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Der Israelit · 1903-10-22 · Heft 84 (22.10.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 84 (22.10.1903)
Date
1903-10-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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gleichgültig verhalten konnten; sie hielten es für angezeigt, auch ihrerseits aktiv in die Frage einzugreifen und die öffentliche Meinung über ihre Lage und Wünsche aufzuklären. Necker selbst ermächtigte sie im Jahre 1789, ihre Klagen in einem Cahier zusammenzufassen, damit dieses sodann der allgemeinen Ständeversammlung vorgelegt werde und zur Grundlage der Verhandlungen diene. Die jüdischen Gemeinden machten von dieser Erlaubnitz Gebrauch und brachten ihre Beschwerden und ihr Begehren in Cahiers vor. Die allgemeine Stimmung war ihnen günstig; die philosophischen Lehren, die damals verdreitct waren, kämpften gegen die hergebrachten Vorurtheile an; die Menschenrechte sollten auf der ganzen Linie zur Geltung kommen, wie hätte man eine ganze Volksklasse von deren Genutz ausschlietzen dürfen? Aber gleichwohl gab es aus ökonomischen Gründen noch genug Gegner der beabsichtigten Reformen, die sich wohl einer i Verbesserung der Lage der Juden nicht ganz verschlossen, von deren Gleichstellung und völligen Emanzipation jedoch nichts wissen wollten. Diese Gegensätze mußten nothgedrungen bei der Verhandlung der „Judenfrage" zum Ausdrucke gelangen. Die Geister waren nicht blos durch die Broschüren hochsinniger und vorurtheilsfreier Männer für eine, gerechte Lösung der brennenden Frage vorbereitet, auch die Staatsgewalt hatte sich an sie mit dem größten Ernste gemacht. Es mag dahingestellt bleiben, ob Ludwig XVI. thatsächlich seinen Minister Malesherbes darum beauftragt hatte, Vorschläge über die Verbesserung der Lage der Juden zu machen, weil er einem jüdischen Leichenzuge begegnete und es gewahrte, wie man sich im Sinne der bestehenden Vorschriften beeilte, die Leiche so heimlich es eben ging, zu bestatten; Thatsache ist es, daß Ludwig X VI. selbst die Initiative zu einer Reform der jüdischen Verhältnisse ergriff (1788). Malesherbes ging ungesäumt an die Arbeit; er berief eine Kommission, in der auch mehrere angesehene Juden der Hauptstadt und aus der Provinz Sitz und Stimme hatten, zu einer Berathung. Der Grundgedanke,' von dem sich Malesherbes leiten ließ, war der. daß nmn den Juden die Menschenrechte gewähren und sie im Staate den andersgläubigen Bürgern gleichstellen müsse; allein gar bald ward er inne, daß die gegen die Juden genährten Vorurtheile noch zu tief im Volke wurzelten, als daß sich mit einem Schlage eine so tiefeinschneidende Reform hätte durchsetzen lassen. Es scheint, daß Malesherbes darum den Mittelweg betreten wollte, indem vorläufig die Lage der Juden blos verbessert, ihnen gleichzeitig Hoffnung auf die Gleichberechtigung gemacht werden sollte. Die inzwischen eingetretenen politischen Ereignille setzten der Wirksamkeit der Kommission vorzeitig ein Ende und die Judenfrage gelängte vor das Forum, das Frankreich eine neue Verfassung zu geben berufen war und den Staat auf neuen Grundlagen aufrichtete; es war nur folgerichtig, daß die Juden sich mit ihren Angelegenheiten an diese Körperschaft wendeten. Als die Nationalversammlung am 26. August 1789 an die Votirung des letzten Artikels der Menschenrechte ging, ließen die Juden von Paris ihr eine Adresse überreichen, in der sie auch für die Juden diese Rechte beanspruchten. Der Abgeordnete Rabaud- Saint-Enenne trat dafür mit den folgenden Worten ein: „Ich bitte um die Freiheit für dieses verbannte, herumirrende, für dieses seit achtzehn Jahrhunderten zur Erniedrigung verurtheilte Volk." Die Frage wurde lebhaft debattirt; die Gegner der Judenemanzipation waren ebenso zahlreich, wie ihre Wortführer. So kam es denn, daß man nicht leicht zu einem Abschlüsse der Angelegenheit gelangen konnte. Fünfundzwanzigmal war.d die Frage auf die Tagesordnung gesetzt und ebenso oft verhandelt. Die bedeutendsten und hervorragendsten Abgeordneten traten für die Juden ein. Neben . dem Abb6 Gr6goir waren es Robespierre, Talleyrand und Duport, die sich der Sache der Inden annahmen; ihre Popularität stieg dadurch eben nicht. — Die Verleumdung dieser Männer blieb nicht aus; man erkühnte sich zu verbreiten, daß sie von den Juden bestochen worden seien. Die Gegner der Gleichberechtigung der Juden wollten blos eine Verbesserung der unmenschlichen Behandlung der jüdischen Bewohner Frankreichs zulassen, denn man müsse j dem Volke nicht vor den Kopf stoßen, nur allmälig j dürfe man den Juden bürgerliche Freiheiten und Rechte einräunien, denn das Volk werde und könne sich nicht zu der Wahrheit bekennen, daß auch die Juden Menschen sind; man müsse es der Zeit überlassen, die eingewurzelten Vorurtheile zu zerstreuen, die blinde Leidenschaft zu mäßigen, und andererseits den Juden Zeit gewähren, sich der großen Wohlthat der Gleichberechtigung würdig zu machen. Man begreift, daß die Juden eine derartige Verschleppung der Angelegenheit abwenden wollten. In einer am 28. Januar 1790 der Nationalversammlung überreichten Petition traten sie gegen diese Lösung auf. „Alles wäre verloren, bemerkten sie sehr vernünftig, wenn ähnliche Ansichten Gefallen fänden." Die Wortführer der Emanzipation ließen sich ausschließlich vom Geiste der Gerechtigkeit und Humanität leiten. Die Erklärung der Menschenrechte, so argumentirten sie. bezieht sich auf alle Bewohner Frankreichs ohne Unterschied. Die Juden müssen darum wie alle Anderen ihres heilsamen Einflusses sich erfreuen. Folgerichtig betonten die Juden in der bereits erwähnten Petition: „Wir fordern keine Gnade, sondern einen Akt der Gerechtigkeit." Sie waren dazu schon darum vollkommen berechtigt, weil sie in selbstloser Weise die nationale Sache bereits im Anfänge der

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