Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 84 (22.10.1903)
- Date
- 1903-10-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1829 großen Bewegung gefördert und stets bereitwillig für sie die größten Opfer gebracht hatten. Da die Angelegenheit jedoch nicht recht vom Flecke wollte, wendeten sich die Juden an die Pariser! Kommune um die Förderung ihres Anliegens. Sie! thaten keine Fehlbitte. Der Advokat Godard und der! Abb§ Mulot setzten es durch, daß der Pariser Stadtj rath die Sache für den 30. Januar auf die Tagesord- I nung setzte und die jüdische Abordnung einlud. an! diesem Tage in der Stadtrathssihung zu erscheinen, j In dieser wurde beschlossen, daß der Nationalver-! sammlung die Bitte um die völlige Gleichberechtigung durch eine Deputation vorgelegt werde. Diese erhielt wohl eine günstige Antwort, allein gleichwohl blieb die Sache unerledigt. Die Pariser Kommune urgirte noch - mehrere'Male die Erledigung ihrer Eingabe, umsomehr, als auch die einzelnen Pariser Bezirksvor-! siehungen mit'dem gleichen Anliegen sowohl vor dem! Stadtrath, als vor der Nationalversammlung vor-! stellig wurden. Auch die Jakobinerklubs der Hauptj stadt und der Provinz unterstützten das Verlangen der i Juden. Dem allgemeinen Drängen konnte die Natio-; nalversammlung nicht ausweichen. Endlich, am 27. September 1791. kurz ehe sie auseinander ging, schritt sie zur Verhandlung. Dem Abgeordneten Duport gebührt das Verdienst, anläßlich der Verhandlung über die Freiheit der Kulte die Judenfrage wieder auf's j Tapet gebracht zu haben. Eine heftige Depatte entspann sich nunmehr, die mit der Annahme der Duportschen Motion endete: es wurde der folgende, von Duz Port abgelaßte Beschluß erbracht: „In der Erwägung, j daß alle nothwendiqen Bedingungen, um ein französischer Bürger zu sein und aktiver Bürger zu werden,! durch die Verfassung bestimmt sind, und daß jeder - Mensch, der diese Bedingungen in sich vereinigt, den Vüroereid ablegt und sich verpflichtet, alle von der Konstitution festgesetzten Pflichten zu erfüllen, das Re<bt hat ans alle Vortheile, die sie sichert, widerruft die Nationalversannnlung alle Aufschiebungen, Vorbehalte und Ausnahmen, die in den vorangegangenen Beschlüssen enthalten sind, bezüglich der Juden, die den Büraereid ablegen werden, der als Verzicht auf alle früher mit Rücksicht auf sie erbrachten Privilegien und Ausnahmen betrachtet werden wird." Damit ward die Emanzipation der französischen kruden und ihre Gleichberechtigung zur Tbatsache. Die Prophezeiung der Gegner der J.uden-Emanzivation, daß diese eine qewaltiae Bewegung und gefährliche .^orneLausbrüche des Volkes zur Folge haben werde, bewahrheitete sich nicht im Entferntesten: das Volk blieb ruhia. wie es sich ja überall bereitwilligst den gesetzlichen Verordnungen fügt, wenn es nicht von ge- . willenlosen Hetzern und selbstsüchtigen Agitatoren verführt wird. Aber zur völligen Freiheit und Gleichberechtigung Lv v .... War gleichwohl noch ein weiter Weg zurückzulegen. Erst nach wiederholten, siegreichen Kämpfen mit den stets gewappneten Mächten der Finsterniß gelang es, die französischen Bürger jüdischen Bekenntnisses in Allem und Jedem ihren andersgläubigen Mitbürgern gleichzustellen — nicht blos durch das Gesetz, sondern auch, und das will vielleicht noch mehr bedeuten, im gesellschaftlichen Leben. (Pest. Lloyd.) SettrmgsrraHriÄte« und EorrespsWderrzen. Deutschland. Berlin, 19. Okt. (Der getaufte Jude, ' einAergernißfürJudenund Christen.) Auf dem deutschen Naturforscher- und Aerzte-Kongreß zu Kassel hielt im September der Berliner Professor der Chemie Ladenburg einen Vortrag über den Einfluß der Naturwissenschaft auf die Weltanschauung. Der Vortrag wimmelte von hämischen Angriffen gegen die positive Religion. Ladenburg leugnete das Dasein eines persönlichen, allmächtigen Gottes und ebenso selbstverständlich alle Grundlagen des Glaubens und der Bibel. Darüber nun unendliche Entrüstung in den religiös-christlichen Zeitungen und selbstverständlich in den antisemitischen und antisemitisch gefärbten Blättern. Dieselbe Kreise, die sich sonst nicht genug thun können, in den Versammlungen der.Missionsgesellschaften, in denen, sie von christlicher. Liebe gegen die jüdischen Brüder Lberträufeln, die unendliche Freude heucheln, wenn sie einen solchen Bruder für das Christenthum gewonnen haben, dieselben Kreise ziehen nunmehr über den Juden los, der für sie trotz seiner Taufe nichts weiter als Jude ist und Jude bleibt. Wir sind vollständig damit einverstanden, wenn gegen derartige Schmäher des Glaubens von Seiten aller religiös denkenden Kreise Front gemacht wird. Aber mit dem Judentbum hat dieser Herr absolut. nichts zu thun. Leute ohne jede innere religiöse Ueber- - zeugung, die nur mit der Absicht, ihre geschäftliche, amtliche oder gesellschaftliche Stellung zu verbessern,' ihre Religion wechseln und hiermit jede Erinnerung an ihre Abstammung auslöschen möchten, sind, getauft - oder ungetauft. Menschen, um die man sich weder vom Standpunkte des Christenthums noch des Jüdenthums zu kümmern braucht. Berti», 19. Okt. Die deutsch-soziale Reformpartei bält gegenwärtig hier ihren Parteitag, oder besser, ihren Parteiabend ab, denn wie aus Folgendem ersichtlich, befindet sie sich vor dem Schlafengehen. Die heutige erste Hauptversammlung er'öffnete Chefredakteur ZimmermanN-Dresden als Parteivorsihender mit einem Bericht über „Die Reichstagswahlen und die Thätigkeit der Parteileitung." Der Redner bespricht