust und Unlust. Wenn derselbe nämlich schon frühzeitig gewöhnt wird, fleißig zu turnen, sich im Freien zu bewegen, zu baden, zu schwimmen. Fußtouren zu machen u. s. tu., so wird er abgehärtet und lernt auf diese Weise Entbehrungen und Anstrengungen leicht ertragen. Neben der physischen Abhärtung muß aber auch eine geistige eintreten, welche die Seele und ibr Vorstellungsleben von dem Einflüsse der körperlichen Maschine so viel als möglich unabhängig macht. Eine Folge davon wird dann sein, daß sich der Zögling auch an eine schwierigere Arbeit macht und nicht gleich verzagt, wenn die Lösung nicht spielend gefunden wird.

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